„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht ….“ Schon mal gehört? Wenn nicht – wie wär`s hiermit: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ Klar: Hermann Hesse (zwei Zeilen aus demselben Gedicht: „Stufen“, 1941). Jedem Anfang wohnt also ein Zauber inne. Frage: Wie sieht es denn aus mit dem Anfang vom Ende?
Alles muss raus
Greta und Andreas Koep gehen durch das, was einmal die „Drei Raben“ waren. Jetzt sieht es innen eher ein bisschen nach einem Antiquitätenladen aus: Schränke, Sitzgelegenheiten, Geschirr, Teppiche, Lampen … – alles steht zum Verkauf. Die Überreste einer Leidenschaft, die 1995 begann und mit dem vergangenen Jahr zu Ende ging. Die „Drei Raben“– das war das Leben der Koeps. Jetzt steht es zum Verkauf. Alles muss raus.
Der Anfang vom Ende
„Wer wohnt schon da, wo er auch arbeitet?“, fragt Andreas. Bei den Koeps war es genau das: Unten das Restaurant – oben die Wohnung. Work-Life-Balance der anderen Art. Seit dem letzten Herbst stand fest: Da wird sich mit dem Jahr eine Geschichte verabschieden. Eine Ära. Der Anfang vom Ende. „Es ist kaum zu glauben, wie viel Zuspruch wir auch und gerade in der Schlussphase von unseren Gästen bekommen haben“, sagt Andreas und es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass es eine Phase der feuchten Augen war.
Das Zuhause-Paradox
Anfangs, so Koep, habe er sich nicht vorstellen können, dass irgendwann einfach Schluss sei. „Wir hätten das Restaurant gern einem Nachfolger übergeben“, sagen die beiden. Es fand sich niemand. Jetzt steht die Übergabe des Hauses an die Eigentümer bevor. „Wir haben bereits ein neues Zuhause gefunden“, sagt Koep. Das Paar wird in Rees bleiben. Das Zuhause-Paradox ist entstanden: „Vieles von dem, was in unserer Wohnung hier war, ist bereits abtransportiert“, sagt Greta. Und manchmal abends, nach getaner Aufräumarbeit, wenn es hieß „Lass uns nach Hause fahren“, erschien das Paradox: Zuhause – das war doch hier. Und jetzt?
Jedes Teil eine Träne
Jetzt haben Greta und Andreas einen Freund und Nachbarn, Gerfried Schell, gebeten, sich um die Auflösung zu kümmern. „Jetzt erst wird uns klar, was sich über all die Jahre angesammelt hat“, stellen die beiden fest. Lauter Besonderheiten – angeschafft eben nicht auf einen Schlag, sondern zusammengesammelt über die Jahre. Eigentlich möchte man nichts abgeben. Sich von nichts trennen. Alles, was man abgibt: ein Abschied. Jedes Teil: eine Träne. Und doch haben sich die Koeps an den Gedanken gewöhnt: Die „Drei Raben“ sind Geschichte: Ein Traum wird abgebaut.
Ein Teil des Besonderen war immer diese Einheit von Lebens- und Arbeitsstätte. Eine der häufig gestellten Fragen im Lauf der Jahre: „Wie, ihr wohnt auch hier?“ „Das alles konnten wir doch nur stemmen, weil es keine Grenzziehung gab – keine Demarkationslinie zwischen Leben und Arbeit. Da war immer der Wunsch, das eine zum Wohl der Gäste mit den anderen zu verbinden. Mancher würde heute von Selbstausbeutung sprechen. Man stellt sich die Frage nach dem Preis der Freiheit. Für die Koeps ein hohes Gut. Sie werden künftig anders planen können. Sie haben sich nicht abgefunden – sie haben sich angefreundet mit dem Gedanken, dass irgendwann auch mal Schluss sein muss. Abtauchen aus dem Leben in und mit den „Drei Raben“ – auftauchen in einem neuanderen Leben.
Anfreunden
Hesses Gedicht hat mehr als diesen einen Satz, den viele kennen. „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen.“ Vielleicht haben es Greta und Andreas noch nicht bis zur Heiterkeit geschafft bei dem Gedanken, dass es für sie kein Zurück geben wird an diesen Lebensort. Statt Heiterkeit vielleicht eher ein Versuch des Anfreundens. Hesse schreibt: „Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen …“ und „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ Was wäre die Welt ohne Dichter? Nicht mehr als ein Wetterstandsbericht – eine Statistik des Gewesenen.
Mehr als ein Überlebensstück
Greta und Andreas sind noch auf dem Weg zum Stolzsein auf ein Lebensstück, das immer mehr war als ein Überlebensstück. Die Devise: Verrücktsein gehört zu jedem Traum, der den Weg in die Wirklichkeit antritt.
Finale
Der finale Akt findet am 17. und 18. Januar statt: Dann wird alles, was keinen Platz im neuen Leben findet, verkauft. Das klingt sachlicher als es ist. Ob Greta und Andreas dabei zusehen werden, wie zwischen 11 und 18 Uhr an beiden Tagen Menschen ein Stück Koepscher Vergangenheit in neue Zusammenhänge mitnehmen werden, steht noch nicht fest.
Tisch 26
Einen Tisch aus der „alten Zeit“ haben die Koeps ins neue Zuhause transferiert. Andeas Koep: „Es ist unser Tisch 26. Und guten Bekannten sage ich: ‚Wir treffen uns demnächst an Tisch 26.‘ Die sind dann durcheinander.“ „Macht ihr doch weiter?“ Ja – aber anders(wo).
Zeit für Hesses letzte Worte: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Anfänge kennen nur die Zukunft – Abschiede die Vergangenheit.

