Das System Justiz ist täterzentriert. Im Zentrum eines Prozesses stehen Tat und Täter. Opfer tauchen zwar auf – als Zeugen oder Nebenkläger –, aber am Ende konzentriert sich im Maschinenraum des Rechts vieles auf die Täter.
400 Außenstellen
Die große Frage: Wer hilft den Opfern? Wer kümmert sich um sie? Eine der möglichen Antworten könnte lauten: der Weiße Ring. Vor 50 Jahren von Eduard Zimmermann, dem Erfinder von „Aktenzeichen XY ungelöst“ gegründet, dürfte der Weiße Ring in Deutschland die bekannteste Opferhilfeorganisation sein. 400 sogenannte Außenstellen betreibt der Weiße Ring bundesweit – das Landesbüro in Düren ist zuständig für das Land Nordrhein-Westfalen. Eine der Außenstellen ist zuständig für Wesel und Kleve.
Ein Vakuum
Karl-Heinz Schayen, genannt Charly, leitete die Außenstelle Kleve bis zu seinem plötzlichen Tod im September 2022. Schayen war das Gesicht des Weißen Rings. Der Polizist im Ruhestand und ehemalige Chef der Polizei in Kleve war einer, der sich kümmerte. Mit seinem Tod entstand en ein Vakuum einerseits und die Frage nach dem Wie-geht-es-weiter? andererseits. Jo Verhoeven gehört zu einem vierköpfigen Team, das seit Schayens Tod versucht, die entstandene Lücke irgendwie zu füllen. „Momentan ist es einfach so, dass es keine Außenstelle Kleve gibt. Wir sind dem Landesbüro in Düren zugeordnet“, sagt Verhoeven und es ist leicht nachzuvollziehen, dass dieser Zustand bestenfalls ein Provisorium darstellt.
180 Kontaktaufnahmen
„Allein im letzten Jahr gab es 180 Kontaktaufnahmen von Opfern“, sagt Verhoeven und hinter jeder Anfrage steckt eine eigene Tragödie. Das Quartett, zu dem Verhoeven gehört, besteht aus Jonas Meurs, Andreas Gollan und Anne Seven.
„Wir würden uns sehr wünschen, mehr ehrenamtliche Mitstreiter zu haben“, sagt Verhoeven, denn auf Dauer wäre es gut, wenn Kleve wieder eine selbstständige Außenstelle hätte. Natürlich müssen Menschen, die für den Weißen Ring tätig sein möchten, bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Verhoeven: „Alles beginnt mit einem Auswahlgespräch. Wer da ausgewählt wird, durchläuft anschließend verschiedene Ausbildungsstufen.“ Es beginnt mit einem vierwöchigen E-Learning. Verhoeven: „Da geht es darum, den Kandidaten einen Überblick zu verschaffen. Es geht darum, die Möglichkeiten zu detektieren, die das Justizsystem den Opfern von Straftaten bietet.“ Es folgen drei Hospitationen. Verhoeven: „Man ist dann also bei einem Gespräch dabei, das einer von uns mit einem Opfer führt.“ Danach folgt nochmals (per E-Learning) ein vierwöchiges Aufbautraining.
Empathie
Der Umgang mit Opfern von Straftaten erfordert vor allem eines: ein hohes Maß an Empathie. Dem gegenüber steht ein hohes Maß an Professionalität.
Wenden sich eigentlich mehr Frauen oder Männer an den Weißen Ring? Verhoeven: „Das ist relativ einfach zu beantworten. Rund 80 Prozent der Menschen, die sich an uns wenden, sind Frauen.“ Gut also, dass zum Kreis Klever Team auch eine Frau (Anne Seven) gehört. Verhoeven: „Es geht ja nicht selten um Taten wie Vergewaltigung oder häusliche Gewalt, und für ein weibliches Opfer ist es in der Regel leichter, sich gegenüber einer Frau zu öffnen.“
Zu den Aufgaben des Weißen Rings gehört unter anderem die „Lotsenfunktion“. „Viele Opfer kennen sich ja mit dem System Justiz nicht aus – wissen nicht, wie und wo sie sich Hilfe holen können. Da kommen wir ins Spiel: Zum einen sind wir in verschiedene Netzwerke eingebunden und zum anderen können wir beispielsweise auch einen sogenannten Beratunsscheck ausgeben.“ Dabei handelt es sich um einen „Scheck“, der ein einmaliges Beratungs-Gespräch mit einem Anwalt ermöglicht. In akuten Fällen kann auch eine einmalige finanzielle Unterstützung von 200 Euro gezahlt werden.
Vertrauen
Schnell wird klar, dass der logistische Aufwand im Hintergrund beträchtlich ist. Verhoeven: „Bis zuseinem Tod hat sich Charly um all das gekümmert. Da fällt eine Menge Schreibram an und natürlich muss über die Ausgaben genau Buch geführt werden.“ Menschen, die wie Verhoeven noch berufstätig sind (er arbeitet als Opferschützer bei der Kreispolizeibehörde), können all das nicht leisten. „Wir sind ja nicht selten für die Opfer auch eine Art Anker – eine Anlaufstelle.“ Die Opfer müssen beim Umgang mit dem Weißen Ring kein Büro aufsuchen. „Wir besuchen die Menschen zuhause. Da entsteht sehr schnell viel Vertrauen, aber das Ganze ist eben auch sehr zeitintensiv.“
Wie finanziert sich der Weiße Ring? Verhoeven: „Unsere Arbeit ist spendenfinanziert. Dazu kommen Mitgliedsbeiträge und manchmal, wenn in einem Prozess eine Geldstrafe verhängt wird, kann es sein, dass sie an den Weißen Ring geleitet wird.“ Momentan hat der Weiße Ring im Kreis Kleve 84 Mitglieder – eine mehr als überschaubare Zahl, „von der wir uns natürlich wünschen würden, dass sie weiter anwächst“, so Verhoeven.
Der Wunsch
Aber wenn es einen Wunsch gibt, der auf Verhoevens Liste (und der anderen drei Mitglieder des Teams) ganz oben rangiert, dann wäre es der Wunsch nach ehrenamtlichen Unterstützern.
Surft man auf die Internetseite des Weißen Rings, findet man (unter anderem) folgenden Text: „Schön, dass Sie zu uns gefunden haben. Ganz sicher sind Sie nicht ohne Grund auf der Website des Weißen Rings. Vielleicht suchen Sie Informationen zu dem, was Ihnen passiert ist oder Sie wollen einer Person helfen, die eine Straftat erleben musste. Das ist so oder so sicher eine herausfordernde Situation und wir wollen Ihnen auf unseren Seiten gerne Informationen zur Verfügung stellen und Sie auf Ihrem Weg unterstützen. Wer von einer Straftat betroffen ist, findet sich plötzlich in einer außergewöhnlichen Situation wieder, auf die man nicht vorbereitet ist. Da kann es hilfreich sein, sich eine erste Orientierung zu verschaffen. Wir stehen mit unserer Erfahrung gerne an Ihrer Seite und haben einige grundlegende Hinweise und Tipps für Sie zusammengestellt. […] Wenn Sie von einer Straftat betroffen sind und feststellen, dass Sie alleine mit dem Erlebten nicht mehr zurecht kommen, wenden Sie sich bitte unbedingt an uns. Wir helfen Ihnen gerne bei der Suche nach professionellen Helfenden.“
