Auf der Rückfahrt tun sich Gesehenes und Momentanes zusammen – schließen Freundschaft, treten in einen Dialog ein und Kilometer um Kilometer tropfen Worte ins Hirn. Text entsteht: „Auf der Rückfahrt …“
Im Autoradio: ein Feature über den Niedergang der Warenhäuser. Im Turm – zehn Minuten früher – Schrift auf einer (Plexi) Glasplatte; senkrecht zur Blickrichung am Aufgang zum Turmtreppenhaus: Schwarzer Filz auf schimmrigspiegelnder Durchsichtigkeit: „Das habe ich gut gemacht“. Birgit Pardun hat’s geschrieben.
Zerbrechlichkeit
Am Straßenrand stehen Sonnenblumen Spalier. Im Turm – gerade eben noch: Naturszenen. Blumen, Grünzeug, Aromen im Nebel. Ilka Sultens Welt: ein täuschendechter Nachbau. Der Versuch das Wunderbare abzubilden. Zerbrechlichkeit wird deutlich.
Auf der Autobahn: ein Lastwagen mit Schlachtvieh. Tiere auf dem Weg ins Nichts. Es treibt den Kopf zurück in den Turm, der kein Elfenbeinturm ist, sondern ein Dialogturm.
Wohldosiert, wohldurchdacht, wohldurchlebt
Zwei Künstlerinnen haben gearbeitet – arbeiten auch jetzt. Bis zur Eröffnung ist noch Zeit. Erlebenszeit. Erlebniszeit. Realitätstransformationszeit. Fünf Tage bis zum Finale, das ein Endpunkt ist, aber nicht das Ende. Es wird kein Finale furioso. Wohldosiert. Wohldurchdacht. Wohldurchlebt. Leiseschön.
Im Turm: rettende Stille. Da ist eine, die Natur nachbaut und eine, die – ganz oben unterm Wasserturmdach – sich mit den Wänden unterhält und die Grenzen zwischen Wand und Abbild verwischt. Ein Schnittpunkt vielleicht – ein Kreuzungspunkt. Pardun und Sulten im indirekten Austausch. An der grauen Wand werden Aussage und Gegebenheit irgendwie eins. Ununterscheidbar für den schnellen Blick. Kunst und Welt in einer stillen Umarmung.
Melancholie, Ironie. Eskapismus, Inslebenspringen
Die Ausstellung: Ruf- und Fragezeichen. Aufforderung zum Mitdenken. Wer Kunst(werke) als zeitisoliertes Etwas sieht, kann den Kern nicht erfassen. Im Turm: eine Mischung aus Melancholie und feiner Ironie, Eskapismus und Inslebenspringen. In der Ruhe entsteht ein Denkgeräusch. Es erobert den eigenen Kopf – bläst Leben in die Gehirnwindungen. Das Gesehene verändert den Seher. Wirkung entsteht. Nachwirkung.

Ilka Sulten
Zu sehen ist, was der Turm aus den Stipendiatinnen gemacht hat und: Was die Stipendiatinnen aus dem Turm gemacht haben. Seit dem 3. August waren sie vor Ort, haben gearbeitet, gedacht, gefühlt, gespiegelt, agiert, reagiert. Das Leben zieht weiter. Die Kunst wird zur Spur.
Melange
Längst ist das Autoradio in die Stille gezwungen. Was bleibt: das Geräusch des Motors; die vorbeiziehende Landschaft; die Melange aus Gerade und Jetzt. In Gedanken: nochmaliges Treppensteigen. Die Ebenen fließen ineinander. Die Etagen werden zum Denkgelände. Das Gefühlte – zuerst unsagbar – verfestigt sich zu Gedanken. Das Gedachte: ein Echo des Gesehenen. Kunst als Kopie der Welt. Und: die Welt als Kopie der Kunst. Grenzverwischungen. Das Denken: ein Geräusch. Das Sehen: ein Mosaik. Am Ende ist nichts mehr vom Nichts zu trennen. Eindruck entsteht. Ein Druck. Der Turm hüpft ins Hirn.

Arbeit von Birgit Pardun
Umweg über Herz und Hirn
Umhimmelswillen: Was für ein Text ist das? Wer soll etwas damit anfangen? Natürlich kann man Kunst beschreiben, aber zu oft wird Beschreibung zur Beschädigung. Kunst braucht Reaktion. Alles löst sich auf im Subjektiven. Es geht um Gegenüberstellung. Seher und Gesehenes im Zweikampf. Nein: Kampf ist nicht das Wort. Dialog – das klingt zu verbraucht. Können Worte auf Bilder reagieren? Ja. Der Umweg führt durchs Hirn. Durchs Herz.
Die Rückfahrt: Nachdenken. Zusammendenken. Auseinanderdenken. Gesehenes und Momentanes begegnen sich. Ein Text entsteht …
Beim Verlassen des Turms ein Spruch am Ausgang:

