Schreibkraft
Heiner Frost

Sinkflug

Ade

Saschas Reise war lange geplant. Abreise: ein Tag vor dem 35. Geburtstag. Ein Pendeln zuerst: hier der Abschied, dort die Verheißung. Die letzten Tage: zufriedene Tage. Tage mit der Familie, den Freunden, den Bekannten. Ausgelassen fast. Zufrieden irgendwie.

Am 25. Mai – einen Tag vor dem Geburtstag: die Abreise. Die Fahrt zum Ziel: Sascha nimmt das Rad. Es ist 22.45 Uhr am 24. Mai 2017. Sascha reist ohne Gepäck. Es gibt kein Zurück. Auf seinem Schreibtisch: der Brief. „Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Ich fühle mich gut aufgehoben. Ich gehe mit einem Lächeln. Es ist Zeit für mich.” Um 22.59 Uhr stellt Sascha das Rad am Geländer der Brücke ab. Eine Minute später: der Sprung.

Untergehende

Was folgt ist das Elend der Zurückbleibenden. Ertrinkende im Schmerz die einen – Untergehende in ihrer ohnmächtigen Wut die anderen.

Im Jahr 2018 starben in Deutschland insgesamt 9.396 Personen durch Suizid – 25 Tote jeden Tag. Menschen, die den Freitod wählen, sollte man nicht Selbstmörder nennen. Es ist das falsche Wort.

Paragraph 211, Strafgesetzbuch: Mörder ist, wer aus Mordlust zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

Nichts davon trifft auf Sascha zu. „Du stirbst nicht, weil du sterben willst – du stirbst, weil du nicht weißt, wie du noch leben sollst”, sagt Karl Meurs, Polizist im Ruhestand und Jack Kreutz, Psychiater, nickt. „Da rennen Sie bei mir offene Türen ein.”

Männer nahmen sich deutlich häufiger das Leben als Frauen, rund 76 Prozent der Selbsttötungen wurden von Männern begangen. Das durchschnittliche Alter von Männern lag zum Zeitpunkt des Suizides bei 57,9 Jahren. Frauen waren im Durchschnitt 59,1 Jahre alt. 1980 nahmen sich beispielsweise noch rund 50 Personen pro Tag das Leben. Während (siehe oben) in Deutschland im Jahr 2018 9.396 Menschen durch Suizid starben, kamen 3.275 Verkehrsteilnehmer bei Unfällen ums Leben.

Wut ist gut

Kreutz sagt auch: „Wenn einer den Freitod wählt, tut er nicht nur sich selbst Gewalt an, sondern vor allem denen, die zurückbleiben. Manche werden von Trauer überwältigt, andere von der Wut.“ Es ist die Wut auf den, der gegangen ist, ohne einen Abschied zu ermöglichen. Trauer und Wut sind gleich wichtig. „Wut ist gut”, sagt Kreutz, „aber es ist auch wichtig, sobald es möglich ist, die Motive des Gegangenen zu prüfen. Meist legt sich irgendwann die Wut.” (Kaum jemand wählt den Freitod, um tot zu sein. Die meisten wissen nicht, wie sie leben sollen.) Natürlich gibt es unterschiedlichste Gründe für einen Freitod. Bei Sascha waren es die Depressionen. Saschas Freunde: Voller Trauer die einen – wütend die anderen. Die Wütenden fühlen sich betrogen: um einen Abschied – um eine Chance zu helfen.

Befreit

Jack Kreutz: „In den allerwenigsten Fällen merken Freunde, Bekannte oder Verwandte im Vorfeld eines Suizides etwas von dem, was sich da anbahnt. Es ist eher das Gegenteil. Viele erleben die Menschen, die den Freitod wählen, gerade in den letzten Tagen als sehr gelöst und von einer Last befreit. Das ist nachvollziehbar, denn für denjenigen, der gehen will, ist mit dem Fassen des Entschlusses eine Last gewichen. Es ist die Last, nicht mehr weiter zu können.”

80 Prozent

So war es auch bei Sascha. Kreutz: „Sieht man sich die meisten Fälle in der Rückschau an, scheint es für alles eine passende Begründung zu geben. Aber das bedeutet eben nicht, dass man vorher eine Chance hatte, etwas zu ahnen.“ Genau darum geht es ja: die anderen sollen nichts merken. Sie würden vielleicht zu Verhinderern werden. Das Schlimme und Tragische ist ja, dass man Menschen, die aus einer schweren Depression heraus den Freitod wählen, helfen könnte. In einer Kombination aus Therapie und Medikation”, schätzt Kreutz, „hätten mindestens 80 Prozent dieser Patienten die Chance auf Heilung.”

Manche Menschen mit Depressionen möchten keine Medikamente einnehmen, weil sie fürchten, dann nicht mehr die zu sein, für die sie sich halten. Andere bekommen Medikamente, fühlen sich besser und denken irgendwann, dass „es jetzt auch ohne geht”. Das stellt sich meist als fataler Irrtum heraus.

Heute

Wenn Karl Meurs auf seine Arbeit im Opferschutz zurückblickt, kommt ihm ein Gedanke: „In meiner Arbeit im Rahmen des Opferschutzes (und die hatte dann ja meist auch mit Lebenskrisen von Menschen zu tun), konnte ich eine Frage immer stellen: ‚Wie geht es Ihnen?‘ Diese Frage wirkt im Alltag oft wie eine Floskel – und sie ist es ja auch meist, weil nur wenige wirklich hören wollen, wie es einem wirklich geht. Da aber, wo ich für Menschen manchmal auch über längere Zeit Ansprechpartner war, habe ich diese Frage um ein Wort erweitert: ‚Wie geht es Ihnen heute?'“

Jeder 7.

Mindestens jeder 7. Mensch leidet einmal im Leben an einer behandlungsbedürftigen Depression. Und was ist eine Depression? Kreutz: „Stellen Sie sich das als eine Art Stoffwechselerkrankung im Gehirn vor.” Der Begriff „depressive Anpassungsstörung” fällt. Auf „www.aerztezeitung.at” heißt es zu diesem Thema:

Anpassungsstörungen sind Reaktionen auf eindeutig belastende Situationen wie zum Beispiel Beendigung einer Beziehung oder auch bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Wesentliches Problem dabei: Aus klinischer Perspektive wurde keine Symptom-Checkliste formuliert, anhand derer man die Störung eindeutig festmachen kann.”

Jack Kreutz: „Oft genug wissen die Patienten nicht, was ihnen fehlt.“ Wichtig ist, ins Gespräch zu kommen.

Die Büchse der Pandora

Jack Kreutz sagt es so: „Die depressive Anpassungsstörung ist eine Art Büchse der Pandora, die man besser nicht öffnet.” Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, suizidieren sich übrigens zehn Mal häufiger als andere Menschen. Zahlen – man muss sie ans Leben andocken. Kreutz:„Für Ärtze – seien es Hausärzte oder Psychiater – ist es wichtig, zu erkennen, dass da ein Patient ist, der eine Depression entwickelt hat. Das funktioniert heute schon wesentlich besser als, sagen wir, vor 20 Jahren.” Trotzdem geht es noch immer um die nötige Akzeptanz. Depression ist kein „ich hab gerad‘ mal keinen Bock”. Depression ist ein Krankheitsbild. Jemandem, der unter Bluthochdruck leidet, würde niemand sagen: „Reiß dich mal zusammen. Stell dich nicht so an.”

Trauert nicht um mich

Sascha hat eine unvollendete Geschichte hinterlassen. Die Erkenntnis: Der Tod ist schlimm für die, die zurückbleiben und sich in ihrem Schmerz nicht zurechtfinden. Was für Sascha das ersehnte Ende einer fortgesetzten Unerträglichkeit war – so muss er sein Leben in den schwarzen Stunden, Tagen, Wochen, Monaten empfunden haben – ist für Verwandte, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen ein unauflöslicher Widerspruch.

„Trauert nicht um mich”, heißt es nicht selten in Abschiedsbriefen, aber für die Zurückgebliebenen lässt sich das nicht einfach umsetzen, denn sie empfinden all das nicht als Erlösung – können es so nicht empfinden. Was sie empfinden ist ein Verlust, der weit über den Verlust eines Menschen hinausgeht. Es ist der Verlust von Verankerung im eigenen Leben. Jack Kreutz: „Die Folgen: Die Hinterbliebenen empfinden Schuldgefühle. Nicht selten auch Scham. Es bleiben Fragen: Hätte man verhindern können, was passiert ist? Hätte man etwas merken können? Merken müssen?” Es bleiben auch solche Fragen: Wie kann jemand so egoistisch sein? Wie kann jemand mich so arglistig täuschen?

Einem Suizid, der nicht in der Lage ist, Verständnisbemühungen zu mobilisieren, wird noch immer mit Unverständnis (wenn nicht gar Verurteilung) begegnet. Sowohl in der klinischen Arbeit, als auch in der Forschungsliteratur zu Suizid und Abschiedsbriefen wird immer wieder die Frage nach den Gründen für die Entscheidung zur Selbsttötung aufgeworfen.

Quelltext

Viele Geschichten

Wer in einem Gespräch das Thema Suizid anschneidet, stellt bald fest, dass fast jeder eine Geschichte hat: der Schulkamerad, der sich vor den Zug warf; die Mutter des Freundes, die sich erhängte. Fast all diese Geschichten enden mit einem Achselzucken. Sie enden in einem diffusen Erinnerungsnebel, denn sie sind nie vollständig erzählt worden.

WHO

Laut WHO (World Health Organization) liegt die weltweite Zahl der Suizide pro Jahr bei circa 800.000. Das bedeutet: ein Suizid-Opfer alle 40 Sekunden. Jedem erfolgten Suizid stehen mehr als 20 versuchte Suizide gegenüber. Berichte in den Medien können die Suizid-Vorbeugung stärken oder schwächen. Die Forschung zeigt, dass Berichte über Suizide das Risiko erhöhen können (Copycat-Effekt/ Werther-Effekt) – andererseits kann verantwortungsvolle Berichtersttattung zur Aufklärung und somit zur Reduktion beitragen. Es geht darum, Stigmata abzubauen und einen offenen Dialog anzustoßen.

WHO: Daten zum Thema Suizid

WHO Vorbeugung: Material für die Presse

WHO Vorbeugung: Material für Lehrer

Gelöscht

Saschas Facebook-Account: Gelöscht. Sein Asche – er hatte es sich gewünscht – wurde in die Nordsee gestreut. „Wenn ich einen Wunsch habe, ist es der: Ich möchte in euren Köpfen überleben.“ Aus dem fröhlichen Fest, das Sascha sich gewünscht hatte, ist nichts geworden. Zu groß die Schmerzen. Manche haben immerhin ein Lächeln versucht.

„Ich wünsche euch allen sehr bald wieder ein frohes Leben.“ (Sascha)

Wichtiger Hinweis: Es hat Saschas Fall so nicht gegeben. Der Name für diesen Text wurde frei gewählt. Die Geschichte: ein Mosaik aus vielen Erzählungen. Alle Einzelheiten stimmen mit unterschiedlichen Fällen überein. Übrigens sind in den meisten Ländern der Welt die Suizidraten in den letzten 20 Jahren gesunken.

Das Lesen des Textes hat (vielleicht) circa drei Minuten gedauert. In dieser Zeit sind (laut Zählung der WHO) vier Menschen durch Suizid umgekommen. Jedem Suizid stehen 20 Versuche gegenüber.

 

 

 

für Andreas