Schreibkraft
Heiner Frost

Die Frau im Treppenhaus

Gabriele Krafft. Foto: Rüdiger Dehnen

Da sitzt sie und fragt sich vielleicht, wie es möglich ist, dass sie ist, wo sie jetzt ist. Sie sitzt schon lange. Seit 1927 sitzt sie im Bild. Jetzt „arbeitet“ sie – „geliehenes Personal“ – in einem Klever Treppenhaus. Sie sitzt allein am Tisch, hat eine Tasse Kaffee vor sich auf dem Tisch und würde man die Tasse wegretuschieren – man könnte ihren Blick mit dem Blick auf ein Handydisplay verwechseln. Wirklichkeit findet in virtuellen .Räumen statt.

Treppauftreppab

Die Zeit der Aufklärung ist gekommen. „Geklebte Sichtweisen“ heißt eine weitere Treppenhausausstellung in der Spyckstraße 29 in Kleve. Thomas Brokamp hat Gabriele Krafft eingeladen, treppauftreppab ihre Collagen zu zeigen. Krafft, studierte Innenarchitektin, Jahrgang 1951, arbeitete bis zum vergangenen Jahr als Redakteurin bei der Rheinischen Post. „Geklebte Sichtweisen“ ist nicht ihre erste Ausstellung. Schon 1983 waren Kraffts Werke im Emmericher Rheinmuseum zu sehen, 1992 stellte sie in der Emmericher Raiffeisenbank aus. Und jetzt: Collagiertes im Treppenhaus.

Schrill, schräg, anregend

Die Dame aus Edvard Hoppers „Automat“ von 1927 ist nicht die einzige Gästin in Kraffts Collagenkosmos. Zitate gibt es reichlich, aber wie das so ist: Man steht da und denkt: Kennst du doch. Und dann kommt man nicht drauf. Kraffts Collagen operieren auf der Grenze zwischen schräg, schrill, witzig, nachdenklich, anregend. Nichts ist wie es scheint. Irgendwie gehört es zum Wesen der Collagen: Sie verbinden Unverbindliches. Vielleicht müsste es Unverbindbares heißen. Es braucht Schere und Ideen.

Bildnachbarn

Plötzlich überspringt man die Jahrhunderte, die Klassen, die Anschauungen. Da werden Menschen und Dinge zu Bildnachbarn. Wär’s die Wirklichkeit: Das Personal würde sich die Augen reiben. Andererseits: Es ist ja die Wirklichkeit – eine Wirklichkeit, die wie sonst nichts in diese, unsere Zeit passt – eine Zeit, in der man sich pippilangstrumpfmäßig die Welt nach Gefallen zusammenstellen kann. Längst kann man mit KI Bilder über eine Textzeile generieren: jeder Mensch ein Künstler.

Schichtungen

Kraffts Collagen allerdings sind keine ästhetischen Schüsse aus der künstlerischen Hüfte, sondern offenbaren genau das, was der Titel ankündigt: Geklebte Sichtweisen. Schichtungen.
Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 19. November, jeweils donnerstags zwischen 16.30 und 18.30 Uhr oder nach Vereinbarung unter oder 02821/9776672. Die Namenlose aus Hoppers „Automat“ wird bis zum Schluss still sitzen bleiben. Man wüsste so gern, wie sie heißt …