Schreibkraft
Heiner Frost

Am anderen Ende

Da sitzen sie und lächeln. Bei der Maiskorn-Geschichte wird ein Lachen daraus – fast fröhlich. „Es war eine besondere Zeit“, sagt Hildegard und Inge nickt.

Heirat zum 60.

Ulrichs Wunsch: Inge heiraten, An seinem 60. Geburtstag. Ulrich: ein Bär von einem Kerl. 1,85. Pfleger in der Forensik. Er und Inge: Zweittäter beim Heiraten. Jeder bringt aus seinem ersten Leben zwei Kinder mit. Die Hochzeit am 25. Januar 2019. Uli, den alle Papabär nennen, bleiben noch sieben Monate. Es wird nicht gut enden.
Inge und Uli haben sich in der Reha kennengelernt – 2018 war das. Wo die Liebe hinfällt. Der Hochzeitsplan entsteht. Papabär verändert sich: Manchmal fällt ihm das Sprechen schwer. „Er klang manchmal irgendwie verwaschen“, sagt Inge. Er solle doch mal zum Arzt gehen, rät eine Freundin. Uli macht einen Termin, Es ist der Tag, an dem er und Inge das Aufgebot bestellen. Vorher noch schnell zum Arzt. Der rät: Sofort ins Krankenhaus. Gar nicht erst nach Hause und Klamotten holen. So-fort ins Krankenhaus. Es ist der 13. September 2018.

Erst das Aufgebot

Inge ist Pragmatikerin: Man muss ja nicht unbedingt zuhause Klamotten holen, aber kurz zum Standesamt: das Aufgebot bestellen. So viel Zeit muss sein. Dann trifft das Unheil ein. Die Diagnose, die Uli gestellt bekommt: Amotrophe Lateralsklerose (ALS). „Das ist eine brutale Krankheit“, sagt Inge. „Du endest als Gefangener im eigenen Körper.“ „Stephen Hawking“ denke ich – 1942 geboren, 2018 gestorben. Mit 21 erhielt Hawking seine Diagnose und schaffte danach noch über 50 Jahre. Fast jeder kennt das Bild des Mannes, der im Rollstuhl saß und nur noch kommunizieren konnte, indem er mit den Augen Buchstaben auf einem Monitor anvisierte und so Worte und Sätze formte.

Ein Mann am Meer

Für Uli lief es anders. Man solle, sagte der Arzt, der die erste Diagnose stellte, eine zweite einholen. (Manchmal ändert auch eine zweite Meinung nichts am Unabänderlichen.) Inge und Uli heiraten im Januar 2019. „In die Kirche konnte er noch laufen. Eine Woche später – bei unserer Hochzeitsparty, die ihm so wichtig war – ging er schon am Rollator.“ Noch einmal sieben Tage später reisen Inge und Uli zu den Center-Parks: Hochzeitsgeschenk der Kinder. „Da saß er schon im Rollstuhl.“ Ulis größte Angst: Am Ende ersticken. Inge: „Uli hatte keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Ersticken hat er sich panisch gefürchtet.“ Inge zeigt Ulis Bild: ein Mann am Meer. Uli beherrscht das Bild. „Da hatte er schon abgenommen“, sagt Inge. Wenn man‘s nicht weiß, lässt das Foto keine Ahnung zu.

Dann kommt das Begreifen

Die ersten Wochen nach der Diagnose: Tränen. Uli weint. Inge weint. Inge: „Die eigentliche Erkenntnis kommt irgendwie mit Verspätung. Es ist, als ob du dich schneidest: Zuerst ist die Stelle taub – dann kommt das Gefühl zurück. Dann kommt das Begreifen.“ Uli leidet an einer besonders aggressiven Form von ALS. Ihm und Inge ist klar: Sie werden es allein nicht schaffen. Einer, der andere Menschen pflegte, muss nun sein Leben in andere Hände legen. Aus dem Helfer wird ein Hilfsbedürftiger. Inge: „Eine Freundin hat mich auf das Palliativ-Netzwerk Rhein-Maas aufmerksam gemacht und von dort habe ich dann den Kontakt zum ambulanten Hospiz in Kleve bekommen. Ich wusste damals gar nicht, dass es so etwas gibt. Für mich bedeutete Hospiz immer: stationär.“

Hildegard

Jetzt kommt Hildegard ins Spiel. Sie ist eine von mittlerweile mehr als 90 Menschen, die andere auf ihrem letzten Weg begleiten – ehrenamtlich. Hildegard ist seit 1994 dabei. An Uli erinnert sie sich gut. „Wir sprechen noch heute oft über ihn. Der hatte so viel positive Energie.“ „Ohne Hildegard und die anderen Begleiter wäre es nicht gegangen“, sagt Inge und man sieht es in ihren Augen: Das ist kein leerer Satz. Wer erlebt hat, was sie und Uli erlebt haben, hat leere Sätze hinter sich gelassen. „Ich hätte das nicht geschafft ohne Hildegard und die anderen. Das steht fest.“ Uli, Inge und Hildegard: eine Allianz auf Zeit. Ein Team für ein besonderes Finale. „Inge, pass auf dich auf“, sagt Hildegard einmal.

Darüber denke ich nicht nach

Wie ist das, wenn man jemanden kennenlernt und vom ersten Augenblick an ahnt, es wird aller Voraussicht nach eine Begleitung auf dem letzten Weg? „Darüber denke ich nicht nach“, sagt Hildegard, Bäuerin, Hausfrau und Mutter. Sie ist, denke ich, eine Frau mit Erfahrung – eine, die das Wichtige vom Nebensächlichen trennen kann und irgendwie auch trennen muss. Das heißt nicht, dass eine Sterbebegleitung nicht auch irgendwo „ganz normal“ sein kann. Niemand ist in der Lage, unbegrenzt auf Abruf zu leben.

Maiskörner

Inge hat Uli ein Säckchen mit Maiskörnern mit auf die letzte Reise gegeben. „Ich habe dem Bestatter gesagt: Alles, was der jetzt noch in den Taschen hat, bleibt drin.“ Maiskörner? „Ich kannte mal eine alte Dame, die sagte: Wenn ich tot bin, gebt mir ein paar Maiskörner mit – da kann ich‘s dann im Krematorium noch mal richtig krachen lassen.“ Inge lacht. Hildegard lacht. Dorothee lacht auch.

Zum Schutz

Dorothee ist eine der Koordinatorinnen für das ambulante Hospiz. Wie wird man Sterbebegleiter? Dorothee sagt: „Man nimmt Kontakt zu uns auf. Irgendwann findet dann ein Vorgespräch statt.“ Vor was? „Vor der Ausbildung. Alle unsere Ehrenamtlichen durchlaufen eine circa 80 Stunden umfassende Ausbildung.“ Gibt es für Sterbebegleiter ein No-Go? „Wir sagen allen unseren Leuten, sie sollen niemals ihre private Telefonnummer herausgeben. Das hat vor allem etwas mit Schutz zu tun. Man kann nicht untunterbrochen auf Abruf sein. Und wenn jemand nicht die Kraft hat, dann können wir das den Angehörigen besser mitteilen.“

Überwiegend weiblich

Wird eigentlich Sterbebegleitung eher von Frauen gemacht? „Ja“, sagt Dorothee. „Unsere Männerquote liegt zurzeit bei circa 10 Prozent und wir wünschen uns, dass es wesentlich mehr werden.“ Manchmal sei auch die männliche Sicht auf die Dinge wichtig.
Wer Kontakt zum Hospiz aufnehmen möchte, kann unter der Telefonnumer 02821/4901113 anrufen. Am Ende des Gesprächs bleibt die Frage, die man ungern stellen: Wie teuer ist eigentlich eine solche Sterbebegleitung? Dorothee sagt: „Das kostet nichts.“

In Inges Armen

Uli ist am Ende eingeschlafen: in Inges Armen. „Er hatte ja diese Angst vor dem Ersticken, aber sein Palliativ-Arzt hat ihm, als es zu Ende ging, eine sedierende Spritze gegeben. Uli konnte nicht mehr. Und er wollte auch nicht mehr. “ Ulis Wunsch: sich verabschieden von allen Menschen, die ihn begleitet haben. Er hat – ein paar Wochen vor seinem Tod –Inge seinen letzten Brief diktiert: Sie hat ihn aufgeschrieben. „Es war eine besondere Zeit“, sagt sie und Hildegard nickt.
Wie wichtig ist der Glaube, wenn man Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet? „Für mich ist der Glaube sehr wichtig“, sagt Hildegard und Dorothee sagt: „Ich habe die Idee, dass irgendwo am Ende jemand auf uns wartet. Meine Freundin ist Hebamme. Sie begrüßt die Menschen und wir verabschieden sie.“

Etwas mitnehmen

Uli soll das letzte Wort haben: „Danke, dass ich als glücklicher Mensch gegangen bin. Die Zeit, die ich mit allen lieben Menschen verbracht habe, hat mir immer viel Kraft und Stärke gegeben. Besonders war ich überrascht, wie viele mir während meiner Krankheit beigestanden haben, mein Denken zu verändern. Wo auch immer meine Seele hingehen wird – gewiss werde ich von jedem etwas dahin mitnehmen. Einen besonderen Platz in meinem Herzen und meiner Seele haben auch meine Engel vom Hospiz und vom Palliativnetzwerk.“