Schreibkraft
Heiner Frost

b. 39 – Sitzen, Bleiben oder: die Stille im Herzen

b.39 Dances with piano. Choreografie: Hans van Manen; Foto: Gert Weigelt

Das Fazit zuerst: Ein schöner Abend. Man möchte sitzen bleiben nach den letzten Tönen. Einfach so lange sitzen bleiben, bis vielleicht jemand kommt und sagt: Wir beginnen von vorn.

Schläpfers Melange

b. 39 spielt mit der Stille im Herzen. Müsste man ein Wort erfinden – es wäre „Kammertanz“. Nicht laut, nicht schrill, nicht pompös. Die große Kunst der kleinen Dinge – das ist b. 39. Wer, bitte, vertanzt schon 44 Violinduette? Da braucht es einen Martin Schläpfer, der aus Bartóks großartigen Kleinigkeiten eine Etude für Ensemble-Instrumentation macht: Kaum „Massenszenen“ – viel Inniges. Schläpfer beherrscht diese geniale Mischung, in der Komik, Folklore und Dringlichkeit die Bühne beherrschen und ineinanderwachsen. Vielleicht sind die 44 Duette eine Art Prequel zu Schläpers Choreographie der Ungarischen Tänze von Brahms. Vielleicht sind sie eine Art nachgedachte Vorstufe; eine Art Sowohlalsauch mit anderen Mitteln. Und wer da dachte, 44 Duette für zwei Violinen seien ein Schlafmittel am Ende des Tages, sollte sich Catherine Ribes und Dragos Manza nach Hause bestellen und Schläpfers Compagnie am besten gleich dazu. Die 44 Duos scheinen fast zu intim für eine große Bühne. Man möchte sich in Stille einpacken lassen nach den letzten Tönen und hat begriffen, dass Kleinigkeiten alles andere sind als Bedeutungslosigkeiten. Wer wissen möchte, wie intim das Große daherkommen kann, den sollte man zu Schläpfer und Bartók schicken.

Hingabe und Abschied

Der Abend: Eine Klammer, die im Nichts beginnt. Was mit zwei Violinen endet, hatte mit Klavier begonnen. Musik von Mompu, Villa-Lobos und Bach hinter sechs Tanzenden zu verschränken – darauf muss einer erst einmal kommen. Hans van Manens „Dances with piano“ kommt auf so etwas. Da heiraten auf offener Bühne ein Spanier (Frederico Monpou), ein Brasilianer (Heitor Villa-Lobos) und der barocke Großvisier aus dem barocken Thüringen (Johann Sebastian Bach). Van Manens Sextett tanzt sich über den Äquator der Jahrhunderte – macht die Goldberg-Variationen zum sportlichen Ereignis voller Witz und saugt sich fest an den Klängen der anderen. Mompou und Villa-Lobos sind Klangschaffende. Wo bachbarock die Töne kaum Ruhe geben, arbeiten Mompou und Villa-Lobos an Ton-Aquarellen und van Manen beantwortet spanisch-brasilianische Klangwolken mit Zärtlichkeiten auf der Bühne. Alles pendelt zwischen Hingabe und Abschied. „Beim Choreographieren ist es sehr wichtig – und darauf lege ich stets besonderen Wert –, dass die Persönlichkeiten in den Tänzerinnen und Tänzern zu sehen sind. […] Sie müssen menschlich sein, mit menschlichem Blut in den Adern.“ Sagt van Manen, und „Dances with piano“ ist der Beweis für eben dies. Van Manen instrumentiert Begegnungen auf offener Bühne. Das Publikum wird fast schon zum Voyeur, denn auch bei ihm regiert (und reagiert) das Intime. Wenn einer käme und sagte, man könne Bach, Mompou und Villa-Lobos nicht in einen Tanz packen – man wüsste jetzt, wohin er zu schicken wäre.

b.39 atmosphere;  Choreografie: Martin Chaix; Foto: Gert Weigelt

Die Macht des Schönen

In der Mitte des Abends: „Atmosphères“ von Martin Chaix. Eine andere Annäherung an die Stille. Das Stück startet mit Pendereckis „Intermezzo“ für 24 Streichinstrumente. So, wie die Streicher in die Partitur schlingern, erobern die Tänzer im Nebel die Bühne. Ganz großes Kino. Ganz große Bilder. Und doch bleibt auch hier alles intim. Großartige Kleinigkeiten. Das Stück landet bei Ligetis „Atmosphères“. Ja – was da stattfindet ist in der Tat eine Landung. Es ist eine Landung in Fragen. Ligeti inszeniert die Auflösung der Klänge und Chaix antwortet mit einem Echo aus Bewegung, die immer verhalten bleibt – sich niemals aufdrängt. Zwischen dem Einatmen aus Penderecki und dem Ausatmen aus Ligeti: Luftanhalten aus Beethoven. Da wird das tausend Mal gehörte und fast verbraucht geglaubte Adagio cantabile aus der Klaviersonate Nr. 8 (Pathétique) von Beethoven zum fast schockierend schönen Zentrum – zur Blaupause all dessen, was Menschen an Schönheit produzieren können. Ein Zentrum, das in seiner wunderbaren Schlichtheit kaum ohne Luftanhalten zu retten ist. Chaix‘ Choreographie ist wie das Flackern einer Kerze und das Publikum wird zur flammenschützenden Hand. Alles passt – alles atmet.
b. 39 ist einer der Abende, die in der Rückschau über den Bühnenrand ins Herz wachsen. b. 39 generiert Bilder im Kopf und erobert die Stille im Herzen. Viel mehr ist nicht zu verlangen vom Theater des großen Tanzes. b.39 ist verpackte Schönheit – nichts liegt einfach offen da. Man muss diesen Abend erobern – darf nicht einfach tumb dasitzen und die Hand aufhalten. b. 39 ist ein Abend über Beziehungen: Mensch und Musik, Mann und Frau, Gleichzeitigkeiten von Geschichte und Gegenwart. Man lernt nicht – Lernen ist für die Schule, aber man begreift: mit den Augen; mit den Sinnen. b. 39 ist großes Kino von großen Choreographen – übersetzt von fantastischen Tänzern. Man möchte sitzen bleiben und warten, dass sie von vorn beginnen …

b.39 „44 duos“; Choreografie: Martin Schläpfer; Foto: Gert Weigelt

 

Dances with piano

 

Atmosphères

 

44 Duos