Schreibkraft
Heiner Frost

Vier Räder und doch kein Auto oder: Das Lächeln der Frauen

Foto: Rüdiger Dehnen

Manchmal hilft der Zufall: Falsch abgebogen – richtig gute Geschichte gefunden. Zum Beispiel diese:

Ein Hobby

Da gibt es in Groesbeek (für Ortsunkundige: Das liegt gleich hinter der Grenze) unter der Adresse Dennekamp 1b ein Puppen- und Kinderwagenmuseum. Irgendwie liegt es ein bisschen abseits und man findet es eher, wenn man – wie es sich am Niederrhein gehört – mit dem Fahrrad unterwegs ist. Da ist also irgendwo im Nirgendwo diese Halle. Das Hinweisschild: irgendwie unscheinbar. „Poppen- und Kinderwagen Museum”. Man steuert das Fahrrad (nur zur Sicherheit: Das Museum ist auch mit dem Auto erreichbar) in Richtung der Halle. Am Eingang sitzen Nelly und Rob Sloep: Die Eltern von drei Kindern und Großeltern eines Enkels haben das Museum gegründet. „2008 begannen wir gemeinsam, alte Kinderwagen zu sammeln.” Ein Hobby. Die besondere Vorliebe der beiden: Englische Kinderwagen. „Mit ‚englischen Kinderwagen‘ meinen wir hohe Kinderwagen mit großen, ungleichmäßigen Rädern und vorzugsweise lackiertem Korpus. Unser eigener Kinderwagen war hoch und hatte ungleichmäßige Räder, aber keinen lackierten Korpus. Er war mit einem bordeauxroten Stoff bezogen; Nelly hat ihn vor der Geburt unserer dritten Tochter restauriert und neu bezogen. Obwohl wir uns hauptsächlich auf Kinderwagen aus der Zeit zwischen den 1930er und 1980er Jahren beschränken, besitzen wir auch einige ältere und neuere Modelle. Darunter befinden sich besondere Exemplare, wie beispielsweise ein Kinderwagen mit sechs Rädern. Puppenwagen im englischen Stil sind noch schwerer zu finden, obwohl wir mittlerweile einige besitzen. Puppenwagen werden restauriert oder modernisiert.” 

Erst mal gucken

Die Begrüßung freundlich. Sieben Euro Eintritt. „Im Eintrittspreis ist eine Tasse Kaffee enthalten”, sagt Nelly. „Kaffee gern nachher”, sage ich. „Erst mal gucken.” Es geht in den Eingangsbereich. Während man sich nach Bezahlung des Eintritts (geht nur in bar) einen ersten Eintritt verschafft, sagt …: „Ich schalte mal das Licht ein. Sie müssen Sie hier herunter in die Halle.” Beim Abbiegen bleibt mir dann doch kurz der Atem stehen: Ein riesiges Arreal und überall stehen: Kinderwagen. Gut – das ist zu erwarten in einem Puppen- und Kinderwagen Museum. Aber die Zahl der Exponate ist dann doch ziemlich beeindruckend. „Es müssen ungefähr 1.100 oder 1.200 sein”, sagt Rob, als ich ihn im Anschluss an den Rundgang bei einer Tasse Kaffee frage.

Personalunion

Nelly und Rob Sloep. Foto: Rüdiger Dehnen

Seit drei Jahren wohnen er und seine Frau in Groesbeek. Vorher: Lelystad. Lelystad ist die Hauptstadt der niederländischen Provinz Flevoland und liegt im geografischen Zentrum der Niederlande. Einwohnerzahl: Circa 86.000. Ein bisschen größer also als Groesbeek. … hatte eine eigene Firma. Seine Frau war orthopädische Schuhmacherin. Jetzt sind die beiden Museumdirektoren und Kuratoren in Personaluninion und haben diese unglaubliche Kollektion an Kinderwagen zusammengetragen. „Wir suchen ständig ehrenamtliche Mitarbeiter”, sagen sie. Das kann man nachvollziehen, denn es stehen hunderte Exponate in der Halle, die ein bisschen „Aufhübschung” und eine Beschriftung gut vertragen könnten.
An den Ausstellungsstücken lässt sich wunderbar (Design)Geschichte nacherzählen. Da sind die sperrigen Modelle des Anfangs. Irgendwie sehen sie aus wie tiefgelegte Kutschen. Nach und nach halten Luxus und Farbe Einzug. Da stehen – noch unbeschildert – Exponate, die aussehen wie eine Mischung aus Raumschiff Enterprise und einer Grillstation. Die Farben knallig. Die „Dächer” windschnittig. Man denkte an Colani. Irgendwie ist es herrlich. „Alte Kinderwagen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Vintage- und Retro -Kinderwagen”, erklärt Rob. 
„Vintage-Kinderwagen sind echte, alte Kinderwagen. Sie können original , restauriert oder restauriert und modifiziert (wie unser gotischer Kinderwagen) sein.”

Futuristischer Kinderwagen. Foto: Rüdiger Dehnen

Klassengeschichte

Zwischendurch: Erklärungen zur Geschichte: „Der berühmte englische Architekt William Kent entwarf vermutlich im Jahr 1733 einen reich verzierten Kinderwagen für die Kinder des dritten Herzogs von Devonshire.” Kinderwagengeschichte ist also auch Klassengeschichte. Spärlich ausgestattetes Kindertransportmittel hier – Luxuskarossen dort. „Die meisten Kinderwagenhersteller verschwanden in den 1960er und 70er Jahren, entweder durch Konkurs oder Übernahme. Daten zu finden und zu sammeln wird daher buchstäblich von Tag zu Tag schwieriger.
Aber es existieren noch einige Nachschlagewerke, darunter Jack Hampshires Buch (die Bibel des englischen Kinderwagens), das legendär geworden ist.”

Und wie sieht es mit dem „Nachschub” aus? „Es wird immer schwieriger, Fahrzeuge, Teile und Daten zu beschaffen. Man muss umfangreiche Recherchen anstellen. Dazu gehören viel Geduld und eine gehörige Portion Glück. Die Suche nach Teilelieferanten ist besonders aufwändig. Die mit Abstand größte Herausforderung ist die Datenbeschaffung. Vor allem Broschüren (mit Modellnamen oder -nummern), Geschichten und Fotos der alten Fabriken sowie die Markengeschichte sind sehr schwer – in manchen Fällen sogar unmöglich – aufzufinden. Wir hoffen, dass es noch Menschen gibt, die uns dabei unterstützen und uns diese Unterlagen zukommen lassen. Es muss sich nicht unbedingt um physische Dokumente handeln. Wenn sie die Daten lieber selbst speichern möchten, wären wir mit einem Scan sehr zufrieden.”

Eigentlich an der falschen Seite

Wahrscheinlich haben … und … zu jedem Exponat eine Geschichte. „Mittlerweile bekommen wir auch viele Anfragen von Menschen, die wissen möchten, woher sie Ersatzteile bekommen können oder ob wir Kinderwagen reparieren“, sagt … Manchmal sucht er nach dem deutschen Wort für das, was er sagen will. Eigentlich, denke ich, sollte ich doch Niederländisch sprechen. Ja – verstehen kann ich ziemlich alles – aber mit dem Sprechen sieht es eher mau aus. Andere Baustelle.
„Wir liegen mit unserem Museum eigentlich an der falschen Seite von Groesbeek. Hier rechnet niemand mit einem Museum.” Stimmt denke ich und denke auch: Dass ich jetzt hier bin, ist schließlich auch nur das Produkt eines „Fahrfehlers”.

Eine Fundgrube

Das „Poppen & Kinderwagen Museum” ist übrigens nicht auf der niederländischen „museum card”. „Was mir hier machen, ist rein privat. Wir werden von niemandem unterstützt”, erzählen die beiden. Schade eigentlich, denn wäre das Museum Teil des museum card-Programms, wüssten mehr Menschen davon.
Das Ganze hier wäre auch eine Fundgrube für Filmausstatter, denke ich, denn hier stehen Modelle aus allen Epochen zur Verfügung. Schräg, liebenswürdig – und irgendwie im besten Sinn merk-würdig. Das Museum ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. (www.spkm.nl).

Kinderwagen auch als Modelle. Links: ein Märklin Modell. Foto: Rüdiger Dehnen