Wenn die Kassen leer sind, ist Sparen angesagt. Die Frage, die sich Städten und Gemeinden stellt: Was muss bleiben und was ist verzichtbar. Es gibt „freiwillige“ Leistungen und eben solche, die nicht einfach gestrichen werden können.
Das Produkt 0404
In der Tagesordnung zur Sitzung des Klever Rates am 17. Dezember findet sich unter dem Buchstaben k) folgender Eintrag; „Sonderausstellungen Museum Kurhaus – Haushaltsantrag Nr. HA 12-2026/XII.“ In der Kurzfassung des Antrages des Sozialliberalen Forums Kleve (SFK) heißt es, der Rat solle beschließen, dass „die im Haushaltsplan 2026 unter dem Produkt 0404 (Museum Kurhaus/ Mataré-Sammlung) veranschlagten Mittel in Höhe von 110.000 € für Sonder- und Wechselausstellungen gestrichen werden“ und „die Verwaltung beauftragt wird, für das Jahr 2026 und die Folgejahre ein Grundbetriebsprogramm ohne zusätzliche Sonderausstellungen zu planen und die eingesparten Mittel zur Haushaltskonsolidierung zu verwenden“. Immerhin: „Die museumspädagogischen Angebote, die Dauerausstellung und der laufende Betrieb bleiben davon unberührt.“
Der gute Ruf
Der Direktor des Museums, Harald Kunde, ist – wen wundert es – not amused. Gerade Sonderausstellungen, so Kunde in einer Stellungnahme, „tragen zur überregionalen Positionierung eines Hauses bei und sind deshalb für das Publikum ein untrüglicher Sensor für die Attraktivität und Qualität der jeweiligen Einrichtung. In dieser Hinsicht hat sich das Museum Kurhaus Kleve über viele Jahre einen exzellenten Ruf erworben, und die Einstellung des Ausstellungsprogramms wäre mit einem immensen Imageverlust verbunden, der einer symbolischen Schließung des Hauses gleichkäme.“
Nice to have
Daniel Rütter (SFK) spricht– heißt es in einem Text in der RP – in Bezug auf die Sonderausstellungen von: „Nice to have.“ Angesichts eines zur erwartenden Haushaltsdefizits von 19,9 Millionen Euro sind eingesparte 110.000 Euro immerhin mal ein Anfang. Dazu sollen auch die Planungen für ein (dringend erforderliches) Depot eingestellt werden.
Der Kleve-Bdzug
Keine Wechselausstellungen mehr? Für Rütter offensichtlich kein Problem. Es gibt doch genügend Ausstellbares in der Sammlung. Dazu kommt: Sonderausstellungen haben doch nicht wirklich etwas mit Kleve zu tun. Oder? Sie sind eben „Nice to have“. Nett, wenn man sich das leisten kann. Aber notwendig? Nicht wirklich.
Aus Versehen
Und da die Ausstellungen fürs anrückende Jahr natürlich längst fix sind, sollte man mit dem Streichen fürs Überjahr zügig beginnen, damit nicht – aus Versehen – jemand einen Antrag stellt, von dem niemand etwas wusste.
Das Depot durchforsten
Nice to have. Das wäre dann doch mal ein nettes Argument für Dinge, die immer schon mal eingespart werden solltenkönnten. Wie wär’s mit den städtischen Konzerten? Nice to have, aber die meisten, die da auftreten, haben doch nichts mit Kleve zu tun. Also: Weg mit den Konzerten. (Vorsicht; Satire!)
Tourneetheater ohne Kleve-Bezug? Geht gar nicht. Und weg damit. Nice to have. Kunst? Siehe oben. Ausstellungen? Die wird es natürlich geben. Einfach mal das Depot durchforsten. Das dürfte doch wohl für achtbiszehn Ausstellungen reichen. Nice to have.
Das war dann mal weg
Vielleicht könnte man ja auch mal darüber nachdenken, ob all das Gesammelte überhaupt gebraucht wird. Da lagert doch in den Katakomben bestimmt das eine oder andere, das sich versilbern, wenn nicht gar vergolden ließe. Da brächte das Museum dann mal Geld ein, statt nur Kosten zu produzieren. Haben die nicht Warhol, Richter und Beuys? Das muss sich doch verkaufen lassen. Vor dem Verkauf: Schön abfotografieren. Und wenn das Lager dann leer ist, macht man eine Ausstellung, bei der die Quittungen an der Wand hängen und eine Reproduktion des verkauften Kunstwerks daneben. Titel der Ausstellung: Das war dann mal weg. [Kürzlich wurde gemeldet, dass eine Kuh von Mataré auf dem Kunstmarkt 350.000 Euro eingespielt hat. Na bitte. Haben die nicht reichlich mataré’sches Hornvieh im Museum Kurhaus? Eine Kuh verkauft und dafür drei Jahre Sonderausstellungen – das klingt doch nach einem guten Geschäft. Die Museumsleitung könnte ja vielleicht künftig auch ehrenamtlich geregelt werden. Bei Bedarf: Einen Leihkurator engagieren.
Der erste Preis
LaGa? Nice to have. Stadtbücherei? Nice to have. Vielleicht einen Wettbewerb ausloben. „Nice to have had“. Bürger machen Vorschläge. Was kann weg? Was soll bleiben? Vorschläge sind einzureichen an das Sozialliberale Forum Kleve und – Vorsicht Satire!: Erster Preis: Ein Tag mit dem SFK. Zweiter Preis: Zwei Tage. Und so weiter …
Ein wiederkehrendes Dilemma
Natürlich: Die Angelegenheit ist alles andere als lustig. Sie zeugt von einem wiederkehrenden Dilemma, das sich allüberall wiederfindet. Es hat mit Wertschätzung zu tun und mit einem seelischen Grundnahrungsmittels, das sich Kultur nennt und für viele verzichtbat erscheint. Wenn es ans Sparen geht, finden sich gebetsmühlenhaft Kunst und Kultur auf den vorderen Plätzen. Dass Daniel Rütter vor der Einbringung seines Vorschlages keinen Kontakt zum Museum gesucht hat, ist – gelinde gesagt – schade. Natürlich ist es Teil der Demokratie, dass eine Fraktion Vorschläge einbringt. Aber ohne einen vorherigen Dialog mit den am Ende Betroffenen? Es vorschlägt sich leichter, wenn man nicht vorher mit den ihnen redet. Vielleicht wären Kompromisslösungen denkbar in Bezug auf das „Produkt 0404“ (Museum Kurhaus.)
Bleibt abzuwarten, wie der Rat am Mittwoch entscheiden wird. Und sollten in Kleve keine Sonderausstellungen mehr stattfinden, fährt man halt nach Düsseldorf, Essen, Köln oder in die Niederlande. Nice to have.

Randbemerkung
Vielleicht offenbart die „Streichdebatte” ein strukturelles Problem, bei dem es um den Umgang mit Kunst und Kultur im Allgemeinen geht. Unterstützungen für die Kultur sind freiwillige Leistungen und gerade dort liegt der Kern des Problems. Wenn es in einem städtischen Haushalt etwas zu streichen gilt, muss bei den freiwilligen Leistungen gesucht werden. Die Aussage, dass Sonderausstellungen „Nice to have” sind, ist letztlich ein Ohnmachtseingeständnis gegenüber einem seelischen Grundnahrungsmittel. Das Museum ist kein Museum – es ist längst ein Produkt mit Produktnummer. „Nice to have”, aber – das suggeriert ein solcher Satz – verzichtbar. Anders gesagt: Es geht auch ohne. Wie soll man den Gegenbeweis führen? Jede Stadt, die einen bedeutenden Menschen hervorgebracht hat, schmückt sich gern mit ihm. Zu Lebzeiten desselben Künstlers sah die Sache meist anders aus. Ausnahmen sind vielleicht Sportler oder Unterhaltungskünstler. Der Mensch, der zu Lebzeiten (meist) kaum Beachtung fand, wird nach dem Tod schnell zur identitätsstiftenden Ikone. Zu Lebzeiten war ein Johann Sebastian Bach für die Stadtverwaltung eher ein Ärgernis. Heute ist Bach ein Markenkern und Exportartikel.
Sparvorschläge sorgen für Lagerbildung. Wähler drohen denjenigen mit Stimmenentzug, die sich vor den Sparkarren spannen lassen. Daran wird sich nichts ändern, solange Kultur ein „Nice to Have” ist. Vielleicht ist es ja so, dass niemand gern mit Sparvorschlägen vorprescht, aber – es muss doch noch mal erwähnt werden – der Spruch vom „Nice to Have” offenbart eine Respektlosigkeit erster Güteklasse.
