Schreibkraft
Heiner Frost

b.36 – Am Schwanensee

Foto: Gert Weigelt (Marcos Menha als Siegfried und Marlúcia do Amaral als Odette.)

Jetzt also die Wallfahrt zum Zentralgestirn des Balletthimmels. Spaziergang am Schwanensee. Gut, dass es Zitat gibt: „Man sollte alle Ballette Schwanensee nennen. Das Publikum würde kommen.“ Sagte einst der Choreograph George Balanchine (1929-1983). Na denn.


Am Ende brandet Beifall auf. Drei Stunden hat man hingehört und hingesehen. Am Ende des Hinsehens: Ein furiosvirtuos agierendes Tanzensemble. Am Ende des Hinhörens: Eine irgendwie monströse Partitur des Sich-Wiederholens. Das Orchester – gut geführt auf der Spur der Schwäne. Und trotzdem: Tschaikowksy, der doch so genial sein kann, stiftet vor allem grandiose potemkinsche Konstruktionen. Das Genie macht Urlaub. Der Schwanensee am Ententeich.

Besoffen

Martin Schläpfer sieht in der Partitur theatralische Kraft und Leidenschaft, vergleicht mit Wagner und spricht von einem „Sog, der einen als Zuhörer völlig umspült und geradezu ‚besoffen‘ macht“. Was, um Himmels willen, hat man nicht mitbekommen? [Vielleicht ist man zu nüchtern. Kommt ja vor: die anderen feiern und je lauter sie feiern, desto einsamer fühlt man sich. „Trink doch einen mit.“ „Danke. Lieber nicht.“] Vielleicht ist man einfach mit falschen Erwartungen angereist? Erwartungen an sich sind ja Anlaufstellen fürs Enttäuschtsein und -werden. Am besten, man reist leergeräumt an und lässt sich mit Eindrücken beatmen.
Schläpfer also und das Neue Testament des Balletts – Schwanensee. Man hat Grandioses gesehen. Man hat sich eingedacht und eingefühlt in Schläpfers Kosmos. Schläpfers Choreographien: Seismographische präzise Analysen menschlicher Seelenzustände. Und jetzt? Ein Handlungsballett. Märchenhaft kommt es daher. Entrückt. Vielleicht hatte man eine Stellungnahme erwartet – eine liebeserklärende Demontage der Illusionen. Vielleicht ist man der einzige, der‘s nicht verstanden hat. Vielleicht meckert man auf hohem Niveau.

Virtuos. Beseelt. Begeisternd.

Vielleicht sollte gelobt werden. Ja! Das Ensemble – Schläpfers Ensemble: Irgendwie allem gewachsen. Virtuos. Beseelt. Begeisternd. Unverwüstlich souverän. Wenn Schwanensee der heilige Gral des Balletts ist, dann will doch jeder dabei sein. Vielleicht ist das eines der Stücke, für die man mit allem begonnen hat.
Vielleicht merkt man aber auch das: „Ich bin ein Choreograph von heute, habe ein anderes Menschenbild, liebe eine andere Freiheit und einen anderen Menschentypus“, sagt Schläpfer in einem Interview, das sich im Programmheft findet. Vielleicht merkt man, dass da einer in einer anderen Welt unterwegs ist – sich hineintastet ins Märchenhafte. Vielleicht bleibt der Widerspruch bestehen, den Schläpfers Welt und die Welt die Schwäne aus einem anderen Jahrhundert bilden müssen. Sie können nicht anders. Vielleicht ist es nicht einmal die Musik, die sich quer stellt. Vielleicht ist es das Vorgeformte, das zur Fußfessel wird, obwohl die da vorne entfesselt tanzen. Widersprüche also.

Freies Land

Natürlich bleibt für einen wie Schläpfer noch immer genügend Spielplatz, um menschliches Drama zu inszenieren und natürlich gibt es in Schläpfers Schwanensee atemraubend Schönes, Anrührendes, Umwerfendes. Es tritt immer dann ein, wenn der Handlungsfaden freies Land bietet, das abseits des Vorgeschriebenen in Besitz genommen werden kann. Gefühle sind nicht an Partituren gebunden. Tschaikowskys Partitur – irgendwie zu offensichtlich. Irgendwie zu manipulativ für einen Freigeist, wie dieser Choreograph einer ist. Wenn im Schläpferschwanensee die Aktion ins Pantomimischtonlosleere läuft, baut sich in Sekundenbruchteilen eine kaum erträgliche Spannung auf. Man spürt eine Unsicherheit beim Publikum: Ballettseligkeit trifft dann auf das Fragezeichen des Choreographen. Zwischendurch sitzt man da und denkt: Jetzt auf einen Knopf drücken und dieser Choreographie eine andere Musik spendieren. Eine, die nicht besoffen macht. Eine, die sich zurücknimmt und alles Großartige irgendwie korsettfrei dem Tanz überlässt. Mozart, Bach, Ligeti? Vielleicht würde das Entrücktabsurde weiterhelfen und den Schwanensee hollywoodfern verorten.

Weinend am Wasser

Vielleicht ist man nicht sentimental genug, um sich weinend ans Wasser hocken. Vielleicht hat man das Sich-Einlassen schon verlernt. Alles ist möglich, wenn man dasitzt und denkt, dass man nicht in den Abend passt. Vielleicht ist Schläpfers Schwanensee grandios in allen Teilen, vielleicht das Bühnenbild inspirierter als man dachte. Vielleicht ist es so, dass brilliante Einzelteile nicht zueinander finden wollen. Vielleicht ist man selbst das Hindernis. Vielleicht ist man zu süchtig nach den Verschachtelungen und Kantigkeiten, mit denen einer wie Schläpfer sonst die Tanzmenus veredelt.
Am Ende: Rauschender Beifall. Die unten gearbeitet haben – ob nun im Graben, auf der Bühne oder im Vorfeld – haben ihn verdient. Niemand schreibt, um zu zerstören. Vielleicht muss man sich – bei Filmen ist das häufig so – zwei Wochen später fragen, was geblieben ist. Vielleicht bleibt viel mehr, als in einer noch so frischen Vergangenheit zu ahnen ist.

Foto: Gert Weigelt (Sonny Locsin als Rotbart und Ypung Soon Hue als Odettes Stiefmutter)

Weitere Aufführungen

Düsseldorf: Donnerstag, 21. Juni; Freitag, 22. Juni; Mittwoch, 27. Juni; Mittwoch, 11. Juli; Donnerstag, 12. Juli (jeweils 19.30 Uhr). Sonntag, 15. Juli, 15 Uhr; Freitag.
Duisburg: 28. September; Samstag, 29. September; Freitag, 5. Oktober; Freitag, 19. Oktober, Samstag, 27. Oktober (jeweils 19.30 Uhr). Sonntag, 7. Oktober, 18.30 Uhr. Sonntag, 4. November, 15 Uhr; Freitag, 21. Dezember; Samstag, 22. Dezember, Mittwoch, 26. Dezember (jeweils 19.30 Uhr).
Düsseldorf: Dienstag, 8. Januar; Samstag, 12. Januar (jeweils 19.30 Uhr).

Dauer: circa 3 Stunden inklusive Pause

 

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