Schreibkraft
Heiner Frost

Theater der Geschichte

Der Auftrag

Der Auftrag kam im Herbst des vergangenen Jahres. Auftraggeber: Die Stadt Kleve. Auftragsnehmer: Theater im Fluss. Gegenstand des Auftrags: Eine Theaterproduktion. Klingt einfach – ist es aber nicht, denn 775 Jahre Stadtgeschichte sind ein mächtiger Steinbruch …


Manchmal kreuzen sich Ereignisse. Im Oktober wird der Johann-Moritz-Kulturpreis der Stadt Kleve verliehen. Preisträger: Theater im Fluss. So wird der Auftragnehmer eventuell zum Objekt der eigen Betrachtung, denn als Kulturpreisträger ist ein Fensterplatz im Geschichtsschaufenster integraler Bestandteil. Aber das nur am Rande.
Derzeit wird heftig am Stück gearbeitet. Der Titel steht fest: „Sternstunden und Schwanengesänge“. Kleve ohne Schwan? Kaum denkbar. Harald Kleinecke über den Stand der Dinge: „Derzeit arbeiten wir mit einer Kerntruppe von zehn Leuten an der Entwicklung des Stückes.“ Gab es Vorgaben seitens der Stadt? Kleinecke: „Wir haben keinerlei Vorgaben. Das empfinde ich natürlich als einen Vetrauensbeweis und als Anerkennung unserer Arbeit.“ Derzeit wird heftig gestöbert. Wer Geschichte zum Haupthandlungsstrang verweben will, muss sich erst mal einarbeiten: Lesen, lesen, lesen. „Geschichte ist ja oft genug die Geschichte derer, die lesen und schreiben konnten. Aber es gibt natürlich Geschichten und Geschichte, die in keinem Buch auftauchen. Für Theaterleute ist das interessant, denn wir haben natürlich die Möglichkeit, solche fiktiven Geschichten in unser Material einzubauen. Das Stück wird am Ende eine Mischung aus Historie und Fiktion. Bis zum Sommer soll der Text fertig sein. Premiere ist dann im November.

Vorlauf

Jetzt beschäftigen sich die Zehn vom harten Kern mit Solopräsentationen. Jeder hat sich eine Person aus der Klever Geschichte vorgenommen. Harald Kleinecke. „In einer der Präsentationen ging es um den Vater des aus Kleve stammenden Malers Govert Flinck, der sich Gedanken darüber macht, ob er seinen Sohn auf eine Malerschule schicken soll.“ Geschichte – das ist mehr als die Summer der vermeintlichen Hauptpersonen. Harald Kleinecke: „Geschichte ist eine Collage, und das wird auch unser Stück. Ich gehe davon aus, dass am Ende circa 20 Leute auf der Bühne stehen werden. Wer das genau ist, wird aber noch nicht verraten.“
Einer der Leitgedanken des Stückes: Freiheit. Wer sich, wie derzeit Harald Kleinecke in die Geschichte einarbeitet, stellt schnell fest, dass es wiederkehrendes Material gibt. „Als es im Jahre 1245 um die Verleihung des Stadtrechte ging, war ‚Freiheit‘ ein zentraler Gedanke. Zur Diskussion standen die Freiheit der Bürger, die Zollfreiheit oder die Freiheit, Schöffen zu bestellen“, erklärt Kleinecke. „Wer als Neubürger aufgenommen werden wollte, musste eine achttägige Prüfung über sich ergehen lassen. Das erinnert natürlich irgendwie auch an Asylrechtsverfahren. Zur historischen Grundversorgung in Sachen Kleve gehören natürlich die Veröffentlichungen von Friedrich Gorissen. Kleinecke: „Da finden sich auch jede Menge Anekdoten, aus denen sich Theaterszenen machen lassen, zum Beispiel dann, wenn es um einen Streit zwischen Herzog und Bürgern um die Qualität des ausgeschänkten Weines geht.“
Schon jetzt ist für die Theatermacher klar: Geschichte ist – auch abseits des Weines – alles andere als trockener Stoff. Harald Kleinecke: „Anfangs gab es da bei einigen schon Bedenken, aber die sind längst verflogen.“

Einschub: Die Akte Kleve

Natürlich: In den Staaten würden sie sich die Finger lecken nach so viel Geschichte. Als die alte Dame Kleve erstmals urkundliche Erwähnung fand – im Jahr des Herrn eintausendzweiundneunzig war das –, blieben dem längst vorhandenen amerikanischen Kontinent noch satte 400 Jahre bis zum offiziellen Eintritt in die Weltgeschichte. (Damals sah man die Welt von Europa aus und was die Europäer nicht kannten, das existierte nicht wirklich.)
Columbus‘ historisches Betreten der amerikanischen Erde fand am 12. Oktober 1492 statt. Zurück zur urkundlichen Ersterwähnung: 1092 – das waren dunkle Zeiten. Bis zur Verleihung der Stadtrechte am 25. April 1242 (noch 250 Jahre bis Amerika) mussten noch 150 Jahre im Geschichtsschatten vergehen. Es findet sich kaum etwas.
Die Zeiten ändern sich. Heute wird Geschichtseinblick digital zur Verfügung gestellt: „M-E-27-Stadtrecht von Kleve“ (nach 1487) – so sind 225 Blatt Papier im Format „20,5 x 14 cm“ benannt, die man sich mittels Mausklick ins Haus holen und sodann hochauflösend betrachten, aber nicht unbedingt verstehen kann. Wer sich die „Akte Kleve“ ins Haus holen möchte, braucht folgende Adresse: http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/urn/urn:nbn:de:hbz:061:1-363918
Wenn die Stadtrechte der Geschichtsankerpunkt sind, dann schwebt die Zahl 775 als Jubiläum im Raum. Es darf gefeiert werden.
Wer sich auf die Spur des Jubiläumsjahres begibt, merkt schnell, wie fremd alles das daherkommt. Wen kennt man? Wikipedia gibt Geburten bekannt: Beatrix von Kastilien, Christina von Stommeln, Dietrich Markgraf von Landsberg, Margareta von Ungarn. (Hat man so schlecht aufgepasst in all den Schulgeschichtsstunden, dass man niemanden kennt?) Und die Verstorbenen des Gründungsjahres? Albert IV, Graf von Bogen und Windberg – ein Unbekannter. Alle, die ihm folgen, sind es irgendwie auch.
Immerhin: Das Jahr 1240 wird  in Arnold Scherings Tabellen zur Musikgeschichte als das Geburtsjahr des Sommerkanons in England genannt. Es gibt Klänge. Youtube zeigt sich großzügig (https://www.youtube.com/watch?v=sMCA9nYnLWo). Herbe Klänge breiten sich aus, aber:  Wer es anheimelnder möchte, findet auch gitarrenunterlegtes Klanggut auf Sommerkanonsbasis.
Und die Malerei? Sie hält Romanik und Gotik bereit. In der Literatur des Hochmittelalters taucht (endlich!) ein Bekannter auf: Walther von der Vogelweide. Aber: Die Verleihung der Klever Stadtrechte hat der Walther (ich saz uf eime steine und dahte bein mit beine) nicht mehr erlebt. Immerhin taucht ein Wort auf, das sich grob in die Nähe der Klever Stadtgründung denken lässt: Der Minnesang. Der nämlich lässt sich von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhundert verorten. Ein weiterer Minnesänger hat – quasi von Wagners Gnaden – die Überwinterung ins Jetzt geschafft:  Tannhäuser.
In Sachen Musik fiel – sehr viel später erst – ein Komponist auf, der den Namen Kleve im Namen trug: Johannes de Cleve. Er wurde (wahrscheinlich) 1528 oder 1529 in Kleve geboren. Sicher ist das nicht, sagt Wikipedia. Immerhin aber besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit.

Rücksturz ins Theater

Jeden Mittwoch um 20 Uhr treffen sich die Stückemacher. Bis zum Sommer sollen die Vorarbeiten für „Sternstunden und Schwanengesänge“ abgeschlossen sein. In der Collage wird es am Ende – ganz wie auch sonst beim Theater im Fluss – Musik und Videoeinspielungen geben. Ein Multimediaspektakel sieht Harald Kleinecke allerdings nicht. Demnächst wird er sich auch um die Möglichkeiten kümmern, die die Stadthalle für eine Aufführung bietet. Fest steht: Ein bisschem mehr Platz steht zur Verfügung. Für die Probenarbeit sieht Kleinecke allerdings dabei kein Problem. „Den zusätzlichen Bühnenraum können wir uns denken.“ Immerhin haben sich die Theaterleute ausbedungen, drei Tage in der Stadthalle sein zu können. „Die Aufführung wird an einem Mittwoch stattfinden, und wir werden ab montags in die Stadthalle können, um alles vorzubereiten.“ So viel Zeit muss sein. Wird es denn mehrere Aufführungen geben? Kleinecke: „Das ist nicht vorgesehen. Wir spielen eine Aufführung und hoffen dann natürlich auch, dass die Stadthalle ausverkauft sein wird.“ Wird es das Stück bis in die Gegenwart schaffen? Kleinecke: „Wir werden uns zumindest weit vorarbeiten.“
Wer die Arbeit des Theaters kennt, wird mir einer Produktion rechnen, die nicht einfach ein ‚Best of‘ der Klever Geschichte liefert, sondern der „Collage Geschichte“ hintergründig zu Leibe rückt. Aufgeführt wird das Stück am Mittwoch, 15. November, um 20 Uhr in der Klever Stadthalle.
Im Oktober wird das Theater den Joha nn-Moritz-Kulturpreis der Stadt Kleve erhalten. Aus der Begründung der Jury: „Der Preis wird  dem Theater aufgrund seiner kreativen und anspruchsvollen Theaterproduktionen in den vergangenen 20 Jahren verliehen. Dem Theater ist es gelungen, ein   generationenübergreifendes Programm anzubieten und Jugendliche an die Theaterkultur heranzuführen. […] Die Jugendarbeit ist geprägt von Projekten wie „Theater auf  Rädern, ColumBus – ein grenzüberschreitendes Projekt und Junge Kunst/Jonge
Kunst. Hervorzuheben ist der „mobile Kulturbus“ in der Südstadt, der für sozial benachteiligte Kinder viele kulturpädagogische  Angebote unterbreitet und den  Kindern auf diese Weise neue Perspektiven eröffnet.“
Jetzt bleibt das Warten auf die Premiere im November. In den Köpfen der Beteiligten entsteht ein Stück Geschichte.

Foto: Rüdiger Dehnen