Schreibkraft
Heiner Frost

Dschungelbuch oder: Wegweiser zur Grammatik

Seit ihrer Kindheit stand fest: „Ich möchte irgendwann ein Buch schreiben.“ Die Tante, sagt Ingeborg-Veronika Reinhardt, habe einen „unbekannten Bestseller“ hingelegt. Titel: „5.000 Tipps.“ Mal eben googeln …


Der Traum vom Buch

… tatsächlich – da ist es: „Luise von Kotarski, 5.000 Tipps von A bis Z“. Ein Ansporn? Offensichtlich. Ingeborg-Veronika Reinhardt hat jes ihrer Tante gleich getan und ein Buch veröffentlicht: „Aufbau und Regeln der deutschen Sprache. Ein Wegweiser durch die Grammatik.“ Warum nicht?, denkt man: Auch darum muss sich schließlich jemand kümmern. Frage an die Autorin: „Aber Sie haben nicht schon als Kind von einem Grammatikbuch geträumt?“ Die Antwort versetzt den Fragenden (könnte man eigentlich auch ‚Frager‘ sagen) in einen Zustand der Tiefenentspannung: „Nein.“

Permafrost

Die Reinhardt schreibt Gedichte. („Jeden Tag mindestens eines.“) Da tauchte dann irgendwann die Frage nach dem Hochreck der Sprache auf. Grammatik – das ist ja für nicht wenige (man könnte natürlich auch ‚für viele‘ schreiben – aber das ist eine Frage der Stilistik) – Grammatik ist also für nicht wenige ja eher eine Art Folterkammer des Sprachlichen. Will sagen: Gern geht man nicht in die Tiefe. Andererseits: Regionen wie die der indirekten Rede, des Konjunktiv zwo, des Plusquamperfekts und andere sind für viele (jetzt also einmal andersherum) gewissermaßen Permafrostböden.

Die richtige Adresse

Was also, wenn wir (das ist jetzt natürlich fast schon kumpelhaft) – was also, wenn wir Lust verspürten, der Grammatik auf den Grund zu gehen oder dieselbe aufzufrischen? Ingeborg-Veronika Reinhardt ist sicher, dass sie und respektive ihr Buch dann durchaus (in welche Wortgruppe gehört eigentlich ‚durchaus‘?) die richtige Adresse sein könnten. 270 Din-A-4 ringlochgebundene Seiten sind nicht eben das, was man als Am-Stück-Lektüre auf die To-Do-Liste setzen würde. Reinhardt sieht ihren „Wegweiser“ als Produkt für [mutige] Einzelkämpfer. (Die eckige Klammer zeigt an, dass das Wort mutig nicht von ihr benutzt wurde.)

Quasi huckepack

Man gewinnt den Eindruck, dass es wesentlich kurzweiliger sein könnte, die Autorin (quasi huckepack) dazuzubekommen. (Drei Wörter? Eines? Oder muss es drei Worte heißen?) „Jedes Wort hat zwei Seiten“, sagt die Reinhardt und man denkt: Richtig. Kann mal jemand erklären, dass ‚der Verdienst‘ etwas anderes ist als ‚das Verdienst‘ oder ‚der Schild‘ etwas anderes ist als ‚das Schild‘? Aber das ist ja nicht Grammatik. Aber vielleicht dies: Am 1. Dezember letzten Jahres. Aber: Am 1. Januar die-ses(!) Jahres. (Merke: Bei ‚letzten Jahres‘ könnte man ein ‚des‘ ergänzen, nei ‚diesen Jahres‘ garantiert nicht.) Das hört man (nur mal so am Rande) auch aus Richtermündern immer wieder unrichtig.

Verständliche Darstellung

Zurück zum Thema: Ingeborg-Veronika Reinhardt – da beißt die Maus kein Faden ab – hat sich richtig ins Zeug gelegt mit ihrem Grammatikwegweiser. Und ja – natürlich würde sie auch Seminare geben und Nachhilfe in Sachen Grammatik. Sagt sie. Sie schreibt: „In dem Fachbuch geht es um die verständliche Darstellung der grammatischen Regeln. Die deutsche Sprache besteht aus klaren Anwendungen und wiederkehrenden Strukturen. Die sich daraus ergebenden Muster sind im ersten Teil des Buches zu sehen. […] Im zweiten Teil des Buches geht es um die Regeln der deutschen Sprache. […] Die Erklärungen sind unkompliziert und ohne Schnörkel.“

Wessen-Fall plus Beifügung

Okay – einfach mal irgendwo aufschlagen. Seite 240. Der Wessen-Fall (Genitiv) plus Beifügung (Attribut). „Das Hauptwort (Substantiv) kann im Wessen-Fall (Genitiv) auch weiter verfeinert werden. Diese Verfeinerung heißt Beifügung (Attribut). Beispiele: Die Wohnung des freundlichen Nachbarn. Der Ertrag des beständigen Fleißes.“ (Haaaallo – ist noch jemand da?)

Durchs Gestrüpp

Natürlich: Es ist lobenswert, dass da eine ist, die sich mit der Machete des Analysierens durchs Sprachgestrüpp kämpft und Zusammenhänge findet (detektiert). Deutsches Sprache, schweres Sprache. [Gut, dass wäre dann jetzt falsch, denn es heißt ja nicht das Sprache sondern die Sprache.]
Ingeborg-Veronika Reinhardt hat, so scheint es, das Glas mit der undurchsichtigen Grammatik bis zur Neige gelehrt: furchtlos und engagiert. Die Vorarbeiten sind erledigt, denn das nächste Buch soll ein Gedichtband werden, indem es – da dürfen wir sicher sein – grammatikalisch (oder grammatisch) höchst richtig zugehen wird.

Eigenes Tempo

Zurück ins Jetzt: Der Wegweiser zur deutschen Grammatik ist im Selbstverlag erschienen: ISBN 978-3-00-0064813-7 und sowohl im Buchhandel als auch bei Amazon erhätlich: Der Preis: 24,90 Euro. Wer übrigens Ingeborg-Veronika Reinhardt für einen Vortrag oder ein Seminar buchen möchte, wendet sich an ingeborgreinhardt@online.de
Die Autorin schreibt: „Jeder Benutzer des Buches kann sein Lerntempo selber* bestimmen. und auswählen, was […] interessant oder von Bedeutung ist.“ *(Muss es eigentlich ‚selber‘ oder ‚selbst‘ heißen? Im Internet lerne ich auf  „„https://www.duden de/rechtschreibung/selber_selber_pronomen“ … Ach was: Im Interessenfall einfach mal selber hinsurfen.)

Wortarten

Nachsatz: Unter dem Stichwort „Wortarten“ findet sich auch das ‚Teilchen‘ (Partikel). „das Teilchen bezieht sich auf das, was in einem Satz gesagt wird. Beispiel: Okay, lass uns gehen. […] Das Teilchen kann keine Gruppe von Wörtern bilden.“ Okay – dann mal Schluss jetzt, bevor‘s an die Umstandswörter geht. Letzte Frage: Ist ‚schwanger‘ eigentlich ein Umstandswort?