Schreibkraft
Heiner Frost

Zwei Fingerspitzen

John Akomfrah, Purple, 2017

 

„John Akomfrah ist der größte lebende Künstler“, sagt der Museumschef und man denkt: Ja, ja – lass sacken, Alter. „Purple“ heißt Akomfrahs Arbeit, die bis zum 5. Juli im Museum Kurhaus gezeigt wird. Es gibt nur einen Raum – da läuft ein Film, der 60 Minuten dauert. Umgotteswillen denkt man und geht hinein …


… Was dann folgt, ist schwer in Worte zu kleiden. Herz und Seele sind am Anschlag – schon nach den ersten Sekunden. Ein Wort schiebt sich ins Hirn: Überweltigung. Da läuft – auf sechs großen Leinwänden– das Leben: deines, meines, unseres. Man reist in eine Welt, die man zu kennen glaubte. Man reist in eine Projektion, die nichts Spektakuläres hat – keine Effektparade. Nach drei Minuten fragt man sich, warum einem die Tränen kommen. Da legt sich ein Film auf Seele und macht empfindlich. Jedes Bild sagt: Ihr seid das. Wir sind das. Man sieht Bilder aus der Vergangenheit – Menschen, die sich am Leben abarbeiten, indem sie es führen. Zwischendurch denkt man: alles, was du siehst, ist längst untergangen: Freude, Leid, Lärm, Ruhe. Dann rutschen die Bilder zurück ins Jetzt: ein leises Gleiten setzt ein. Der Raum wird von Schönheiten geflutet und von allem, was das Industriezeitalter an Fluch zu bieten hat und an Segen. Es steht nirgends, niemand sagt es, aber man ahnt: Die Welt hat nur diesen einen Versuch. Die Erkenntnis trifft bildweise ein. Die Melancholie war irgendwie sofort da.
Jede der Leinwände für sich genommen erzählt in ruhigem Fluss. Akomfrahs „Purple“ saugt die Energie aus dem Gleichzeitigen. Was sich abspielt, lässt sich nicht beschreiben – nicht zusammenfassen. Was sich da abspielt – auch das sei gesagt – muss nicht Jedermanssache sein. Aber: wer sich einlässt auf diese Re-Inszenierung der Wirklichkeit, taucht tief in die eigenen Gedanken und wird zum Kissen, das mit Leben betropft wird.
Müsste man erklären, was es zu retten gilt: Purple wäre Teil der Antwort. Müsste man erklären, was nicht gebraucht wird: Purple wäre die Antwort. Da ist einer am Werk, der begriffen hat, dass die Addition des Ursprünglichen das beste Regiekonzept ist. Da ist einer am Werk, der sich nicht um Genres zu kümmern scheint. Da zieht einer eine Spritze auf – gefüllt mit allem, was Mensch und Welt zu bieten haben.
Da setzt einer zur Landung im Begreifen an – macht Ansichts-Vorschläge für die, die sich nicht aufspielen und man kann sich vorstellen, dass, lange nach dem wir alle von diesem Planeten verschwunden sind, „Purple“ noch immer zu sehen ist. Man fühlt sich an „Soylent Green“ erinnert – einen Endzeitfilm, in dem Edward G. Robinson im Sterben vor einer Leinwand liegt, auf der die Welt ihre Schönheit zeigt und gleichzeitig Beethovens Pastorale zu hören ist. Alles – alles verändert sich: die Welt, die Musik, das Leben, das Denken. Dann stirbt Robinson und wird zu „Soylent Green“ verarbeitet. Wo der Film aus den 70-er Jahren die Wirklichkeit nachbaut und kinogerecht mit Emotion aufpumpt, setzt einer wie Akomfrah auf nichts als die Beobachtung und der Instrumentierung. Instrumentierung ist nicht Instrumentalisierung. Akomfrah hört Weltbilder mit dem Stethoskop der Kamera ab – holt Material aus Archiven und dem Jetzt und wird – ohne zu erklären – zum Erzähler. Man muss vielleicht nicht 60 Minuten dasitzen und zuschauen, aber eines muss man: den Kopf abschalten und ganz Schwamm werden. Was dann folgt, ist ein irgendwie unbeschreibliches Findungs-Erlebnis, an dessen Ende eines allerdings nicht steht: eine Lösung.
Man taucht aus dem Dunkel auf und erlebt die Welt anders – schaut anders, hört anders, fühlt anders. Das Museum Kurhaus – und also Kleve – wird zu einem besonderen Ort. „Purple“ ist ein Energiekraftwerk der besonderen Art.
Im Jahr 1977 starteten zwei Raumsonden der NASA. Ziel: die Erkundung des äußeren Planetensystems. An Bord: Datenplatten. Adressaten: Außerirdische. Auf den Platten: Die Beschreibung unserer Welt: in Tönen, Bildern, Daten. Man sollte, denkt man, nachdem Purple zu Ende ist, die Sonden zurückrufen und um eben dieses Werk ergänzen. Es lässt sich nicht viel mehr sagen über die Welt. Man sollte sich täglich ein Stück von Purple ansehen und spüren, was von der Welt zu lernen ist. Akomfrah lässt spüren, was Kunst vermag, wenn sie Luft lässt und sich nicht einmischt. Irgendwie, denkt man an Michelangelos Erschaffung des Adam: zwei Fingerspitzen berühren sich …

Fotos: Rüdiger Dehnen.
Übersetzung: Alexander Schlutz

P.S.

Wenn aus der Welt zu reisen wäre,

dann – gern – im Herbst,

wenn Bäume Festbeflaggung zeigen.

Das Leben bleibt benutzt zurück:

Ein Land, in das du nicht mehr reisen kannst.

Jetzt nicht mehr vor und nicht zurück,

jetzt nur der Punkt, ein Nichts.

Verglüht und bunt gestorben wie ein Blatt.