Auf dem Tisch: ein Heftchen. 43 Seiten. Auf der Titelseite: der Umriss des Kreises Kleve. Darüber steht: „Der Un-Organisierte Tod“. Darunter: „Das Projekt ‚Ein Jahr danach”. Der Inhalt des Heftes: ein Ergebnis – eine Zusammenfassung.
Think Tank
Am Anfang stand eine Zahl – mehrere Zahlen eigentlich. Zuerst eine Jahreszahl: 1997. Dann die Zahl der tödlichen Unfälle, die sich damals im Kreis Kleve ereigneten: 29. Der Gedanke angesichts einer solchen Schreckenszahl: Was ist zu tun? Gibt es Möglichkeiten der Prävention?
Bei der Kreispolizeibehörde Kleve öffnete sich ein Think-Tank. Drei Männer machten sich Gedanken: Jonas Meurs, Arno Tromp und Achim Jaspers. Das Trio entwickelte einen 11-Punkte-Plan. Elf Punkte im Kampf gegen den Tod auf den Straßen des Kreises.

Punkt zwei: „Analyse bisher unberücksichtigter Einflussfaktoren bei Verkehrsunfällen mit schweren Folgen.” In einer Zusatznotiz heißt es: „Ziel: Ermittlung bisher nicht bekannter Hintergründe, Zusammenhänge pp., u. a. nach Abschluss von Ermittlungsverfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen für eine langfristig angelegte Strategie zur Verhinderung bzw. Reduzierung der schweren Verkehrsunfälle.“ Unter dem Stichwort „Durchführung” heißt es dann: „Persönliche Kontaktaufnahme mit Unfallbeteiligten, Angehörigen pp. nach Verkehrsunfällen mit Todesfolge nach Abschluss behördlicher Ermittlungen. Erfragen von Faktoren im Sinne der o. g. Zielvorgabe. Erfassen von ‚tatsächlichen‘ Ursachen des Unfallgeschehens mit möglicher Auswirkung auf die bisherige Bewertung und statistische Erfassung von Hauptunfallursachen. Informationssteuerung gewonnener Erkenntnisse an alle zur Bekämpfung der schweren VU [Verkehrsunfälle] a. g. O. beteiligten Behörden und Institutionen.”
Meilenstein
Das alles klingt irgendwie „behördlich”, aber aus dem Punkt Zwei des Maßnahmenkatalogs wurde eine Art Meilenstein. Vielleicht – so die Idee – ließe sich aus dem, was die Betroffenen sagen, etwas herleiten – destillieren. So entstand das Projekt: ‚Ein Jahr danach‘. Aus dem Trio des Anfangs wurde eine Zehnergruppe. In einem Zwei-Tage-Seminar wurden die Mitglieder der Gruppe auf ihre Aufgabe vorbereitet. Das Motto: zuhören.
Wer Fragen stellt …
Dann fanden 53 Interviews mit 86 Personen statt. Wer Fragen stellt, muss mit den Antworten leben können. Schnell stellte sich heraus: Qualitätsmanagement würde eine der Hauptaufgaben für die Zukunft werden. Wer im Heft liest, wird indirekt Zeuge von Missständen, die aus heutiger Sicht unglaublich erscheinen. Das Fazit der Betroffenen gegenüber den Beamten: „Durch eure Arbeit sind wir zum zweiten Mal Opfer geworden.“
Ausschnitte aus den Gesprächen: Die Verlobte hat Fahrzeugteile vom PKW ihres Freundes an der Unfallstelle eingesammelt. (…) Sie wurde von der Polizei nicht benachrichtigt, was sie sich aber gewünscht hätte. Die Mutter des Verlobten rief schließlich an und teilte ihr den Tod mit. Sie hätte sich gern die Unfallstelle während der Unfallaufnahme angesehen.
Nicht nur die Polizei erhielt kein gutes Urteil. Aus einer anderen Befragung: Ich habe den Notarzt gefragt, ob mein Sohn habe leiden müssen. Er hat sich auf seine Schweigepflicht zurückgezogen. Das hat mich sehr enttäuscht …
Ich habe meinen Freund nicht mehr sehen können und habe daher ständig ein Bild vor Augen, dass sein Kopf abgerissen ist.“ Oder: „Ich bin enttäuscht von der Polizei. Persönliche Gegenstände hätte man uns (den Eltern) geben müssen. Selbst auf der Beerdigung wurde uns noch von einem Kollegen Geld überreicht, das unser Sohn in der Tasche gehabt haben soll.
Frau T. bewahrte ein Paar Schuhe – offensichtlich die Schuhe ihre Sohnes – auf, die dieser beim Unfall trug. Sie umarmte die Schuhe mit unglaublicher Zärtlichkeit. Diese Schuhe seien alles, was sie an persönlichen Gegenständen nach dem Unfall habe retten können.
Ich bin zwei Stunden nach dem Unfall durch die Gegend gefahren. Wo ich war, weiß ich nicht; auch nicht, wie ich nach Hause gekommen bin.
Die Eltern waren von der Polizei enttäuscht und haben einen Zettel, auf dem steht: „Ihr Sohn liegt in der Leichenhalle. Bitte nicht vor Montag melden.“
Man bleibt sprachlos zurück und kann miterleben wie Menschen ein zweites Mal zu Opfern werden. Einer der Vorwürfe: „Ihr kommt zu spät und geht zu schnell.”
Türöffner
Karl Meurs, einer vom Team der ersten Stunde: „Wenn ich das in der Rückschau betrachte, wird mir klar: Es war unglaublich wichtig, Menschen zu haben, die dieses Projekt ermöglichten. In einer Behörde kannst du nicht einfach losmarschieren und so etwas auf eigene Faust auf den Weg bringen.“ Einer von den Ermöglichern: Der damalige Landrat Rudolf Kersting. Meurs: „Ohne den hätten wir nichts machen können.“
Opferschutzbereitschaft
Das Ergebnis des Projektes „Ein Jahr danach“: Eine Opferschutzbereitschaft. [Aus dem Jahr 2003 stammt der „Entwurf einer Dienstanweisung Opferschutz und Opferhilfe”.] Gesucht (und gefunden) wurden Freiwillige aus den Reihen der Polizei, die bereit waren, Angehörigen von Toten oder Schwerstverletzten die Nachricht vom Tod oder von einem schweren Unfall zu überbringen – immer in Zweierteams. Mit einbezogen: Seelsorger.
Warum noch Polizei, wenn doch Seelsorger sich um die Angehörigen kümmern?, wird sich mancher fragen. Die Antwort ist einfach: Nur die Polizei hat die nötigen Informationen und Befugnisse. Das Ziel: Zeitnahes Informieren und unbegrenzte Zeitfenster. Meurs: „Es kann ja nicht sein, dass jemand aus dem Radio von einem schweren Unfall erfährt und aus der Meldung heraushört: Das ist mein Mann, meine Frau, Sohn oder Tochter. Es darf nicht sein, dass sich Menschen unter Schock ins Auto setzen, um zur Unfallstelle zu fahren und dabei sich selbst oder andere gefährden.“
Leuchtturm
Die Kreispolizeibehörde Kleve wurde mit dem Projekt „Ein Jahr danach” und den daraus folgenden Veränderungen zum landesweiten Leuchtturm. Setzte Maßstäbe. 25 Jahre ist das her. Feiern wäre das falsche Signal. Rückschau ist angebracht. Jo Verhoeven ist Opferschutzbeauftragter der Kreispolizeibehörde Kleve. „Es geht bei diesem Jubiläum darum, die Arbeit von Kollegen zu würdigen und wir freuen uns daher, dass sowohl Landrat Gerwers als auch Innenminister Reul ihr Kommen zugesagt haben und ein Grußwort sprechen werden.“
Eine Woche, 24/7
All das wird dort stattfinden, wo die Projektgruppe damals die Ergebnisse ihrer Arbeit vorstellte: im Gocher Kastell. Heute umfasst das Bereitschaftsteam circa 30 Beamtinnen und Beamte, die (drei bis vier Mal pro Jahr) Bereitschaft haben. Verhoeven: „Die Bereitschaft dauert jeweils eine Woche.“ Wenn ein Unfall passiert und der Anruf eingeht, ist es für die Diensthabenden wichtig, sich zuerst mit den wichtigsten Informationen zu versorgen. Karl Meurs: „Es ist auf jeden Fall gut, dass man, wenn möglich, den Unfallort gesehen hat, denn die Angehörigen haben Fragen.“ Es geht auch darum, einen Abschied zu ermöglichen. Kein guter Satz: „Behalten Sie Ihren Angehörigen so in Erinnerung, wie Sie ihn zuletzt gesehen haben.“ Die Phantasie malt in der Regel grausamere Bilder als die Wirklichkeit.
Respekt
Spricht man mit den Menschen aus dem Bereitschaftsteam, hat jeder von ihnen Geschichten zu erzählen, in denen Erschütterung wohnt. Man muss den Hut ziehen vor all denen, die diesen Dienst versehen und man muss denen danken, die damals, vor 25 Jahren, die Weichen auf ‚Go‘ gestellt haben.
Was die Mitglieder des Teams leisten, ist unermesslich wichtig und hat Respekt verdient. Karl Meurs: „Die Tatsache, dass die Kollegen ihre Arbeit hochprofessionell und mit Empathie versehen, ist ein Teil der ersten Hilfe.“
Zusammenspiel
Jo Verhoeven, der als Opferschutzbeauftragter die Nachfolge von Jonas Meurs antrat, hat das Projekt fast von Anfang an begleitet und gehört selber zum Bereitschaftsteam. „Dass Landrat und Innenminister zum Jubiläum kommen, hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Das bedeutet uns sehr viel.“
„Der Tod eines Menschen bedeutet immer auch den Untergang einer ganzen Welt“, heißt es an einer Stelle des damaligen Berichtes. Eine Besonderheit bei einem tödlichen Unfall: Es gibt keine Vorbereitug. Ein Leben wird im vollen Lauf auf Null geschaltet. Was es dann vor allem braucht ist Unterstützung. Es braucht Menschen, die die Angehörigen mit Informationen versorgen, ihnen das Abschiednehmen ermöglichen, Fragen beantworten können. Sich kümmern. Da sind. Seelsorger werden gebraucht, aber sie haben keinen Zugriff auf die Fakten. Sie decken einen wichtigen Teil der Hilfe ab, aber alles Behördliche können einzig die Polizisten ermöglichen. Da ist es wieder: das Wort „ermöglichen”. Jo Verhoeven: „Auch heute gilt: Wir müssen zuhören und die Bedürfnisse derer einschätzen, deren Leben sich gerade aufzulösen scheint. Das ist eine unserer zentralen Aufgaben und die erfüllen wir im Zusamenspiel mit den Seelsorgern und den Notärzten. Jeder von uns hat sein eigenes Kompetenzfeld und muss in eben diesem Feld sein Bestes geben.“
