Schreibkraft
Heiner Frost

Schluss mit knastig

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Foto: Rüdiger Dehnen

Vielleicht wird Klaus-Dieter Schweinhagen am 1. Oktober seinen Wecker entsorgen: Sperrmüll, Kleinanzeigen, privates Lebensmuseum – wer weiß das schon. Fest steht: Er wird ihn nicht mehr brauchen, und er wird das genießen. Weckerlose Zeiten werden wahlweise Urlaub oder Ruhestand genannt – für Schweinhagen gilt Letzteres und er ist nach eigener Aussage „finster entschlossen“, mit dem Vollzug nichts mehr an der Mütze zu haben.

Lebenslänglich

Das „Lebenslänglich“ hat der Fast-Ex-Chef der Klever Justizvollzugsanstalt ohnehin längst hinter sich. 30 Jahre ist er „im Vollzug“. „Ich bin jetzt schon so eine Art Lame Duck“, sagt er und meint, dass große Entscheidungen auf den Nachfolger vertagt werden, den es noch nicht gibt. Zumindest sagen das die Spatzen, die auch im Vollzug von den Dächern pfeifen. Bei den aktiven Bewerbungen um den Klever Knastchefsessel wird, sagen die Spatzen, eine schwarze Null geschrieben. Dabei braucht die Anstalt nach zwei „Chefkurzauftritten“ jetzt eigentlich mal einen, der sich Zeit nimmt für Kleve.

Mittlere Reife mit Latinum

„Was die Anstalt jetzt braucht“, sagt Schweinhagen, „ist jemand, der mindestens sieben bis zehn Jahre bleibt, um Weichen zu stellen.“ Warum auch nicht? Schweinhagen war vier Jahre Chef der Anstalt. Bei seinem Vorgänger sah die Sache nicht viel anders aus. „Was wir jetzt brauchen, ist jemand, der Zeit fürs Gestalten mitbringt.“
Schweinhagen ist Jahrgang `52 und hat eine spannende Lebensgeschichte im Gepäck. Geboren wurde er in Hamm, dann zog die Familie nach Düsseldorf und schließlich nach Siegburg, „wo ich meine Jugend- und Flegeljahre verbrachte.“ 1970 verließ Schweinhagen das Gymnasium vorzeitig. „Ich denke, dass im Kollegium die Sektkorken geknallt haben, als ich ging.“ Schweinhagens Vater – Berufsoffizier – riet dem Sohn zum Einzigwahren: Bundeswehr. 1970 unterschrieb der Sohnemann für vier Jahre. Erste nachschulische Erkenntnis: „Ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass ich mit meiner Mittleren Reife mit großem Latinum nicht weit kommen würde.“ Schweinhagen wurde nach Goch versetzt, meldete sich fürs Abendgymasium in Kempen an und machte 1976 sein Abitur.

Don Quijote

Es folgten weitere vier uniformierte Jahre. Schweinhagen studierte Psychologie und wurde 1981 Vollzugspsychologe in Rheinbach. Dann bewarb er sich nach Geldern und wurde dort Vollzugspsychologe. „Was mich immer gestört hat, war, dass wir Psychologen rein betreuende Funktionen hatten. Die Entscheidungen wurden von Juristen gefällt.“ Schweinhagen begann, was er „eine Don Quijotterie“ nennt und bohrte dicke Bretter. 1995 übernahm er eine eigene Vollzugsabteilung und brachte es in Geldern bis zum stellvertretenden Anstaltsleiter.
Als der Chef in den Ruhestand ging, „hätte ich die Stelle gern gehabt“, aber wie es so ist: Leiterstellen werden eher selten innerhalb des Hauses vergeben. So bewarb sich Schweinhagen, als in Kleve der Chefposten frei wurde, bekam den Job und begann am 1. Juli seinen Dienst im neuen Büro. (In den ersten Wochen stand – ironische Anspielung auf seinen Vorvorgänger Schwers – ein Kaffeebecher auf dem Schreibtisch. Aufschrift: „Karl WER?“)
Unterscheidet sich Kleve von Geldern? „Kleve ist natürlich eine ganz andere Anstalt als Geldern – das hat nicht nur mit der Größe zu tun, sondern auch mit den Aufgaben.“ In Geldern wird Strafhaft vollstreckt – wer dort ist, hat in der Regel längere Strafen abzusitzen. In Kleve sind sowohl Untersuchungs- als auch Strafhäftlinge untergebracht. In Kleve werden Strafen von drei Monaten bis zu zwei Jahren an deutschen Strafgefangenen und von 24 bis zu 48 Monaten an ausländischen Strafgefangenen vollstreckt. Wer eine höhere Strafe bekommen hat, für den ist Kleve nur Durchgangsstation zu Anstalten wie bespielsweise Geldern.
Vollzug in Kleve funktioniert also nach anderen Kriterien. „Wenn in Geldern ein neuer Gefangener kommt, dann hat man eine Akte – man weiß etwas über den Mann. Es gibt Erkenntnisse. Wenn wir in Kleve einen Gefangenen bekommen, wissen wir in der Regel nichts über ihn und seine familiären Verhältnisse.“

Überflüssig wäre ideal

Vollzug, sagt Schweinhagen, sollte sich im Idealfall selbsttätig überflüssig machen, „aber das gelingt uns natürlich nur mit kläglichem Erfolg“. Immerhin: Schweinhagen hat sich nach 30 Jahren Knast einen gesunden Humor bewahrt. In einer Anstalt wie Kleve gehe es vor allem darum, richtige Personalentscheidungen zu treffen, was nicht immer einfach sei.
„Wir haben in letzter Zeit einige erfahrene Mitarbeiter verloren“, sagt Schweinhagen und redet vom Altersumbruch, der (nicht nur) die Justitzvollzugsanstalt Kleve vor große Herausforderungen stellt. „Für die Mitarbeiter geht es da nicht selten um Besitzstandswahrung. Man hat sich seine Pfründe ersessen“, und dann kommt die Personalentwicklungsabteilung … Circa 100 Justizvollzugsbeamte (dazu kommen noch einmal rund 30 Verwaltungsstellen) arbeiten in der Klever Anstalt, die für maximal 228 Gefangene ausgelegt ist. (Der Ausländeranteil bei den Gefangenen liegt bei über 50 Prozent.) „Ich komme eigentlich aus der Gestaltungs- und nicht so sehr aus der Verwaltungsecke“, sagt Schweinhagen. Gefangene sieht er allenfalls bei der allwöchentlichen Sprechstunde des Anstaltsleiters oder auf dem Weg zur Frühbesprechung, aber da ist der Chef meist schnell unterwegs. Und wenn er auf dem Hof steht, um mal in Ruhe eine zu qualmen, weiß man nie so genau, ob man ihn anspricht oder besser einfach qualmen lässt.

Pragmatisch

Schweinhagen ist, gewinnt man den Eindruck, Pragmatiker. Das Fotografieren nimmt er uneitel hin. „Machen Sie einfach mal.“ Kein Posieren. Keine Selbstinszenierung. Und was gibt‘s am letzten Arbeitstag? „Ich weiß nicht einmal, was für ein Tag das ist.“ Dem Mann kann geholfen werden: Der 30. September ist ein Samstag. Der Wecker wird also am 29. September letztmalig gebraucht. Schweinhagen überlegt, ein Wohnmobil anzuschaffen. Außerdem gibt es da noch eine weitere Leidenschaft: Der Don Quijote aus Lüllingen hat es mit Alttraktoren.
In einer Vitrine im Chefbüro stehen sie als Modelle. Also: Der Mann wird nicht an Langeweile leiden – und ein paar Tage muss er ja noch. Vielleicht ist ja bis dahin auch im Flur vor dem Chefbüro das Portrait des alten Bundespräsidenten gegen das des Neuen ausgetauscht. Vollzug ist ein träger Tanker. Und wie bei allen, die nach langem Vollzug entlassen werden, laufen auch für Schweinhagen die erste Lockerungen: Ein bisschen Resturlaub muss noch weg, bevor die Freiheit dann grenzenlos ist.

Foto: Rüdiger Dehnen

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