Schreibkraft
Heiner Frost

Theater total oder: Galgenfeld und Waterloo

Foto: Rüdiger Dehnen

Na bitte: ein Schauspieler. Endlich mal was anderes.

Bekannt ist der nicht.

Der Urkundsbeamte hat schon gegoogelt: „Bekannt ist der nicht.“ Ein Schweizer zudem. Herr Z. aus Bern. Was sagt uns das über das Verhältnis von Juristerei und Kultur? Vielleicht wird ja das Verruchte erwartet – die Inaugenscheinnahme einer ansonsten schwer einsehbaren Welt. Mal sehen.

Zufallstreffer

Es geht um Drogen. Na bitte: Ein Mann fährt von Bern nach Amsterdam. Kommt zurück mit mehr als 50 Kilogramm Haschisch hinter einer Doppelwand im Kofferraum. Für den Zoll: Ein Zufallstreffer im Rahmen eines Routineeinsatzes.
Herr Z. ist bezopft: Pferdeschwanz. Nach hinten gebunden. Ein Herr jenseits der 60. Einen großen Fisch der Drogenszene stellt man sich anders vor. Aber Juristerei und Vorstellung sollte man nicht vermischen.

Katastrophenlehrbuch

„Wie möchten Sie es halten?“, fragt der Vorsitzende den Angeklagten. Es geht um darum, ob er aussagen wird oder nicht. Er wird. Herr Z. bietet eine Jugend aus dem Katastrophenlehrbuch. Kinderheim folgt auf Kinderheim. Prügel. Übergriffe. Beten und Schläge. Er kann, sagt er, alles belegen. Z. hat sich ein Skript gemacht. Natürlich: Seit Oktober denkt er an nichts anderes als diesen Tag. Z. hat eine Ausbildung zum Anstreicher gemacht und hat dann den Schauspieler nachgelegt – Hochschule der Künste, Bern. War sogar im Ensemble des Theaters Bern. Danach: Anstreicher und freier Schauspieler. Spätestens jetzt denkt man über ein Drehbuch nach. Z. war nie verheiratet. Er hat einen Sohn: schwer psychisch krank, schwer drogenkrank. Der Sohn lebt im betreuten Wohnen. „Ich bin der einzige, der einen Draht zu ihm hat“, sagt Z.

Keine Schulden, keine Drogen, keine Strafen

Vorsitzender: „Haben Sie Schulden?“ Z.: „16.000 Franken. Steuerschulden.“ „Was verdienen Sie?“ Z.: „1.000 Franken habe ich an Rente. Dazu kommt Unterstützung vom Staat. 1.100 Franken.“ Wie viel Miete zahlen Sie?“ Z.: „850 Franken.“ Z. hat eine Herz-OP gehabt. Man hat ihm einen Stent eingesetzt. „Wie fühlen Sie sich?“ Z.: „Derzeit gut.“ „Haben Sie eine Einzelzelle in der Untersuchungshaft?“ Z.: „Ich bin auf einer Zweierzelle.“ „Nehmen Sie Drogen, trinken Sie Alkohol?“ Z.: „Nein.“ „Haben Sie irgendwelche Vorstrafen?“ Z.: „Nein. Keine.“

Herr Pisccopo

Dann die Aussage „zur Sache“. Z. hat im Supermarkt ein Inserat an der Pinnwand gesehen: „Fahrer gesucht.“ Er meldet sich bei der angegebenen Nummer. Fährt zu einem Büro am Galgenfeld(das Drehbuch) und trifft: Herrn Francesco Pisccopo. (Rollo Tomasi, denke ich. Aber das verstehen nur Film Fans. „L. A. Confidential“. Macht nichts.) Pisccopo bietet 2.000 Franken für eine Kurierfahrt. Das Auto wird gestellt. Das spielt sich im Jahr 2018 ab. Pisccopo will ein Auto beschaffen. Er wird es auf den Namen von Z. anmelden. Wenn es so weit ist, wird Herr Pisccopo sich melden. „Und das Auto?“, fragt der Vorsitzende. Das hat Z. erst beim ersten Auftrag gesehen. Mittlerweile war man zwei Jahre weiter. Z. hat nie nach dem Verbleib des Wagens gefragt. Der wurde ja gebraucht und Z. hatte doch sein eigenes Auto. Opel.

Fahrt nach Amsterdam

Im Oktober 2020 der Anruf. Fahrt nach Amsterdam. Dort das Auto an einer vorbestimmten Stelle postieren, zweieinhalb Stunden warten – dann Rücksturz in die Schweiz. Z. soll im „Café Amsterdam“ warten. „Ich habe da gefrühstückt“, erinnert er sich. Vorsitzender: „Wo war das Café?“ Z.: „In der Waterloostraße.“ (Pisccopos Büro im Galgenfeld, das Café in der Waterloostraße – das kannst du nicht erfinden.) Z. hätte nie gedacht (er dehnt das ‚nie‘ wie die Fahrt von Bern nach Amsterdam), „dass ich Drogen transportiere.“ Vorsitzender: „Aber was haben Sie gedacht?“ „Geld vielleicht. Ich weiß es nicht mehr.“ Vorsitzender: „Ihnen ist aber schon klar, dass die Niederlande ein Hauptumschlagplatz für Drogen sind?“ Z.: „Nein.“ Vorsitzender: „Waren Sie vorher jemals in den Niederlanden?“ Z.: „Nein. Nie.“
Später hält der Richter dem Angeklagten vor, dass man nach Auslesen der Handy-Daten nachweisen kann, dass Z. [eigentlich müsste man ja sagen: Z.s Handy] mehrmals in den Niederlanden war. Z.: „Dann habe ich Ihre Frage falsch verstanden. Ich dachte, Sie meinen die Zeit, bevor ich Herrn Pisccopo getroffen habe.“

Sieben Stunden

Vorsitzender: „Wie lang hat die Fahrt von Bern nach Amsterdam gedauert?“ Z.: „Sieben Stunden.“ Die Entfernung beträgt laut Google 832,9 Kilometer. Fahrtzeit: Acht Stunden, 32 Minuten. Z. muss schnell unterwegs gewesen sein. Vorsitzender: „Wann sind Sie losgefahren?“ Z.: „Morgens um 9.“ „Und wann waren Sie in Amsterdam: „Um 19 Uhr.“ Okay. Das sind zehn Stunden. Und: Wer geht abends um 19 Uhr in ein Amsterdamer Café um zu frühstücken? Man hat extra die Notizen von vor einer halben Stunden durchforstet. „Ich habe im Café Amsterdam in der Waterloostraße gefrühstückt.“
Ach ja – noch was: In der Mittelkonsole des Autos, mit dem Z. unterwegs war: Ein Taschenmesser. Ganz schlecht. So was kann zu „bewaffneter Einfuhr werden“. Nietzsche: Wenn du zum Dealer fährst, lass das Messer daheim.

Ganz entspannt

Zwei Zeugen sagen aus: Zollfahnder. Sie haben einen absolut ruhigen Mann erlebt. Seeehr ungewöhnlich. Z.: „Ich bin halt ein ruhiger Typ.“ Z. wird in jedem Fall wegen „Einfuhr“ verurteilt werden. Hat er auch Handel getrieben? Und das Messer? „Ein Picknickmesser.“ Man glaubt‘s. Wer würde sich denn mit so einem Ding Chancen in einem Kampf ausrechnen?
Ach ja: Da wäre noch der Kassiber. Z. hat versucht, einen Brief aus der JVA zu schleusen. Der Vorsitzende liest vor. Es klingt so, als habe Z. jemanden in der Schweiz gebeten, ein Inserat (rückdatiert) zu entwerfen: Fahrer gesucht. Z. sagt, er habe aufgefordert, in seinen Unterlagen daheim in Bern nach dem Inserat zu suchen.

Wer will das sagen?

Die Zeit ist abgelaufen. Man muss los. Der nächste Termin. Keine Plädoyers. Keine Urteilsverkündung. Anruf beim Pressesprecher: „Können Sie mir bitte eine Mail schreiben, wenn das Urteil ‚raus‘ ist?“ „Wie war‘s denn?“ „Unterhaltsam auf jeden Fall.
„Sehr geehrter Herr Frost: der Angeklagte ist wegen Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt worden.“

Fragen

Ob es Herrn Pisccopo wirklich gibt? Wer will das sagen? Ist Herr Z. ein guter Schauspieler? Wer will das sagen? Ist er‘s gewesen? Wer will das sagen? Es gab – wie soll man sagen – Verstrickungen. Nicht alles passte ineinander. Manchmal landet einer beim dritten Durchgang des Erzählen irgendwie beim Gegenteil des Anfangs. Z. wird Zeit zum Nachdenken haben und die JVA Kleve demnächst vielleicht eine Theatergruppe.