Schreibkraft
Heiner Frost

Spiel auf dem See

  • Es ist 16 Uhr. Von der wahrscheinlich schönsten Betriebskantine, die man sich wünschen kann, gleitet der Blick raus auf den See. In fünf Stunden ist Vorstellung: Carmen. Es ist das zweite Jahr. Im nächsten Jahr gibt’s Rigoletto.

Axel Rennner ist Pressesprecher bei den Bregenzer Festspielen. Keine Frage, die er nicht beantworten kann. „Wir gehen dann mal raus auf die Seebühne“, sagt er. „45 Minuten werden wir unterwegs sein“ – auf dem Allerheiligsten der Oper. Die Bühne – ein imposantes Bauwerk. „Gleich nach der letzten Vorstellung der Saison beginnen schon die Abbauarbeiten“, sagt Renner. Und danach geht es an den Aufbau der neuen Bühne, die dann zwei Jahre lang Herberge für Rigoletto sein wird. Im Prinzip wird also durchgearbeitet. „Die Bühne muss das aushalten, was ein Einfamilienhaus auch aushält“, sagt Renner auf die Frage, ob denn zwischen den Spielzeiten was abgebaut wird von der Konstruktion. Die Statik der „Skulptur“ ist so berechnet, dass sie im Winter Schneelast tragen und im Herbst Sturm aushalten kann. Rund 40 Firmen liefern und produzieren für die Bühne. Acht Millionen Euro beträgt das Budget. Eine Menge Holz. Apropos Holz: Die Konstruktion ruht auf Holzpfählen, die in den Bodensee eingelassen sind. Im Zentrum: Der Betonbau. Dort befinden sich die Garderoben, die Maske und die Aufenthaltsräume für die Beteiligten. Und natürlich gibt es für die Seebühne eine eigene Feuerwehr und eigene Werkstätten.

7.000 Zuschauer finden auf den Tribünen Platz. 29 Mal wird heuer die Carmen gespielt und würden die Bregenzer Festspiele „nur“ aus dem Spiel auf dem See bestehen – das Unternehmen würde sich selbst finanzieren können. Aber: Die Bregenzer Festspiele – das sind in dieser Spielzeit 80 Veranstaltungen, verteilt auf fünf Wochen. Vom Gesamtbudget von 25 Millionen Euro werden 80 Prozent erwirtschaftet. Für den Rest sorgen Stadt, Land, die Region Vorarlberg und Sponsoren. Gleich am Festspielhaus hat Sponsor BMW attaktive High-End-Limousinen in Stellung gebracht („Der Anspruch von morgen. Der BMW 7er.“)
Zurück zum Eigentlichen: Wie viele Leute braucht es, um eine Vorstellung zu fahren? „Das sind circa 400“, sagt Renner. Insgesamt beschäftigen die Bregenzer Festspiele zur Saion rund 1.500 Mitarbeiter. „Das geht dann vom Dirigent bis zum Kellner.“ Apropos Dirigent: Der ist mit seinem Orchester, den Wiener Symphonikern, im Festspielhaus untergebracht – circa 60 Meter Luftlinie von der Seebühne entfernt. Um das zu ermöglichen, ist ein beeindruckender technischer Aufwand vonnöten. „Unser Soundsystem hier ist auf der Welt einmalig“, schwärmt Renner. Wer schon eine Aufführung auf der Seebühne verfolgt hat, dürfte vom Klang, den die Bregenzer auf die Bühne bringen, begeistert sein. Zurück zum Dirigent: Der sieht seine Sänger nur über einen Monitor. „Wir haben eigens ein Kamerateam auf der Bühne, das nur für den Dirigenten filmt. Die zoomen dann beispielsweise direkt auf den jeweiligen Sänger, denn für den Dirigenten geht es ja darum, möglichst genau zu sehen, wann geatmet wird.“ (Bilder aus dem Orchestersaal werden übrigens auch für die Zuschauer auf Monitore übertragen. Und die Sänger? Die halten den Kontakt zum Dirigtenten auch über den Blick auf eigens installierte Kontrollbildschirme auf der Bühne. Im Prinzip könnte also das Orchester auch sonstwo sitzen – in Wien zum Beispiel.

 

Rund 60 Meter Luftlinie von der Seebühne entfernt spielt das Festspielorchester im großen Saal.

Im Satellitenzeitalter ist der Unterschied zwischen 60 Metern und 600 Kilometern irgendwie marginal. Trotzdem ist es unglaublich schwierig, zwei „Apparate“ wie das Sängerensemble auf der Bühne und das Orchester im Saal nur anhand eines Monitorbildes zu synchronisieren. „Das sind natürlich ziemliche Anforderungen, die sich da stellen“, sagt Renner und fügt hinzu, dass sie in Bregenz versuchen, die Oper ins Heute zu transferieren. Oper – das war die Erlebnismaschinerie voriger Jahrhunderte: Kino und Konzert in einem sozusagen. „Es reicht einfach heute nicht aus, ein paar Sänger vor eine Tapete zu stellen“, sagt Renner. Die Gäste erwarten das perfekte Spektakel, und – so viel sei gleich gesagt: Sie bekommen es. Und auch das sei gesagt: Die musikalische Qualität steht im Zentrum.
Wie oft wird eigentlich wetterbedingt abgesagt und was passiert, wenn eine Vorstellung ausfällt? „Pro Spielzeit haben wir im Durschnitt 1,6 Absagen“, sagt Renner. Die Gäste haben dann die Wahl, auf eine andere Vorstellung umgebucht zu werden oder das Geld für ihre Karte zurückzubekommen. Und dann gibt es da noch die sogenannten Hauskarten. Für das Spiel auf dem See sind sie (bei Absage auf der Seebühne oder einer Spielzeit unter 90 Minuten) für die halbszenische Aufführung im Festspielhaus gültig und werden nicht rückerstattet.
Und wie ist die Auslastung? „In dieser Spielzeit sind wir sozusagen ausverkauft“, sagt Renner. „Natürlich passiert es mal, dass am Abend Karten zurückgegeben werden, aber darauf sollte man besser nicht spekulieren.“ Wer von jwd (janz weit draußen) kommt, bucht am besten frühzeitig. „Wenn man sich rechtzeitig um Karten kümmert, ist der gewünschte Termin in der Regel zu haben.“
Technische Pannen? Gibt’s das? Da muss Renner weit in den Rückspiegel schauen. Vor etlichen Jahren mussten wir mal wegen eines technischen Problems eine Aufführung für fünf Minuten unterbrechen. Ansonsten gilt die Redundanzregel: Alle wichtigen Systeme sind mindestens doppelt vorhanden. (Und die Sänger natürlich auch.) „Sie können ja schlecht 7.000 Gäste heimschicken, weil ein Sänger erkrankt ist.“ Wohl wahr. An einem Festpieltag sollte man übrigens zeitig anreisen, wenn es darum geht, einen Parkplatz zu finden. Je später man ankommt, desto länger wird der „Anlauf“ zur Seebühne.
Und wenn sich dann am Abend der See auf die Nacht vorbereitet, geht auf der Seebühne ein Spektakel los, das alle Möglichkeiten moderner Technik einsetzt und Oper zum echten Erlebnis macht. 270.000 Watt hat die Beschallungsanlage. Renner: „Das ist das Doppelte von dem, was die Stones auf der Bühne einsetzen.“ Merke: Es geht nicht um Lautstärke – es geht um Reserven. Die 270.000 Watt ermöglichen eine unglaubliche Klangbreite. Zehn Techniker fahren eine Vorstellung. Das Besondere in Bregenz: Der wandernde Klang. „Wenn ein Sänger sich auf der Bühne von A nach B bewegt, dann können Sie das klanglich mitverfolgen.“ Kino vier Punkt Null also. Und noch eins: Wer in Bregenz ins Aufgebot möchte, muss mehr können als „nur“ singen. Schwindelfrei sollte man sein. Kann passieren, dass eine Arie infünf Metern Höhe zu singen ist. Das muss man aushalten.
Ach ja – wer mit dem eigenen Wagen anreist, muss am Ende der Vorstellung a bisserl geduldig sein – es kann dauern, bis man am Ende wieder freie Fahrt hat.

(c) Bregenzer Festspiele Karl Forster

 

Infos für Rigoletto 2019

Premiere ist am 17. Juli.

Gespielt wird im Juli am: 19., 20., 21., 23., 24., 26., 27., 28., 30. und 31. (Beginn jeweils um 21.15 Uhr.)

Im August: 1., 2., 3., 4., 6., 7., 9., 10., 11., 13., 14., 16., 17. und 18. (Beginn jeweils um 21 Uhr.)

Kartenpreise sonntags bis donnerstags von 30 bis 348. Euro. Freitags: 40 bis 358 Euro. Samstags: 50 bis 368 Euro.