Schreibkraft
Heiner Frost

Kulturbaustelle

Ein bisschen fühlt es sich an wie bei Tom Sawyers Zaunstreichstelle: Die Stimmung auf dem Bau ist perfekt. Man möchte einfach mitmachen. Dazu ein Satz mit sieben ‚W‘: Wir wissen, was wir wollen.“ Aber: immer schön der Reihe nach …

Aufbruch

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Stimmung bei den Leuten vom Theater im Fluss eher ängstlich. Wir erinnern uns: Das Gelände an der Ackerstraße sollte verkauft werden und (nicht nur) bei den Theaterleuten ging die Angst um: Da kommt einer und reißt alles ab. Manchmal kommt es anders. Hört man die Leute vom „Theater im Fluss“ jetzt über Clemens Wilmsen, den Käufer des Geländes, reden, klingt alles nach Aufbruch und Zuversicht. Ein Ergebnis der Entwicklung: Es wird umgebaut. Andreas Giese, einer der Leute aus der Theatertruppe: „Momentan läuft alles super. Der Clemens hilft uns. Er hat dafür gesorgt, dass mit einem Räume-Tausch unser Theater jetzt quasi unter einem Dach arbeiten kann.“ Ein „bisschen umgebaut“ werden muss dafür schon. Und eben das läuft derzeit.

Von 9 bis Ende offen

Giese: „Nach unserer letzten Premiere am 3. Juli haben wir noch in der Nacht mit dem Umbau angefangen.“ Jetzt wird täglich zwischen 9 und Ende offen gebaut, was das Zeug hält. Giese: „Die Stimmung hier ist einfach fantastisch. Es sind im Schnitt immer bis zu zehn Jugendliche vor Ort und helfen.“ Darunter auch Ehemalige, die mehr oder weniger zufällig von der Aktion erfahren haben. Lena und Lucas zum Beispiel waren gerade aus Köln zu Besuch und erfuhren vom Umbau: Jetzt sind sie für drei Tage auf der Baustelle, bevor es für die beiden zurück nach Köln geht.

Baustelle mit Gemüsebetrieb

Mitarbeiter des Monats ist Janis Krebbers. Giese: „Janis ist derzeit einen Monat lang unser Büroleiter.“ Bei Krebbers laufen die Baufäden zusammen. Wer Material braucht – und somit Geld –, wird bei ihm vorstellig. Auf der Kulturbaustelle wird aber nicht nur gearbeitet. „Wir kochen hier auch zusammen. Der Clemens hat uns hinter dem Gebäude ein Stück Fläche zur Verfügung gestellt, wo wir Sachen anbauen können.“ So gilt jetzt: Baustelle mit angeschlossenem Gemüsebetrieb. Zu finden ist übrigens auch ein Weinstock. Ironie der Geschichte: Hat man je einen Theaterbetrieb erlebt, der hinter dem Haus Tomaten anbaut? Zugegeben: Pointen wie diese zünden erst nach vier Sekunden.

Spenden

Janis Krebbers: „Auf ‚betterplace.org‘ kann jeder, der uns unterstützen möchte, Geld für den Umbau spenden.“ Von den 10.000 Euro, die für die Maßnahme angesetzt sind, wurden bisher 2.000 Euro eingenommen. Das Motto der Aktion: „Theater im Fluss über Wasser halten.“ (https://www.betterplace.org/de/projects/80504-theater-im-fluss-e-v-ueber-wasser-halten). Die Bilanz am 13. Juli: 21 Prozent finanziert, 37 Spenden, 7.807 Euro fehlen noch.

Der Clemens

Wieder fällt der Name Clemens Wilmsen: „Der Clemens unterstützt und berät uns und kümmert sich um den Sanitärausbau“, erklärt Giese und Janis Krebbers ergänzt: „Das würde der ja nicht machen, wenn er das Ding demnächst abreißen will.“
Alles können die Jugendlichen nicht in Eigenregie erledigen, auch wenn sie wissen, was sie wollen. Da wären die erforderlichen Brandschutzmaßnahmen. Aber da sind auch handwerkliche Tätigkeiten, mit denen sich die Baunovizen nicht wirklich auskennen. Es kann passieren, dass zunächst mal ein Profi dabei ist, der vormacht, wie es sein muss. Giese: „Das erlebst du ja sonst nicht, dass da ein Handwerker was tut und am Ende gibt es spontan Applaus von Jugendlichen. Das ist auch für die Handwerker etwas Besonderes.“ Apropos Handwerker: „Wenn die Profis uns mit Material oder Know-How unterstützen würden, wäre das natürlich ganz fantastisch“, rufen Krebbers und Giese alle Handwerker zur Unterstützung des Projektes Kulturbaustelle auf. „Wer uns helfen möchte, kommt entweder gleich vorbei oder ruft beim Theater im Fluss an.“ Die Telefonnummer lautet: 02821/979379.

Klassenziel

Das „Klassenziel“ beschreiben Giese und Krebbers so: „Natürlich möchten wir nach den Sommerferien den Spielbetrieb wieder aufnehmen.“ Etwas mehr als drei Wochen bleiben also bis zum Überqueren der Ziellinie. Zu tun gibt es jede Menge. Wenn alles fertig ist, verfügt das Theater im Fluss übrigens über einen Flächenzuwachs von rund 100 Quadratmetern. Giese: „Wir werden dann erstmal so etwas wie einen Backstage-Bereich haben und mittels einer Akustik-Wand können wir die Fläche verändern.“ Ebenfalls im Bau: Eine behindertengerechte Toilette. Der gesamte Raum soll nach der Fertigstellung dann auch rollstuhltauglich sein. „Vor allem beim Bau der Behinderten-Toilette hoffen wir auch noch auf Unterstützung seitens der Aktion Mensch“, erklärt Giese beim Rundgang über die Baustelle. Am Eifer der Helfer wird es am Ende nicht liegen. „Alles, was wir hier lernen, ist ja auch im weiteren Leben wiederverwendbar“, betont Giese den besonderen Mehrwert des Mit-Anfassens. Auch wichtig: Die Hierarchien auf der Kulturbaustelle sind denkbar flach. „Das Tollste hier ist die Stimmung“, betont Giese und schon denkt man an Tom Sawyer: Was muss man eigentlich tun, um mitmachen zu dürfen? „Nix. Einfach kommen.“

Urlaub

Was sagen denn eigentlich die Theaterchefs Harald Kleinecke und Yvonne Campbell Körner? Giese: „Die sind zurzeit in Urlaub.“ Nicht schlecht, denkt man. Und Giese fügt hinzu: „Den haben die sich redlich verdient.“

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