Am 1. Februar 1972 erschien Neil Youngˋs Album „Harvest”. Außen: ein haptischrauhes Pappcover – innen: das Bild einer Band, die in einer Scheune spielt. Durch die Lücken zwischen den Wandbrettern schleicht sich das Licht in die Szene.
Vier Jahreszeiten
Es ist der 5. August 2026, 15 Uhr. Eröffnungspressekonferenz zum Haldern Pop. Auf Nebenwegen ist man mit dem Rad dorfauswärts gefahren. Musikerstraßenschilder stehen Spalier: Bach, Beethoven, Künneke. Und jetzt: Ein Hof am Waldrand. Es riecht nach Stall, Stroh, Pferd. Stefan Reichmann sitzt in einem Wohnzimmer, das sich auch ein bisschen wie ein 70-er Import anfühlt. Schwere Sofas, Kronleuchter. Deep down south. Alles erinnert an dieses Album: Harvest. Ernte.
Im Dorf: Die Anreiseschlange. Hier im Salon: Journalisten von überall her. Eine verschworene Gemeinschaft aus Experimentierwilligen. Viele von ihnen: Wiederholungstäter. Die Stimmung: gelöst. Später werden hier im Wohnzimmer Fitzgerald & Rimini auftreten. Die Fenster: verhängt. Eine Leinwand wartet auf Projektion.
Vier Jahreszeiten
„Vor dem Festival ist hier Schützenfest. Da musst du niemanden nach Haldern Pop fragen. Dann kommt das Festival – danach die Kirmes, und dann ist schon St. Martin.” Vielleicht kann man es nicht besser zusammenfassen. Vier Jahreszeiten einmal anders. Reichmanns Handy klingelt. „Hab ich erst ein paar Tage. Ich blicke noch nicht durch”, sagt er. Er sagt: „Das Update habe ich immer aufgeschoben. Seit Jahren. Jetzt fühlt es sich an, als sei mein altes Handy aus der Zeit, bevor die Autos erfunden wurden.” Gotteseidank ist es dem Festival anders gegangen. Die Updates haben stattgefunden. Reichmann spricht – das Handy klingelt weiter. Irgendwann ist Ruhe. Manche Dinge erledigen sich von selbst Irgendwie ist auch das ein Beispiel: Nein, in Haldern haben sie nicht die Zeit verschlafen, aber hier ist es möglich, ein kleines Stück Zeitmaschinenleben zu zelebrieren.
Etwas zurück geben
Reichmann spricht über das Becherpfand, das sie in diesem Jahr wieder abschaffen. „Wir waren die ersten, die mit Becherpfand gearbeitet haben. Jetzt ist es an der Zeit, dem Publikum etwas zurückzugeben.” Die Währung der Stunde: Vertrauen. „Wir müssen lernen, uns über jeden Becher zu freuen, der am Ende zurückkommt und nicht über den Becher zu jammern, der am Ende fehlt.”
Da ist also die 2026-er Ausgabe des Haldern Pop am Start und der Kurator spricht über alles – nur nicht über Musik. Er spricht vom Nervensystem des Festivals: Das sind die Menschen im Hintergrund, die all das hier möglich machen. Es sei, sagt Reichmann, im Hintergrund viel Jugend zu spüren.
Die Jahre und die Bindungen
Haldern ist – man kann es ja ruhig noch einmal sagen – ein großes kleines Festival. Eines, das überleben muss wie andere Festivals auch, „aber wir machen nicht ein Festival, um Karten zu verkaufen. Wir verkaufen Karten, um ein Festival zu machen.” Die Samstags-Tageskarten: Ausverkauft. Das fühle sich gut an. Dass die Sportfreunde Stiller zum 30-jährigen Bestehen nach Haldern kommen und auf der Hauptbühne (wo sonst?) spielen, sei eigentlich nicht bezahlbar, wenn die Band nicht … nein: Es wird nicht über Zahlen gesprochen. Aber über die Jahre sind Bindungen entstanden. Aber das Festival ist mehr als der Auftritt der Sportfreunde. Auch diesmal wird es ein Jahrmarkt der Unterschiedlichkeiten. Haldern – das ist immer wieder die Erweiterung eines Rahmens, den es eigentlich nicht gibt. „Habt ihr Fragen?“, will Reichmann nach 30 Minuten wissen. Reporterschweigen. „Dann ist es doch gut”, sagt Reichmann. Und dann gibt es doch noch eine Frage.
Auf dem Rückweg von der Pressekonferenz wieder das Defilee der Musikstraßen. Künneke, Beethoven, Bach. Die Drei würden hier, denke ich, ihren Spaß haben.
Vertrauen

Im Gespräch: Harald Kunde (r.) und Donat Kaufmann. Foto: Christoph Buckstegen
Drei Stunden später eine Gesprächsrunde in der Pop Bar. Es ist der Tag das Sichendenkensfühlens. Auf der Talkbühe: ein Duo – Museumsleiter der eine (Harald Kunde vom Museum Kurhaus Kleve), Musiker und Schreiber der andere (Donat Kaufmann). Das Thema: Vertrauen. Es geht in die Tiefe – Kreise werden gezogen. Ob man angesichts der Weltlage anders könne als pessimistisch sein, fragt Kunde und Kaufmann sagt, er fühle sich zur Hoffnung aufgefordert und er sagt: Zynismus ist die Endstation. Auf dem Nachhauseweg im Auto „Harvest” gehört. Diagnose: gut gealtert – so wie das Festival. Es liegt, denke ich, an der Haltung.
