Schreibkraft
Heiner Frost

Am Abgrund

Besser, man weint nicht, obwohl Tränen in der Luft liegen. Das Leben ist zu einem Rundflug angetreten. In Fetzen fliegt es durch den Saal. Dass der eigene Vater seine Enkelin drei Mal da unten befingert, ist irgendwie nicht vorstellbar. Die Phantasie reicht nicht bis an diesen Punkt.

Strafverhandlung gegen einen 60-Jährigen aus Rees wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in drei Fällen, in einem Fall in Tateinheit mit versuchten schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und Vergewaltigung in zwei Fällen in Tateinheit mit Körperverletzung. Laut Darstellung der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte sexuelle Handlungen Anfang 2019 an seiner damals 3-jährigen Enkelin in Rees vorgenommen haben. Darüber hinaus soll er von seiner Ehefrau […] mit Gewalt sexuelle Handlungen erzwungen haben.

Vater, Ehemann, Opa

Dass derselbe Mann seine Frau zu dem zwingt, was man Oralverkehr nennt, macht wortlos, aber es verlässt nicht den Bereich dessen, was vorstellbar ist. Dass der Mensch, der über 20 Jahre Vater, Ehemann und später Opa war, so etwas tun kann, reißt eine Familie in Stücke. Es gibt, denkt man, keine Vergebung. Woher soll das Vergeben denn kommen, wenn der Boden, auf dem man gestanden, gelebt, geliebt hat, unter den Füßen verschwindet? Woher soll Vergebung kommen, wenn ein Traum zerplatzt, eine Illusion – etwas, das andere Familie nennen?

Ganz sicher

Da sitzt auf der Anklagebank ein Mensch, der alles zugibt und nicht weiß, wie das passieren konnte. Zumindest das mit der Enkelin. Nie hat er vorher über so etwas nachgedacht – nie Kinderpornos gesehen. Er besitzt nicht einmal einen Computer, geht also nicht ins Netz – nicht in das Netz, das sich weltweit nennt. Da sitzt ein Mann, der selbst zur Polizei gegangen ist, „weil ich meine Enkel schützen wollte“. Später allerdings erfährt man, dass es im Haushalt des Angeklagten Pornohefte gegeben haben soll. Und wäre der Angeklagte nicht zur Selbstanzeige „ausgerückt“ – die Tochter hätte ihn angezeigt. Ganz sicher.

Es schmerzt

Die Vergewaltigung der eigenen Frau – die Folge einer mit den Jahren eingetretenen Ödnis, die – das soll hier festgemauert werden – nichts entschuldigt. Die Frau hat vor Jahren eine Totaloperation gehabt. Verkehr fand nur noch selten statt. (Eigentlich will man nicht ins Leben dieser beiden hinuntersteigen – nicht hinterherschleichen: es schmerzt. Und doch muss man hin.)

Depressive Episode

Der Mann auf der Anklagebank ist anscheinend (scheinbar?) ratlos im eigenen Leben. Er war und ist in Behandlung. Depressive Episode. Jetzt bekommt er Medikamente. Er war in einer Klinik. Zwangseinweisung. Auf eigenen Wunsch. Geht das? Über die Taten ist nicht geredet worden in der Therapie. Falsch: Es wurde wenig darüber gesprochen. Später erfährt man, dass da einer sich irgendwie allem verweigert hat.

Nein gelernt

„Was haben Sie gelernt?“, fragt der Vorsitzende. „Ich habe gelernt, daß Wort Nein zu akzeptieren.“ In der Therapie hat der Angeklagte seine neue Lebensgefährtin kennengelernt. Da läuft alles gut. Auch die Sache mit dem Sex. Die Ehefrau ist auf dem Weg zur Ex-Ehefrau. Die Scheidung läuft. Im Saal treffen zwei Welten aufeinander. Die Welt der Familie, zu der es keinen Kontakt mehr gibt, ist – vermutet man – eine Welt aus Hass, Verletzungen und Scherben. Eine schwarz gestrichene Welt.

Zeugen

Erst mit den Zeugen treffen in diesem Prozess das wirkliche Elend, die Verwüstung, die Trostlosigkeit und die Ohnmacht ein. „Wir hatten ein Scheißleben“, sagt der Sohn unter Tränen. „Ich hatte gedacht, wir würden zusammen alt werden“, sagt eine vom Leben – nein: von ihrem Mann enttäuschte Frau, die von ihrer Tochter so beschrieben wird: „Die war einfach abhängig von dem. Die hat sich aufgegeben. Die ist einfach nur dick geworden. Die saß nur noch rum.“

Hier. Jetzt.

Sie alle müssten nichts sagen. Das Gesetz schützt Kinder und Eheleute vor der Zerreißprobe, gegeneinander aussagen zu müssen. Jeder Zeuge, auf den das zutrifft, wird belehrt. „Sie müssen hier gar nichts sagen.“ Aber: Sie wollen aussagen. Sie wollen reden. Wollen der Ohnmacht mit Worten entkommen. Alles muss raus. Hier. Jetzt.

Strafprozessordnung, Paragraph 52: Zur Verweigerung des Zeugnisses sind berechtigt: 1. der Verlobte des Beschuldigten; 2. der Ehegatte des Beschuldigten, auch wenn die Ehe nicht mehr besteht; 2a.  der Lebenspartner des Beschuldigten, auch wenn die Lebenspartnerschaft nicht mehr besteht; 3. wer mit dem Beschuldigten in gerader Linie verwandt oder verschwägert, in der Seitenlinie bis zum dritten Grad verwandt oder bis zum zweiten Grad verschwägert ist oder war.

Zuhören – weiterleben

Das Zuhören verursacht Schmerzen und man denkt, wenn das Zuhören weh tut, wie ist es, all das erleben zu müssen? Der Angeklagte – ein Doppelmensch. Jekyll und Hyde. Da sitzen zwei und scheinen nicht zu wissen von der Existenz des jeweils anderen. Geniales Täuschungsmanöver oder Untergang im eigenen Leben? Das konstruiert man sich zusammen, um diese Erzählung schadlos zu überstehen.

Steuerungsfähigkeit

In einer Verhandlungsunterbrechung hat das Gericht einen Psychiater herbeitelefoniert. Er soll ein Gutachten erstatten. „Wir meinen, dass wir uns das mit fachlicher Hilfe genauer ansehen müssen“, sagt der Vorsitzende. Es geht um die aufgehobene oder eingeschränkte Steuerungsfähigkeit. Die Frau, die Tochter, der Sohn – man findet sie alle an dieser Abrisskante, die das Erträgliche vom Unerträglichen trennt. Da sitzen sie und versuchen, trotz allem irgendwie sachlich zu bleiben. Der Sohn sagt: „Das ist nicht mehr mein Vater.“ Die Ex-Frau fragt den Richter: „Wissen Sie eigentlich, wie weh das tut?“ Sie meint ihren Körper, den der Angeklagte benutzte, und sie meint ihre Seele. Sprachlos ist das Entsetzen im Saal. Was sollkann man denn auch sagen? Die Sprache stellt nichts mehr zur Verfügung.

Gute Seiten?

„Er hatte doch auch seine guten Seiten“, sagt die Frau und es wirkt wie der zum Scheitern verurteilte Versuch, die zerstörte Vergangenheit zu erklären. Vielleicht hätte man sich selbst von diesen Aussagen ausschließen sollen, wenn das Gericht es nicht tut. Und doch sitzt man da und sucht nach Erklärungen. Dass diese Menschen noch leben, wirkt wie eine Tat der Tapferkeit. Wenn sie das Leben schaffen, wird man selber ja wohl noch das Zuhören schaffen. Es ist am Ende eine Repsektsbezeugung.

Alles in Ordnung

Der Mann auf der Anklagebank ist ein Mensch, der eine Familie hatte. Es fällt schwer, ihm nicht den Ort zu wünschen, an dem er da sitzt. Justiz hat andere Aufgaben. Vorne am Richtertisch: Menschen, die alles tun, um jene Atmosphäre zu schaffen, die die Opfer vor dem Verlorensein rettet. Und wäre da nicht die Zeugenbetreuerin, die im Saal alles im Blick behält – die Seelen, die Menschen, die Spannungen – man möchte nicht dabei sein.
Am Ende des ersten Tages: Die neue Lebensgefährtin. Alles sei in Ordnung, sagt sie. Auch die Sache mit dem Sex.

Zukunft?

Die Zukunft? „Das hängt davon ab, wie das hier zu Ende geht.“ Das Echo der Aussage des Sohnes frisst sich in den Saal zurück: „Manchmal bin ich dazwischen gegangen, wenn der was von meiner Mutter wollte. Ich habe dann gesagt: Jetzt reicht‘s.“ Und manchmal habe die Mutter zum Vater gesagt: „Dann mach‘s doch, damit Ruhe ist.“ Bei Vollmond sei es immer am schlimmsten gewesen. Der Richter fragt nach. Längst weint auch der Mann auf der Anklagebank.
Wer soll all die Tränen weinen, die hier geweint werden müssen?
Wer kann vergeben? Wer kann vergessen? Kann man vergeben, ohne zu vergessen? Geht es umgekehrt? Man möchte verschwinden. Sich verkriechen. Allein sein, aber: allein ist nicht allein genug. Schreiben statt schreien.