Schreibkraft
Heiner Frost

Der Tod im Bodensee

| Keine Kommentare

(c) Bregenzer Festspiele: Karl Forster

„Mittwoch, 2. August, 21 Uhr: Carmen“, steht im Terminplaner. Fest steht: Die Dame wird den Abend nicht überleben. Sie ist schon tausende Tode gestorben. Allein in Bregenz wird sie heuer 28 mal sterben – ertränkt im Wasser des Bodensees. (Genauer gesagt werden verschiedene Carmen zum Einsatz kommen. Heute heißt Carmen in Wirklichkeit Annalisa Stroppa.) Im roten Kleid wird sie in den Fluten treiben – Gesicht zum Wasser. (Wie machen die das bloß?) 7.000 Menschen werden jubeln.

Guter Rat

Jetzt ist es 19.30 Uhr. Die Info auf den Eintrittskarten: Wir empfehlen eine rechtzeitige Anreise – am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein lieb gemeinter Ratschlag, der natürlich nur für die anderen gilt. Wenn sich alle daran hielten, würden ja keine Parkplätze an der Seebühne mehr gebraucht. Offensichtlich haben die anderen 6.500 ebenso gedacht: Alle reisen mit dem Auto an und wer nicht schon um 18 Uhr das Handtuch auf den Parkpatz gelegt hat, muss leiden. Leiden heißt laufen. Was sind schon 1.000 Meter oder 3.000?
Immerhin: Um 20.15 Uhr Eintreffen an der Seebühne. Die meisten anderen sind auch schon da. Die einen im Zwirn, die anderen im Shirt. Besucher werden in deutsch und englisch begrüßt. Zwei Stunden wird die Vorstellung dauern. Eine Pause wird es nicht geben. Sitzkissen können gekauft werden – Ferngläser wahlweise geliehen oder gemietet. „Die Geliehenen sind besser“, sagt eine junge Dame.

Und nachher ins Casino

Die Karten: Am besten nicht gleich entsorgen, denn – so erfährt man mittels Ansage – beim Besuch der Kunsthalle werden vier Euro Nachlass gewährt, und wer sich nach Carmens Tod wieder aufheitern möchte, kann bis morgens um drei das Casino besuchen und dem Unglück der Verstorbenen den Verlust eines kleinen Vermögens entgegenstellen. (Merke: Wie kommt man zu einem kleinen Vermögen? Man beginnt mit einem großen.)
Nach dem Besuch der Keramikabteilung: Aufstieg in die oberen Tribünengefilde. Für 30 Euro sitzt man hintenaußen. Gegen 20.30 Uhr ist die Arena bestenfalls halb gefüllt. Zeit für die schon Anwesenden, Fotos in allen nur denkbaren Konstellationen und Positionen zu machen: „Also ich stell mich mal neben die Mutti und du drückst drauf. Bühne im Hintergrund. Und dann gleich per whatsapp an Tante Sabine. Kost‘ ja nix mehr.“ Eine mittelalte Dame lächelt ihrem Smartphone entgegen, das sie am ausgestreckten Arm hält: Selfie mit Seebühne.

(C) Bregenzer Festspiele: Karl Forster

Anwesenheitsbeweise

20.55 Uhr: „Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein. Die Vorstellung beginnt in wenigen Minuten. Wir begrüßen auch die Gäste der München.“ Die München? Es dauert einen Augenblick, bis die Erkenntnis einsickert: Da hat ein Schiff festgemacht. Über den Steg an der linksvorderen Bühnenseite marschieren Menschen ein, die sich durch ihre Taschen als Reisegruppe definieren lassen. Alle Taschen sind von gleicher Machart und Farbe. Das wird kaum ein Zufall sein.
Das Wetter: Herrlich. Man wird noch um 23 Uhr im Hemd sitzen und den postmortalen Abend genießen können. Fast alle Plätze sind besetzt. Die Ansage: „Bitte schalten Sie Ihre Handys und Smartphones aus. Das Fotografieren während der Vorstellung ist nicht erlaubt.“ Klar – das gilt natürlich nur für die anderen. Man fährt nicht den weiten Weg, gibt nicht das ganze Geld aus, um dann keinen Beweis des Vorhandenseins am Ort liefern zu können. Und wenn‘s dunkel wird, muss halt der Blitz her. (Was aus 40 Metern Entfernung mit einem Smartphoneblitz ohnehin nicht die beste Idee zu sein scheint. Aber – siehe oben: Wenn man schon mal da ist, soll die Welt Kenntnis davon bekommen. In der Ansage heißt es, dass auch die Sitznachbarn sich durch das Fotografieren gestört fühlen könnten. Das kann aber doch nicht die Leitlinie sein. Wer sich beschwert, wird niedergestarrt und mit Ignoranz belohnt. Als ob sich Wildfremde mirnichtsdirnichts in den individuellen Kulturgenuss einbleden können …

Hoch droben

Um 21.04 Uhr beginnt Carmens langes Sterben, und es ist einfach phänomenal, was sie hier auf die Bühne bringen. Man hätte nicht geglaubt, dass Klang wie dieser möglich ist. Das Orchester: Nicht auf der Bühne sondern drin im Festspielgebäude. Sichtkontakt nur über Monitore. Es ist wirklich unglaublich, dass all das funktioniert. Es funktioniert nicht nur – es ist ein Genuss und oft genug weiß man gar nicht, wohin zuerst zu schauen ist. Da ist das Geschehen auf der Bühne, da sind rechts und links der Bühne die Projektionsflächen für den Text und da sind – ebenfalls links und rechts von der Bühne – die Würfel, auf denen das Orchester bei der Arbeit zu sehen ist. Nicht zu vergessen: Der Smartphonemonitor der Vorderleute. Auf der Bühne lassen sie keinen Effekt aus: Es regnet, es brennt, die Spielkarten des gigantischen Bühnenbildes sind drehbar, manche von ihnen können ins Wasser gesenkt werden und zusätzlich dienen sie als Projektionsfläche. In einigen Szenen klettern hoch droben – es mögen an die zehn Meter zusammenkommen – Gestalten durch die Kulissen. Alles, was an Effekten geboten wird, ist allerdings nicht Effekt – es ist Teil des dramaturgischen Konzeptes. Man hätte nicht gedacht, dass all das möglich ist. Ein bisschen irritierend wirken mitsingende Menschen: Auf in den Kampf Torrero …
Dass alles hier auf einer Seebühne spielt, wird zwischendrin immer mal wieder zum Teil der dramatischen Konzeption: Hier und da fahren Boote und bringen Gesangspersonal und manchmal plantschen welche während des Tanzens oder der Arie.

Hausordnung

Zwischendrin müssen immer mal wieder die „Blockwarte“ ausrücken, um den Unbelehrbaren im Publikum klarzumachen, dass das Fotografieverbot keine Handlungsanregung ist sondern Teil der Hausordnung. Ohne großen Aufwand schaffen es die Damen in den roten Jacken, den Uneinsichtigen klarzumachen, dass sie ihr Tun beenden oder aber das Theater verlassen müssen. Die Sondereinsätze gehen lautlos vor sich, während auf der Bühne das Spiel weitergeht.
Die Präzision, mit der alle Beteiligten ihr Werk verrichten, das ja ein KunstWerk ist, lässt Bewunderung aufkommen. Natürlich verrutscht hier und da mal ein Einsatz – aber das steckt man weg. Was hier als Gesamtkunstwerk auf die Bühne kommt, ist mehr als ein Achtungserfolg. Das hier ist Musiktheater vom Allerfeinsten. Nichts freilich, woran sich die Geister reiben müssten – nichts, was Geduld und Toleranz des Publikums auf die Probe stellen würde, aber ein wohldurchdachtes Konzept. Ein bisschen erinnert all das an eine Filmproduktion, bei der erst mit dem Abspann klar wird, wie viele Menschen hier am selben Produkt gearbeitet haben und erfolgreich sind. Nach Carmens Tod (sie wird von ihrem Liebhaber im Wasser des Sees ertränkt – Gesicht zum Wasser) brandet Beifall auf und dauert 15 Minuten. Eine famose Carmen. Ein unglaublich gut zusammenarbeitendes Ensemble, ein famoser Dirigent (Paolo Carignani), der philharmonische Chor aus Prag, der Bregenzer Festspielchor, der Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt, die Wiener Symphoniker, die Stuntmen vom Wired Aerial Theatre … Danach: Licht an. Abmarsch. Ein bisschen wird gedrängelt beim Ausfahren. Dann hat man die Stadtgrenze erreicht und wenn sie einen gleich noch einmal einließen – man würde Carmen wieder beim Sterben zusehen. Karten für die laufende Spielzeit? Das dürfte schwer werden. Aber: Im kommenden Jahr wird Carmen wieder antreten. Da ließe sich was machen – auch bei den begehrten Plätzen. Und wer die Bühne sehen möchte, kann das über die Webcam „http://bregenzerfestspiele.com/de/webcam“. Führungen durch das verwaiste Opernareal werden auch angeboten. Das geht immer.

(c) Bregenzer Festspiele: Karl Forster

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.