Schreibkraft
Heiner Frost

Atemlos durch die Macht

Foto: Rüdiger Dehnen

Thomas Dieckmann hat fertig. Er bereut nichts, aber nach 17 Jahren ist es jetzt mal gut. Schluss mit Musikschule. Er war der Chef. Seit dem 1. Oktober 2002. Fragt man nach dem ersten Tag, kommt die Antwort ansatzlos. Vielleicht liegt es am Job, dass einer sich Daten merkt.

Jetzt das Aber: Eigentlich ist Dieckmann Gitarrist, aber irgendwann hat es ihn in die Musikschulchefkarriere getragen. Zuerst war er in Walburg an der Lahn. „Wenn Sie mal in der Gegend sind, fahren Sie unbedingt hin. Walburg wird auch die Perle an der Lahn genannt.”

Haben Sie Pläne?

Jetzt zum Eigentlichen. Natürlich haben alle in den letzten Wochen und Monaten permanent die eine Frage gestellt. Also regt man sich ein: „Haben Sie Pläne?” Hat er nicht. Also: Planvoll planlos. Irgendwie kann man’s nachvollziehen. Als Chef ist ja irgendwie alles immer Planung. Termine, Termine. Noch mal also: Pläne gibt es nicht. Und ein Wort besser nicht sagen: Unruhestand. Er mag dieses Wort nicht.

Vorhaben

Kurz noch mal die Rückspultaste gedrückt. Zurück zum Damals. Im ersten Jahr wohnte Dieckmann in einer kleinen Wohnung in Kellern. Seine Frau war noch in Walburg. Perle zu Perle. Ein Jahr später: Umzug nach Reichswalde. Haus gebaut. Baum gepflanzt? Vergessen zu fragen. Bleiben noch die Kinder: Zwei. Alles Jungs. Einer ist 35 – der andere 29. Immerhin die Kindesalterüberlegezeit dauert einen Hauch länger als die Meinerstertaginkleveüberlegezeit. Enkel? „Ja. Ein Mädchen.” Leider ein bisschen weit weg: Stuttgart. Da fährt man nicht mal eben zum Babysitten, weil die Eltern abends was vor haben. Apropos Vorhaben… Ach ja – es gibt ja keinen Plan. Den einen vielleicht: wieder Musik machen. Wir lernen: Ein Musikschulchef hat natürlich viel mit Musik zu tun, aber Musik machen – das blieb meist den anderen vorbehalten.

Gern, ungern

Was fragt man noch? Vielleicht das: An was erinnern Sie sich ungern? (Unfaire Frage eigentlich. Was soll einer darauf sagen?) Er sagt – halb im Scherz: „An Interviews.” Und dann sagt er: „Ich hab’s nicht gemocht, wenn es eng wurde – wenn Sachen unter Zeitdruck passiert sind.” Haben wir da einen Kontrollfreak vor uns? Der Mann leugnet. Aber: „Du willst es natürlich gut machen. Möglichst perfekt.” Highlights? Ganz bestimmt das noch laufende Jubiläumsjahr. 72 Veranstaltungen und ein „wennichgewussthättedass… „. Hinterher weiß man immer mehr.
Natürlich: Die Musikschule hat sich entwickelt. Mit Dieckmann kam das Internet. „Entwicklung ist wichtig. Stillstand ist Rückschritt”, sagt Dieckmann.

Wird nicht passieren

Die Verabschiedung morgen: „Wären Sie morgen lieber krank?” Antwort: „Wenn es so wäre, würde ich es nicht sagen.” Was soll schon passieren. Naja – vielleicht singt das Kollegium einen Helene-Fischer-Song mit neuem Text. Atemlos durch die Macht. Eine Blässe zieht über die Dieckmannmiene. „Wird nicht passieren”, sagt er. Dass geredet wird, gehört dazu. Da muss einer durch. Dieckmann hat Erfahrung. Das sitzt man aus. Und irgendwie ist es ja dann auch schön. Danach ist Schluss. Danach ist Freiheit. Und: Bedeutungslosigkeit. Ohne Amt bleibt ein Mensch wie Du und ich. Bedeutungslosigkeit ist natürlich falsch. Und außerdem trennen sich am letzten Tag Amt und Würde. Das Amt geht. Die Würde bleibt. Würde Dieckmann gern reisen? Kann passieren. Seine Frau allerdings könnte er nicht unbedingt mitnehmen, denn die unterrichtet weiter an der Musikschule. „Sie ist Überzeugungstäterin”, sagt er und merkt, was er gesagt hat: „Überzeugt war ich auch”, sagt er. Übersetzung: Gern getan. Trotzdem: Jetzt ist er Rentier. Ohne Geweih. Mann muss es Französisch aussprechen. Rentjé – Betonung hinten. Dann stimmt’s. Was sagt man? Viel Spaß im weiteren Leben.

Na denn: Gute Weiterfahrt.