Schreibkraft
Heiner Frost

Treibsand

Vielleicht muss man umdenken. Vielleicht sollte einer, der jemanden ermorden will, nicht den Keller wählen oder ein abgelegenes Waldstück, sondern einen Supermarkt. 30 Menschen als Zeugen. Vielleicht muss nach dem Erinnern gefragt werden – nach dem, was bleibt, was wird – was gewesen ist. Es gibt Dinge, die aus dem Leben sacken, weil sie durch nichts mit Bedeutung oder mit Absurdität aufgeladen werden. „Was haben Sie am 16. Mai 2001 eingekauft?“ „Welche Farbe hatte das Auto, das nach dem Einkauf in der Parkbucht neben Ihrem Wagen stand?“ Und dann: „Wo waren Sie am 11. September 2001? Wenn Sie beim Einkaufen waren: Was haben Sie eingekauft?“ Wer sich auf die Spur des Erinnerns begibt, findet nur selten gerade Linien. Erinnerung wird moduliert und ist – so scheint es –  nicht absolut oder losgelöst möglich. Erinnerung ist eine Art Baukasten. Erinnern ist Addieren. Es geht um Geschichten.

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