Ein Freitag im Oktober. Es ist 14.30 Uhr. Die Arbeitswoche taumelt ihrem Ende entgegen. Vier Herren treffen sich bei Kaffee und Kuchen. Das Thema: alte Zeiten. Geschichtsbestandsaufnahmen. Ausblicke vielleicht. Es geht ungezwungen zu. Kapitäne unter sich. Alle haben sie dasselbe Schiff gesteuert. Auf der roten Flagge: das weiße S. Wenn‘s um Geld geht. So hieß das früher.
Lebende Geschichte
Heute geht es längst um mehr. Im Logbuch das Motto, das die Reise beschreibt: Nähe als größtes Pfund. 200 Jahre Sparkasse Kleve sind zu untersuchen. Der Großteil: in Archiven. Die Vier hier sind lebende Geschichte. Sie repräsentieren das letzte Viertel. Da sitzen sie: erhöht über der Stadt. Ein unverstellter Blick auf Burg und Stiftskirche. Peter Theissen (1973 – 2002), Rudi van Zoggel (2002 – 2018), Michael Wolters (2019 – 2023), Wilfried Röth (2024 –). Die Daten: Regierungszeiten.
Früher gab’s Plätzchen
Peter Theissen ist nach wie vor fit im Kopf. Der Körper kämpft mit dem Alter: Rollstuhl. Aber hier und heute geht’s ja ums Oberstübchen und nicht um einen Vierkampf. Der Kuchen auf dem Tisch: vielfältig. Das passt zur Geschichte. Erster Kommentar des Dienstältesten: „Früher gab`s Plätzchen, heute Teilchen.“ Im Juli gab‘s den großen Empfang: 200 Jahre Sparkasse. Heute heißt das Schiff ‚Sparkasse Rhein-Maas‘. Vor 200 Jahren stand anderes am Bug. Dylan grüßt: „The Times they are A-changing …“ Beim Juli-Empfang waren nicht alle aus dem Quartett abkömmlich. Daher jetzt – und zeitlich nachgeordnet: das Treffen im Haupthaus.
52 Jahre Sparkassengeschichte
Als Theissen sein Amt übernahm – 1973 war‘s und er kam von der Kreissparkasse Düsseldorf zurück in die Schwanenstadt – legte sein späterer Nachfolger Rudi van Zoggel gerade mal die Prüfung zum Bankkaufmann ab und Michael Wolters ging noch in den Kindergarten. Wohlgemerkt: Nicht als Bringvater sondern als Kind.
Van Zoggel: „Ich bin ja kurz nach der Fusion von Kreis- und Stadtsparkasse im Juni 1969 als Lehrling eingestiegen. Das war im August 1970.“
[Drei Jahre später: 1973 – das Jahr der ersten Ölkrise; das Jahr der Sonntagsfahrverbote; das Watergate-Jahr –noch ist Nixon Präsident; Erich Honecker ist Generalsekretär des ZK der SED – Willy Brandt deutscher Kanzler; das Jahr, in dem in New York das World Trade Center eröffnet wird.]
„Verstorbene”
Zum ersten Mal fällt ein Satz, der den Nachmittag tapezieren wird. „Die Sparkasse hat sich mächtig verändert in all den Jahren.“ Von der D-Mark zum Euro; von der Lochkarte zum elektronischen Konto, von Schlips und Kragen dermaleinst zum „Casual Look“ unserer Tage. Rudi van Zoggel spricht von Papierbergen und davon, dass 1972 teils noch Lohntüten für die großen Betriebe gepackt wurden. Ja – denkt man: Lohntüten müssten als Begriff den Kindern von heute wohl ebenso sorgfältig erklärt werden wie schnurgebundene Telefone und andere „Verstorbene“.
Unbar
Es fällt das Wort vom „unbaren Zahlungsverkehr“ der Jetztzeit. Damals in den 70-ern ging es los. Jeden Tag wurden Auszüge erstellt und manuell einsortiert. „Damals gab‘s ja keine EDV“, sagt van Zoggel. Wohl aber Berge von Papier. Van Zoggel sagt: „Ber-ge.“ Die Trennung macht Mengen sichtbar. „Ber-ge von Papier.“ Das Motto: Jeden Tag ein Kontoauszug. Zu jedem Kontoauszug ein Kontoblatt. Wieder fällt ein Begriff mit gesprochener Trennung: Wahn-sinn. „Wahnsinn war das, was da am Montagsende einsortiert werden musste.“ Dreifachtrennung: „Un-glaub-lich.“ Ein Drittel der Mitarbeiter war ausschließlich mit Einsortierung beschäftigt. Und heute: ein Knopfdruck – ex und hopp. Und damals: Belege, Belege, Belege.
Lochkarten
Die Daten von damals: eingestanzt in Lochkarten. Die Sparkasse verfügte über eine Lochkartenanlage. Lochstreifen. Lochkarten. Zu jedem Umsatz eine Karte. Die Lochkarten einsortiert in Kästen: Käs-ten-wei-se nur Lochkarten. „Das wäre heute überhaupt nicht mehr zu bewältigen.“
„Wie viele Mitarbeiter haben wir heute?“ Eine Frage an den aktuellen Käpt‘n. „Ende 2024 waren es 474 Köpfe – umgerechnet auf Mitarbeiterkapazitäten wären das 337 Vollzeitplätze“, sagt Röth. 1972 waren es 248 Köpfe. Aber damals war‘s nur eine Sparkasse. Betonung auf: ei-ne. „Hätten wir heute noch die Technik von damals, müssten wir 2.000 Mitarbeiter haben.“ Zwei-tau-send. Röth: „Der heutige Zahlungsverkehr würde gar nicht funktionieren. Allein die Kartenzahlungen …“
Selbstbedienung
Und der Unterschied? Die Anforderungen. Die Zahl der Aufgaben. Selbstbedienungsterminals – damals ein Fremdwort. Weitere Opfer der neuen Zeit sind zu erwähnen: Wechsel. Schecks. Zwischenzeitlich: Neu Währung. In den 70-ern: D-Mark. Heute: Euro. Nicht verwechseln. All das in gerade einmal 52 Jahren. Un-glaub-lich. Oder?
Der Anspruch der Kunden heute: „Du drückst auf einen Knopf oder eine Taste am Computer und das Geld wechselt in Sekundenschnelle Ort und Besitzer.“ Moderne Zeiten. „Immerhin hatten wir als Sparkasse Kleve einen der ersten Geldautomaten im Rheinland.“ [Der erste Geldautomat wurde 1982 installiert.]
Dylan
Von der D-Mark zum Euro; von der Lochkarte zum Computer; von analog zu digital. Dylan grüßt: „The Times they are A-Changing …“
Die 70-er: Theissens Startjahrzehnt. Zu einer 30-jährigen Regentschaft fehlten sechs Monate. (Theissens Amtszeit begann am 1. Januar 1973 und endete am 30. Juni 2002.) Ein Jahrzehnt der Abschiede: Bensdorp. XOX. Elefanten. Ein Umbruchsbeginn. Man dürfe, sagt Herr Theissen, nicht hochnäsig sein. „Bensdorp – die waren Commerzbank.“ Nein – es geht nicht um die einzelnen Kunden. Es geht nicht darum, wer bei wem war. „Es geht um die Bedeutung für die Region“, sagt van Zoggel. Röth: „Die Unternehmen hatten ja Tausende von Mitarbeitern. Und die meisten von denen hatten wir als Kunden.“ Das „wir“ ist quasi fett gedruckt gesprochen. Das Sparkassengeschäft: Nichts für die Großbanken. Man habe als Sparkasse den Strukturwandel – den Umbruch also – begleitet. Einigkeit: „Es war nicht einfach. Damals.“
Letzte Grabrede
Schlenker in die Gegenwart: Die Zeiten haben sich geändert: Zahlen mit Karte, mit dem Smartphone, der Smartwatch. Eine letzte Grabrede für Scheck und Wechsel. Seit Jahren ohne Bedeutung. Ver-schwun-den. Da gab es ja Zeiten … wenn da Zahltermin war, zum Beispiel für Umsatzsteuer, dann stellten die alle Schecks aus „und dann kam das Finanzamt zu uns mit Ber-gen von Schecks.“ Damals: Tagesordnung. Heute: Ver-schwun-den. Auch viele Privatkunden hatten damals Scheckhefte.
Und die Überweisungen: „Als ich anfing, gab es ein Überweisungsheft – so lang [van Zoggel zeigt es] – und die Kontonummer wurde eingestanzt; da waren Löcher unten drin. Bis man mal dahin kam, dass codiert wurde. Das hat einige Jahre gedauert.“ Fazit: Die Entwicklung beim Zahlungsverkehr: Wahn-sinn! Beim Sparverkehr: nicht anders. Van Zoggel: „Im ersten und zweiten Lehrjahr musste ich mit Zinstabellen arbeiten. Da wurden die Zinsen manuell berechnet.“ Damals hat man noch die Pfennige gesucht.
Bis in die Puppen
Und dann die Jahresabschlüsse. Mannomann. „Da haben die Kolleginnen und Kollegen oft bis nach Mitternacht gesessen.“ „Da gab‘ s Urlaubssperre.“ „Und an Silvester wurde gearbeitet bis in die Puppen.“ „Das war dann oft schon im neuen Jahr.“ Und heute: ein Knopfdruck, fertig aus. Die Unterhaltung pendelt: vom Früher über das Jetzt in künftige Richtungen. Anekdoten gibt es reichlich.
Capri-Batterie
Eine der Schönsten: die mit der Zitrone. „Damals haben wir eine Spende für Moyland gemacht. Es ging um die Capri-Batterie von Joseph Beuys.“ „Genau, das war doch diese Zitrone.“ „Ge-nau!“ Die Sparkasse spendet also für die Capri-Batterie – das war anno 2005. Da schaltet das andere Geldinstitut eine Zeitungsanzeige: „Bei uns handeln Sie nicht mit Zitronen.“ Unglaublich eigentlich. Un-glaub-lich! Eine Gipfelbesteigung der unfeinen Art. „Wir hatten, glaube ich, gerade die Gebühren erhöht.“
Fusionen
Über Fusionen wird gesprochen. Da gab es doch tatsächlich mal das Gespenst der Fusion zwischen Sparkasse und Volksbank. „Damals stand die Zeitung voll davon.“ Jahre her. Der Augenblick war nicht reif. Was wäre passiert? Man hätte fusioniert und für die Hälfte der Mitarbeiter wäre es das Aus gewesen. Man ließ die Institute getrennt. Geschichtskapriolen: Am Ende fusionierten zwei Fußballvereine. Der Hintergrund: Die Vorstandsvorsitzenden von Volksbank und Sparkasse waren gleichzeitig Vorstände für den SC Kleve und den VfB Kleve. Auch beim Fußball gings ums Fusionieren. Und während also die Geldinstitute weiterhin getrennter Wege gingen, fusionierten die Fußballvereine. So kann’s gehen.
Vereinbarung
Da gab es diese glorreiche Zeit, in der Kunden von Sparkasse und Volksbank wechselseitig die Geldautomaten nutzen konnten. Gebühren fielen nicht an. Van Zoggel: „Das war die Vereinbarung, die wir getroffen hatten.“ Dass es am Ende nicht dabei blieb – eine andere Geschichte.
Das Wackeln der Großen
Und Privatisierung? Ja – da gibt es Länder, in denen so etwas durchgeführt wurde. Und dann kam die große Finanzkrise 2008, als plötzlich alle froh waren, dass es die Sparkassen gab. „Da wussten die Kunden, wo sie ihr Geld sicher verwahren konnten. In den Ländern, die aufgrund von Privatisierung keine Sparkassen mehr hatten, da gab es mit einem Mal keinen sicheren Hafen mehr. Alle privaten Großbanken wackelten.“ So fassen es Wilfried Röth und sein Vorgänger Michael Wolters zusammen. Deutschland und Frankreich hatten ihre Sparkassen behalten und damit ein großes Plus.
Alte Werte
Es findet, sind sich die Herren einig, „eine gewisse Rückbesinnung auf unsere alten Werte statt“. Das habe nicht zuletzt auch das Jubiläum gezeigt. Das große Stichwort: Gemeinwohlorientierung. Wilfried Röth: „Wir waren immer schon in gewisser Weise gemeinwohlorientiert, aber heutzutage kann man damit wieder Punkte sammeln. Vor zwanzig Jahren hat sich dafür fast niemand interessiert.“ Prädikat: altmodisch. So ändern sich die Zeiten.
„Jetzt sagen wieder viele: Eigentlich ist das doch eine tolle Sache.“ Michael Wolters würde sich sehr, sehr wünschen, „dass es so weiter geht“.
Ein Paar
Ein Wortpaar des Nachmittags: Fusionen/Kostendruck. Der Kostendruck auf kleinere Sparkassen: ansteigend. Das Ergebnis: Fusionen. Die Entwicklung: „Im Rheinland gab es 1972 noch 89 Sparkassen“, erinnert sich van Zoggel. 2002 waren es noch 45. Geblieben sind: 27. Durch Fusionen sind größere Einheiten entstanden.
Und wenn man jetzt mal in die Zukunft schaut und in die Großeweitewelt, dann ist man bei Anlagen, beim Wertpapiergeschäft, beim Smartphone, bei den Apps. Da findet eine Menge statt. Wilfried Röth: „Was wir beobachten, sind Rückmeldungen von Kunden. Die sagen dann: ‚Ihr seid uns vor Ort aber dann doch noch die Liebsten‘.“ Es gibt sie also: die Loyalität zum Institut vor Ort, denn „wenn es einmal drauf ankommt – wenn es schwierig wird, dann fühlt es sich gut an, einen Ansprechpartner vor Ort zu haben.“
Und Tschüss
Der Kaffee geht zur Neige, die Reihen der Teilchen lichten sich. Geschichte bleibt. Das hat das Jubiläumsjahr gezeigt. Daran wird sich nichts ändern.

