Whatsapp-Nachricht von Samstag, 18. April, 10.18 Uhr. „Guten Morgen. Habe gerade erfahren, dass Herr Michel gestern verstorben ist.“ Eine Nachricht, die tiefe Trauer freisetzt.
Eine Adresse für Qualität
Georg Michel war für die Musikszene im Kreis Kleve eine wichtige Persönlichkeit. Natürlich denkt man zuallererst an die „Haldern Strings“ – Michels Streicherschule, gegründet 1994 in Haldern. Aber da sind noch andere Dinge, die fest mit dem Namen Michel verbunden sind: Er hatte die Idee, die „Tage der Musik“ auch in Rees zu veranstalten. Er war Mitinitiator der Gocher Stringtime, leitete sie jahrelang und Michel war als Nachfolger von Herbert Krey Leiter der Bezirksarbeitsgemeinschaft Niederrhein (BAG). Die Jahreskonzerte seiner Haldern Strings im Reeser Bürgerhaus waren eine feste Einrichtung und irgendwie gehörte Michel auch zum „musikalischen Inventar“ der Evangelischen Kirchengemeinde in Haldern – schließlich war das ehemalige Pastorat am Irmgardisweg in Haldern für lange Zeit die feste Adresse der Haldern Strings. Regelmäßig veranstaltete Michel dort auch Hauskonzerte.

Ein Pädagoge aus Schülersicht
Eine zentrale Figur
Elke Spörkel, ehemalige Pastorin in Haldern: „Die Nachricht vom Tod Georg Michels hat mich sehr berührt. Musikalisch haben Michel und die Haldern Strings uns lange begleitet. Grob geschätzt würde ich sagen, dass Michel und seine Haldern Strings an die 250 Gottesdienste in unserer Kirche musikalisch gestaltet haben. Aber auch abseits der Musik war Georg Michel einer, der sich engagiert hat.“ Für die Musikszene in Rees gehörte Michel neben Karl-Heinz Lehmann zu den zentralen Figuren.
Ein Aufruf
Montag, 19. April. Ein Spendenaufruf im Internet, initiiert von einer ehemaligen Schülerin: „Georg Michel hat alles für uns gegeben, jetzt sind wir dran ihm etwas zurückzugeben. Da er leider keine Angehörigen hatte, würde ihm nicht die Bestattung zuteil werden, die ein so toller Mensch verdient hat. Daher versuchen wir mit diesem Spendenaufruf, ihm einen würdigen Abschied zu ermöglichen.“ Viele Michel-Schüler wären ohne in nicht da, wo sie heute sind. Die Spendenaktion für Michels Beerdigung zeigt etwas von der tiefen Verbundenheit der Schüler zu ihrem Lehrer. Für viele Schüler wurden bei den Haldern Strings Weichen ins Leben gestellt.
Ein Abschied
Vor sechs Jahren zog Michel sich von den Haldern Strings zurück – stellte später auch seine Unterrichtstätigkeit ein. Es wurde still um den Mann, der in Hamburg bei Eva Hauptmann (1894-1986) studierte, nebenbei journalistisch tätig war und nach seiner Orchestertätigkeit „in den Westen“ kam, wo er, bevor er in Haldern sesshaft wurde, unter anderem an den Musikschulen in Bocholt und Kleve unterrichtete.
Ein Termin
Dienstag, 21. April: Mittlerweile gibt es einen Termin für Michels Beerdigung auf dem Waldfriedhof und eine Trauerfeier in der katholischen Kirche. Beides wird am Samstag, 30. Mai stattfinden – die Trauerfeier um 10 Uhr, die Beisetzung um 11 Uhr. Elke Spörkel, eine enge Vertraute von Michel: „Wir haben durchaus auch über den Tod gesprochen und Georg hat sich immer gewünscht, auf dem Waldfriedhof in Haldern beerdigt zu werden.“ Dieser Wunsch wird nun dank der Unterstützung seitens vieler Spender erfüllt.
Ein Echo
Sigrid Mölleken arbeitete als Leiterin des Kulturamts der Stadt Rees lange mit Michel zusammen. „Ich habe Herrn Michel sehr gemocht und geschätzt. Er war ein Mensch mit hohen Ansprüchen an seine Schüler, aber auch an sich selbst.“ Möllekens Amtsvorgänger Ludger Beltermann spricht am Telefon von Georg Michel als einem „Aushängeschild für unsere Stadt.“
Michels Nachfolger bei den Haldern Strings ist der Cellist Ole Hansen. „Georg Michel hinterließ Spuren. Eine sehr deutliche ist der bis heute bestehende Haldern Strings e.V.. Viele Kinder und Jugendliche, darunter ich selbst, fanden und finden hier ihre musikalische Heimat. Da Leistung das zentrale Element seiner Lehre war, mündete sein Wirken für viele im Musikstudium. Dafür und für den Verein Haldern Strings bin ich ihm sehr dankbar.“
Landrat Christoph Gerwers hatte während seiner Zeit als Reeser Bürgermeister regelmäßig mit Georg Michel zu tun. „Georg Michel war Kopf und Herz der Haldern Strings. Ich habe ihn in meiner Funktion als Bürgermeister, aber auch persönlich als durchaus strengen Geigen- und Bratschenlehrer meiner Tochter Eva kennengelernt. Er war fordernd für seine Schülerinnen und Schüler, hat sie andererseits immer wieder motiviert und zu größeren Leistungen angespornt. Die vielen Erfolge seiner Schüler bei ‚Jugend musiziert‘ belegen das eindrucksvoll. Mit den Haldern Strings und seinem Engagement für die Tage der Musik hat er das kulturelle Leben in der Stadt Rees in besonderer Weise bereichert. Es ist der Stadt und den der Musik verbundenen Menschen in Rees zu wünschen, dass sein Lebenswerk weiterhin Früchte trägt.“
Christian Lehman, Sohn des 1993 verstorbenen Karl-Heinz Lehmann, hebt Michels hohen Anspruch an seine Schüler hervor. „Im Vordergrund stand die Musik. Sein hoher Anspruch galt auch den Tagen der Musik, die von Georg Michel 2012 initiiert wurden. Die Musik und das Gemeinschaftserlebnis junger MusikerInnen standen stets im Vordergrund. Sein inspirierendes, selbstloses musikalisches Wirken aus den letzten 35 Jahren und seine liebenswerte und begeisternde Art haben am gesamten Niederrhein Maßstäbe gesetzt und werden nachwirken.“
Boguslaw Strobel war zusammen mit Georg Michel Initiator der Gocher Stringtime. „Georg wird uns stets nah bleiben – nah in unseren Erinnerungen, nah durch die großen Projekte, die er am Niederrhein verwirklicht hat, und nah durch die Spuren, die er in den Herzen so vieler Menschen hinterlassen hat. Ich hatte das Glück, Ihm direkt nach meiner Ankunft in Kleve zu begegnen. Aus dieser Begegnung wuchs eine Zusammenarbeit, die mich bis heute prägt. Unvergessen bleiben für mich unsere außergewöhnlich herzlichen Abende, an denen wir – oft bis spät in die Nacht – über das große trinationale Musikprojekt ‚Stringtime‘ diskutierten. Es war ein gemeinsames Ringen um künstlerische Qualität und pädagogische Klarheit – getragen von Georgs unermüdlicher Energie und seinem tiefen Glauben an die Kraft der Musik. Besonders beeindruckend war seine Fähigkeit, aus Ideen nachhaltige Wirklichkeit zu schaffen. Mit den von Ihm gegründeten ‚Haldern Strings‘ gelang es Ihm, seine pädagogische Vision auf die musikalische Jugend am Niederrhein zu übertragen und jungen Menschen einen Raum zur Entfaltung zu geben. Georg war ein großer Pädagoge, der sich mit außergewöhnlicher Hingabe für musikalisch begabte junge Menschen einsetzte und ihnen Perspektiven schenkte. Sein Wirken war geprägt von Leidenschaft, Weitsicht und Menschlichkeit. Wir sind Ihm zu großem Dank verpflichtet.“
Stefan Reichmann – künstlerischer Leiter des Haldern Pop Festivals: „Georg war jemand, der das, was er gemacht hat, bedingungslos liebte. Er war immer auf der Spur des Schönen und hat das Unsichtbare hörbar gemacht. Er hat an der Zukunft gearbeitet und er war der, der andere in den Mittelpunkt gestellt hat.“
Ein Finale
Die Geschichte von Michels Tod zeigt Licht und Schatten. Da ist der geschätzte und verehrte Lehrer, der seine Schüler mit der Schönheit der Musik vertraut machte und für viele zum Weichensteller wurde – aber da ist auch die Tatsache, dass Michel am Ende mehr oder weniger einsam und mittellos starb. Nicht ohne Grund wurde eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um einem, der es ohne jeden Zweifel verdient hat, ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen und so dazu beizutragen, sein Andenken zu bewahren. Michels Ende ist Teil einer Wahrheit, die nicht unterschlagen werden sollte. Wahrheit ist nicht immer bequem. Sie zu erwähnen ist nicht unschön. Um sein pädagogisches Konzept umzusetzen, hat Michel auf die Sicherheit einer Musikschultätigkeit verzichtet.
Es wird nicht wenige geben (und der Schreiber dieser Zeilen gehört dazu!), die sich immer wieder vorgenommen haben: „Den Michel musst du unbedingt besuchen.” Es gibt nicht ganz so viele, die einen solchen Vorsatz in die Tat umgesetzt haben.
Für das Leben und Sterben eines Menschen gibt es keine allgemeingültige Deutungshoheit. Michels Tod sollte als Denkanstoß genutzt werden. Es ist bewundernswert, dass sich Menschen gefunden haben, die sich um einen würdevollen Abschied für einen engagiert haben, der ihnen am Herzen lag. Vielleicht kann sich ein Lehrer nicht mehr wünschen als diesen Respekt von seinen Schülern zu bekommen.
Bei der Trauerfeier am 30. Mai um 10 Uhr in der katholischen Kirche in Haldern werden die Musik machen, denen Michel beigebracht hat, die Sprache der Schönheit zu sprechen und man darf sicher sein, dass es ein bewegender Abschied wird. Es bleibt zu hoffen, dass dem Abschied am Grab das Andenken in den Köpfen folgt, denn Georg Michel wird nicht auf Grabplatten weiterleben sondern einzig in den Köpfen und Herzen derer, die ihn kannten und schätzten. Man denkt an Mahler: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern das Bewahren des Feuers.”
Zum Tod von Loriot veröffentlichte die FAZ am 26. August 2011 eine ganzseitige Anzeige mit dem Text: „Lieber Gott, viel Spaß.” Der liebe Gott wird sich jetzt eine Geige anschaffen müssen. Ciao Georg.


