Schreibkraft
Heiner Frost

Freundliche Übernahme oder: Vienna studies in Kleve

Foto: Rüdiger Dehnen

Kein Appetit

„Besser vorher gut gegessen“, möchte man Besuchern des Museums Kurhaus Kleve raten, wenn sie sich nächstens zur neuen Ausstellung auf den Weg machen.
Mit leerem Magen könnte der Besuch zur Versuchung werden. Wer möchte sich schon im Aggregatszustand „Hunger!“ mannshohen Bockwurstabbildungen aussetzen? Gleich zwei der Räume im Untergeschoss auf dem Weg zur großen Wandelhalle sind ganz und gar „verwurstet“. Man muss also standhaft bleiben.

Mehr als Spielerei

Der uns dies beschert, ist der amerikanische Künstler Lucas Blalock. Und nur um dem allzu dunklen Ahnungen vorzubeugen: Der Mann hat mehr zu bieten als nur Bockwurstvariationen. Was Blalock im Kurhaus aufgebaut hat, ist seine erste große Einzelausstellung in Europa. Blalock hat den Laden übernommen und so viel sei gesagt: Es handelt sich um eine freundliche Übernahme. Da lotet einer Grenzen aus. Es sind die Grenzen der Fotografie. Blalock findet dabei zu einer Fotografie, die Eingriffe sichtbar macht.

Blalock geht so: Man muss die Realität (was ist das schon? ) nicht so lassen wie vorgefunden. Nun gut – diese Idee ist nicht neu, aber die Art, wie Blalock sich von den Vorgaben des Realen löst, um sie im nächsten Augenblick auszustellen, als seien sie das Wirkliche, ist mehr als eine Spielerei. Ist das Dadaismus mit der Kamera? Vielleicht. Wer will das sagen? Mit Schubladen hantiert, wer hilflos ist oder etwas zu beweisen hat.

Lucas Blalock im Kurhaus.
Foto: Rüdiger Dehnen

Copy and paste

Blalocks Kunst kommt nicht daher als wolle sie etwas beweisen. Sie lässt Zusammenhänge entstehen, die man vorher nicht gedacht hatte. Gut – das ist auch mit realistischer Fotografie zu erreichen. Blalocks Bilder sparen allerdings nicht an einer ironisch kommentierenden Note. Er entstellt ein Gesicht, indem er es mit „copy and paste“ aus sich selbst neu zusammenaddiert. Auf einem dreistockwerkhohen Bild glaubt man Brechts Augen zu erkennen – eigentlich ist es der Haarschnitt. Am Ende spielt es keine Rolle, ob‘s der Berthold ist.
Auf anderen Bildern schweben Schnurrbärte durchs Reale – Schnurrbärte, wie Scherzkekse sie auf Wahlplakate malen. Und siehe da: Nebenbei erfährt man von Kuratorin Susanne Figner, dass Blalock Fan von allerlei lustigen Menschen ist. Jacques Tati gehört dazu. Buster Keaton auch. Na bitte – da ist einer nicht mit der Kunst zum Ewig-Ernsten geworden.
Im Begleittext liest man, dass der Blalock sich mit … genau: Brecht und dessen Verfremdungstechnik, (die sich freilich aufs Theater bezog) befasst und auseinandergesetzt hat. Eigentlich ist es nicht so sehr eine Auseinander- als eine Zusammensetzung. Und noch etwas erfährt man: Auf jeder Bildrückseite („Das würden Sie normalerweise gar nicht sehen!“, sagt die Kuratorin) – auf jeder Bildrückseite gibt es ein weiteres Bild. Heimlich ist es da. Twee halen, een betalen, denkt man.

Foto: Rüdiger Dehnen

Fake News

Eigentlich wär‘s ja ein Geheimnis. Aber was ist schon geheim in einer Welt wie der unseren? Blalocks Bilder sind, um in dieser Welt zu bleiben, irgendwie Fake News mit Ansage. „Wenn du‘s glaubst“, scheint da einer zu sagen, „wenn du‘s glaubst, kann ich auch nichts machen.“
Vielleicht ist, was wir gezeigt und somit zu sehen bekommen, ein Kaleidoskop der Unmöglichkeiten, die sich vom Realen weggelebt haben und nun ein eigenes skurriles Dasein führen. Insofern ist die Bockckwurstinvasion des Anfangs (Blalock nennt sie „Vienna Studies“) ein schönes Entree: Auf- und Abreger, Vor- und Nachspeise, An- und Abturner. Blalock jedenfalls hat das Kurhaus übernommen und: er macht Gefangene. Zwei Dinge sind wichtig: Man muss die Bereitschaft mitbringen, sich fesseln zu lassen und: Die Handschellen allerdings muss man selber mitbringen.

Fliegende Bärte
Foto: Rüdiger Dehnen

Museum Kurhaus im Netz

Trailer zur Ausstellung

Foto: Rüdiger Dehnen

Friendly takeover or: Vienna studies in Kleve

In case you decide to go see „Lucas Blalock: …or, Or” at the museum Kurhaus Kleve you’d better have eaten beforehand. An empty stomache could turn your visit into a sneaky temptation otherwise. Who would want to be exposed to man-high pictures of bockwursts? Two rooms on the ground floor have been turned into wursthalls and a hungry eye might blow one’s stack.

To be held responsible for the show: American Artist Lucas Blalock. And  to wipe away dark apprehensions: There’s much more to enjoy than Bockwurst variations. What Blalock has set up in the museum Kurhaus is his first European solo exhibition. He has taken over the museum and one thing’s for sure: it’s a friendley takeover.

Blalock is exploring boundaries. He fathoms fotografy. What he finds is a fotografy that makes intrusions visible. Blalocking is: Don’t you take reality (whatever that might be) for granted. Okay – this is not a new idea, but Blalock is special: Trying to get rid of a „default reality” on one hand he makes it seem to be the only real thing on the other hand. You have to understand: this is more than just a game. It’s virtuoso. Is this Dadism by camera? Who can tell? Compartmentalization always means you’re either unsure or trying to proof something.

Blalock doesn’t come on like he would want to proof something. Blalock’s art creates connections – context – coherences – relations. Okay – this could also be done by „realistic fotografy“. Blalocks pictures do add something: extra annotations. We detect irony. He deconstructs a face by using copy and paste. And yet it’s not deconstruction – its changing structures by adding what has always been the substance of the object he’s using. There’s this three-story-high picture of a guy who might be Brecht. What makes it Brecht? Is it the eyes or is it the haircut? In the end it doesn’t matter whether it’s Brecht or not.

Another picture: moustaches seems hovering along. They are the kind that wisecrackers paint on election posters. And there it is: Curator Susanne Figner tells you that Blalock is a fan. He likes people like Jacques Tati oder Buster Keaton. (That makes sense.) He is not an artist of the refrigerator-kind. He’s alive. Laughing. And so is his art.

Next thing you discover: Blalock is indeed connected to Brecht. Dissassociaton. Theatre. Here it’s fotografy. Balock deals with things like that. It’s an examination. It’s not an exam. And yet there’s more to explore: Blalocks puts little pictures on the rear side of what we get to see. („Normally you wouldn’t see or know that.” Says the curator. So the second picture is some sort of a backdoor image. In Holland they say: twee halen, een betalen. (Buy one, get two.) Thus a secret. But what can remain secret there days? Blocks pictures are announced fake news. „If you believe it – what can I do?” the artist seems to whisper and thus reveals a political layer. Maybe what we are being shown is a kaleidoscope of impossibilities which have long since moved away from reality and do now exist in their own weird Coen-like being. Thinking about that the Bockwurst-invasion of the beginning (Blalock has named them „Vienna studies”) … they seem to be the perfect prelude. They are starter and desert, they’re heating you up and cool you down.

Last important notice: Blalock does make prisoners. Two things become important: be willing to be shackled and: bring your own handcuffs.