Es war der Tag vor Heiligabend – zwei oder drei Jahre müssten es her sein. „Papa, hast du morgen am Vormittag Zeit? Wir müssten mit dir wohin.” So fing es an.
Stündchen oder so
Man macht sich Gedanken. Geschicktes Nachfragen bleibt ergebnislos – nicht ganz. Auf die Frage, wieviel Zeit denn vonnöten sei, immerhin die karge Antwort: „Stündchen oder so.” Schnell sind also die Metropolen im Umland ausgeschlossen. Immerhin. Am Heiligabendmorgen dann also ins Auto eingestiegen. (Beifahrerseite). Mama, Tochter und Freund geben sich gutgelaunt und haben Fotoequipment dabei. Es geht Richtung Kleve und als unsere Reisegruppe den Tiergartenparkplatz ansteuert, taucht eine erste Ahnung auf.
Guten Appetit
Durchwinken an der Kasse. „Sie wissen ja Bescheid.” (Schön wär’s!, denke ich.) Es geht – man kennt den Weg – zum Eselgehege. Dann kommt der Martin. Der Martin ist der Chef im Tiergarten. Man kennt sich. Ist per Du. Der Martin hat eine DIN A-4 Mappe dabei und einen Bund Möhren. Ich beginne zu ahnen, dass die Möhren nicht für mich sind. Während ich noch stehe und grüble, öffnet Martin das Gehege. Wir gehen hinein. Martin öffnet die Mappe und überreicht mir …
Bestechung geht immer
… die Patenschaftsurkunde für den Poitou-Esel und ein paar Bestechungsmöhren. Es ist, denke ich, bei den Tieren nicht anders als im Menschenzoo. Vielleicht lässt sich das Patentier mit einer Bestechungsmöhre zu einer Heiligabendschmuseeinheit mit dem Neu-Paten „überreden”. Und tatsächlich: Einer der Esel steuert mich an. Ich überreiche mein Gastgeschenk und dann … gibt es tatsächlich eine Schmuseeinheit mit Esel. Und während ich so dastehe, den Hals des Esels streichle und mein Glück nicht fassen kann, muss ich plötzlich daran denken, dass der Martin mir mal gesagt hat: „Hinter vielen Geschenken steckt ja eine Botschaft.” Oh Mann, denke ich: Der Poitou ist der größte Esel im Tiergarten und eine gefährdete Großeselrasse. Immerhin: Mein Patentier ist Mitglied einer ruhigen Rasse, lässt sich nicht reiten und hat, lese ich im Internet, auch als Zug- und Packtier nicht die besten Eigenschaften. Na bitte. Passt. Und der Poitou war schon immer meine Lieblingsanlaufstelle im Tiergarten. Das habe ich oft genug erzählt. Also: Weder Wink noch Zaunpfahl.
Jetzt also bin ich Pate. Ich und der Esel. Der Esel und ich. Das fühlt sich irgendwie schön an. Und mit der Urkunde hab ich`s schriftlich. Die wird zuhause aufgehängt. Daneben ein Bild. Und diese Zeilen von Christian Morgenstern: „Ein finstrer Esel sprach einmal zu seinem ehlichen Gemahl: ‚Ich bin so dumm, du bist so dumm, wir wollen sterben gehen, kumm!‘ Doch wie es kommt so öfter eben: Die beiden blieben fröhlich leben.”
