Schreibkraft
Heiner Frost

True Crime: Gift und Gegengift

Szene aus: Non-Fiction Études von Demis Volpi. Foto: Daniel Senzek

Die Trigger-Warnung: Geschwindigkeit reduzieren. Ein Abend wie ein Prellbock. Das Brutale von „True Crime“ liegt in der Reduktion – einer Reduktion, von der man nicht weiß, ob sie ins Wesentliche zielt oder aufs Absurde.

Das Geräusch der Gewalt

Drei Stücke werden am Rand des Verbrechens bewegt. Für das Erste – „Chalk“ – hat Capotes „Kaltblütig“ Pate gestanden. Wer sich in Gefahr begibt, muss das Geräusch der Gewalt ertragen, die zur Eckigkeit der Bewegung wird. Ein Mord als Reise ins Undenkbare. Man lässt sich ein oder wird selbst zum Opfer der Choreographie.
Tanz transformiert Geschichten ins Ästhetische. Ein Gegensatz entsteht – scheinbar durch nichts aufzulösen. Man muss Entfremdung aushalten. Man muss der Frage paroli bieten, ob dieses Paradox auflösbar ist – ob man zerschellen will an der Wand des Widerspruchs. Ob man verglühen möchte. An Ort. Und Stelle. Man muss sich – am Ende eines Gemetzels – dem Schlussbild stellen, in dem Richter und ein Gehenkter die Bühne beherrschen und das Ende eines Prozesses andeuten.

Seelenreinigung

„Erlebnis und klärendes Nachsinnen – das wäre ein Rezipienten-Ideal. Das schließt natürlich Verstehen nicht aus, aber wenn du gleich mit dem Verstehen beginnst, geht es in der Regel schief“ (Harald Kunde).
Das Bild des Gehenkten im Kopf sucht man Seelenreinigung. Geht in die erste Pause. Weiß nicht, was kommen mag. Da hat diese Reise ins Geräusch des Abgrunds stattgefunden: der Reiseführer hat sich aus dem Staub gemacht.

Opferrolle

Dann hebt sich der Vorhang zum zweiten Akt. True Crime – ins Absurde verlängert. Der Tanz – umrundet von einem Sprechgesang, der die Kopie der Kopie von etwas Banalem ist. Denk- und Fühlanweisungen für das Publikum werden auf Deutsch gegeben. Das Eigentliche findet in Englisch statt. „Bystanders“ – Herumsteher. Gaffer. Je mehr von ihnen vor Ort sind, desto weniger Hilfe kannst du erwarten. Ein Publikum soll sich, sagt die Anweisungsstimme, in die Opferrolle denken. Aber im vollbesetzten Saal werden alle zu einem Bystanderkollegium. Ein Frage taucht auf: Warum wird das Publikumshandeln in einer anderen Sprache angeleitet als die Handlung selber? Man bleibt zurück hinter der Monstrosität des Unentschlüsselbaren.

Finte

Alles Erklären – stellt sich heraus – ist nur Finte. Da sitzt man und findet nicht in die Loipe – gleitet irgendwie auf vereister Spur.
Was auf der Bühne passiert, lässt sich nicht fassen. Nicht beschreiben. Die eigene Sprache muss zum Theater des Absurden werden. Wenn man es nicht schafft, sich mit dem eigenen Abgrund auseinanderzusetzen, ist die Leinwand des Empfindens geschwärzt. Nichts zeichnet sich ab.

Radikal

Ein Abend, der im Wortsinn radikal ist: an die Wurzel geht. Um das Grauen mit Ästhetik aufzuladen, braucht es Zersetzung. Auflösung. So werden beim zweiten Stück des Abends Bewegungen auf ihr Ausgezacktsein reduziert. Ein Holzschnitt entsteht – beständig pendelnd zwischen dem Grotesken und dem Verschwinden.
Man sehnt sich dem dritten Akt des Abends entgegen, denn das Programmheft kündigt Musik an: Rachmaninow: Études tableaux. Das Stück: Non-Fiction Études. Vielleicht, denkt man, wird nun Wundsalbe aufgetragen. Großflächig. Dann wird man Zeuge einer Verwandlung. Ein Pianist spielt aus einem käfigartigen Gebilde heraus und tatsächlich ist das Schöne längst vergittert. Die Klänge bleiben stecken. Dringen nicht in die Seele, in der längst Verwüstung herrscht, aber die Akteure auf der Bühne trauen sich in den Tanz. Die Fiktion dämmert auf, aber längst hat der Tanz seine Unschuld verloren. Die Tänzer: gehüllt in Blutrot. Capotes Stimme wächst in den Raum: An manchen Stellen wird sie zum Hörspiel – doppelt sich selbst. Wird von Klaviertönen nachgeahmt, während der Pianist zum Pausenmöbel wird. Steve Reich grüßt aus der Ferne. Eine Stimme als sinfonisches Möbel. [It’s gonna rain.]


Andrey Kaydanovskiy: „Chalk”. Foto: Daniel Senzek

 

Stellunggabe

Dann wieder Tanz und Musik. Eine Demarkationslinie wird abgesteckt. Man möchte sich fallen lassen in diesen finalen Akt des Abends und als man schon bereit ist, sich dem Wohlsein auszuliefern, taucht die Erkenntnis auf, dass zum Gift immer auch ein Gegengift gehört. Dass es ein Gleichgewicht braucht. Dass man Zeuge einer Dekonstruktion gewesen ist – gewaltig genug, das Leben durchzuschütteln. Um dem Grauen beizukommen braucht es eine radikale Form: Bewegung wird zum Essay. Aus Stellungnahme wird Stellunggabe. Die finale Musik – rauschhaft romantisch aus dem Käfig strömend – ist Gift und Gegengift zugleich. Die Töne – virtuos ausgegossen – vertrocknet vom Vorher. Auf der Bühne: Capote-Clone. Einer von ihnen drückt dem Pianist nach seinem letzten Ton die Augen zu. Tod, übers Klavier gegossen. Wer gekommen war, um sich zu berauschen, wird unterzuckert den Heimweg antreten. Wer sich stellt, darf nicht notwendigerweise auf Entlohnung hoffen. Erleben und klärendes Nachsinnen. Erkenntnisse im Nachgang: Gift und Gegengift. Darum geht es. Die Triggerwarnung: Bringe dich in Unsicherheit.

Hege Haagenrud „The Bystanders”. Foto: Daniel Senzek

Der Abend: True Crime – Drei Perspektiven zu Wahrheit und Fiktion

Die Stücke:

„Chalk“ / Choreographie: Andrey Kaydanovskiy / Sounddesign: Christoph Kirschfink / Bühne: Sebastian Hannak / Kostüme: Breje van Balen / Licht: Christian Kass / Dramaturgie: Julia Schinke / Ballettmeisterin: Natasha Lagunas

„The Bystanders“ / Choreographie: Hege Haagenrund / Sounddesign: Christoph Kirschfink / Bühne: Sebastian Hannak / Kostüme: Bregje van Balen / Licht: Christian Kass / Dramaturgie: Julia Schinke / Ballettmeister: Uwe Schröter, Damiano Pettanella

„Non-Fiction Études“ / Choreographie: Demis Volpi / Musik: Sergej Rachmaninow – Études -Tableaux / Sounddesign: Christoph Kirschfink / Bühne: Sebastian Hannak / Kostüme: Bregje van Balen / Licht: Christian Kass / Dramaturgie: Julia Schinke / Ballettmeister: Brent Parolin / Klavier: Aleksandr Ivanov
Dauer: circa 2,5 Stunden, zwei Pausen
Die Termine: Freitag, 22. März, 19.30 Uhr, Theater Duisburg / Sonntag, 24. März, 18.30 Uhr, Theater Duisburg / Samstag, 30. März, 19.45 Uhr, Theater Duisburg / Montag, 1. April, 18.30 Uhr, Theater Duisburg / Freitag, 12. April, 19.30 Uhr, Theater Duisburg / Sonntag, 14. April, 18.30 Uhr, Theater Duisburg / Samstag, 20. April, 19.30 Uhr, Theater Duisburg /

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