Jochen Proehl


Als Jazzer spielst du nicht im Stadl

Proehl jazzt nicht. Proehl jodelt auch nicht.

„Wenn du Jazzer bist, wirst du nicht in den Musikantenstadl eingeladen.“ Sagt Jochen Proehl. Proehl jazzt nicht. Proehl jodelt auch nicht. Proehl ist Künstler. Bildender Künstler. Was er produziert, gehört nicht in die 'Stadlklasse'. Kein röhrender Hirsch im grünen Wald. „Wenn ich Sänger wäre, würde ich keine Schlager singen.“ Sagt Jochen Proehl. Der Mann ist 48. Seine Weichen sind  gestellt. Sie stehen auf Kunst.

Das Haus im Moor

Keiner kommt als Künstler auf die Welt. Es gibt die Augenblicke, in denen man abbiegt: Links, rechts. Geradeaus. Oft bestimmen Kleinigkeiten den Weg, und manchmal ist der erste Weg eine Umleitung.

„Ich hatte als Kind irgendwann die Idee Maler zu werden.“ Proehl und die Inspiration des Kindes? Eher nicht. Proehls ganz persönliche 'Kunstgeschichte' ist eines dieser kleinen Lehrstücke nach dem Motto: Lokführer oder Astronaut. 

Mit seinen Eltern ging jung Proehl im Wald spazieren. Man kam an einen idyllischen Moorsee. Auf dem See: Ein Haus. „Wer wohnt denn da?“ fragt das Kind. „Ein Maler“, sagt der Vater. Maler, denkt der Kleine, muss etwas Tolles sein. Mehr nicht. Und doch: Eine Lebensweiche. Das will ich, denkt der Kleine. Dass im schönen Inselhaus ein Kunstfälscher wohnte, macht aus der Geschichte die Anekdote. Proehl jedenfalls hat nicht die Fälscherlaufbahn eingeschlagen. Proehl produziert Originale.

Lübeck — Istanbul — Lübeck

Wer aus Lübeck stammt, muss ja nicht gleich Schriftsteller werden. Mann kann auch anders. Proehl ist Sandwich-Kind: Zwei Geschwister (älterer Bruder, jüngere Schwester) flankieren das Dasein. Die Eltern: Lehrer. Der Vater gymnasial mit Deutsch und Kunst — die Mutter an der Basis: Grundschule. 

Proehl ist acht — da passiert es: Die Familie wandert aus. Istanbul. Bosporus. Vater Proehl unterrichtet an der Deutschen Schule in Istanbul. Man schreibt das Jahr 1967, als die Familie sich ins Auto setzt und nach Genua fährt. Dort schifft man sich ein: Istanbul einfach. River of no return. Vorerst jedenfalls.

Wenn Proehl sagen soll, in welcher Stadt er sich zuhause fühlt, denkt er nicht lange nach: „Istanbul.“ Hier hat er eines von zwei Ateliers. Das zweite ist in Berlin. Restleben findet in Kleve statt. Jaja, die Liebe ...

Kleiner Umweg

Zurück in die Geschichte: Zunächst leben die Proehls zwar in der Türkei,  aber eigentlich ist es eine kleine deutsche Enklave. Das ändert sich erst später. Man lernt Türkisch. Mit der Sprache entsteht Bindung. Trotzdem: Nach sieben löst Vater Proehl die Rückfahrkarte. Zielbahnhof: Lübeck.

Proehl und das Abitur. Proehl und das Studium. Das Haus im Moor ist vielleicht in Vergessenheit geraten, als sich der Abiturient Proehl für ein Lehramtsstudium entscheidet: Germanistik und Geschichte. Gezeichnet und gemalt hat er trotzdem immer. „Viele hören irgendwann damit auf. Meist noch im Kindesalter.“ Proehl hat weiter gemacht. Einfach so. Zeichnungen als Tagebuch: Erlebtes wird bildhaft. Die Sprache der Kunst ist die Sprache des Handwerks. Proehl interessiert sich dafür, „wie man es macht“. Er besucht Ausstellungen, studiert Kataloge — lange bevor er ins Lehramt einbiegt und dann merkt: Kleiner Umweg. Trotzdem: „Ein guter falscher Weg“, sagt Proehl im kunstgeschichtlichen Rückspiegel.

Kein Anderes ohne das Eine

Das Ziel heißt jetzt Berlin: Hochschule der Künste. Man schreibt das Jahr 1982.  Proehl zwischen Studium und Studium: Die Vorbereitung. "Sie nehmen dich nicht, weil du blaue Augen hast." Proehl und die Bewerbungsmappe. Proehl und die Aufnahmeprüfung: Fünf Tage werden die Kandidaten getestet. Proehl wird genommen. Er biegt auf den Boulevard ein. Das ist es jetzt. Das Studium: 1982 bis 1988. Jedes Studium ist Suche. Wo ist die Handschrift?

Sie zeigt sich schon zwei Jahre nach dem Abschluss. Jetzt füllt sich eine Biografie mit dem, was wichtig ist. Stipendium hier, Ausstellungen dort. Dazu: Lehraufträge: Kiel. Istanbul. Proehl pendelt zwischen den Kulturen. Kein Anderes ohne das Eine. Proehl pendelt zwischen den Übersetzungsmöglichkeiten für seine Ästethik. Malerei — Experimentelle Fotografie.

Keine Angst vor dem Schönen

Proehl ist keiner, der seine Kunst analysiert, bevor er sie zeigt. Er ist auch keiner, der nachgibt. Er hat längst das gefunden, was man eine künstlerische Position nennt.

Proehl fürchtet sich nicht vor dem Schönen. Und er fürchtet sich nicht vor der Kontroverse. „Wer keine Feinde hat, hat auch keinen Charakter.“ Aber: Proehl ist nicht der Provokateur mit dem Holzhammer. Er ist einer, der seinen Weg geht. Er ist nicht der Künstler, der als solcher erkannt werden möchte. Er arbeitet. Kunst ist Arbeit. Andere reparieren Autos. Kunst ist auch einsame Arbeit. Die Menschen erleben am Ende ein Ergebnis. Das Bild am Ende ist die Spur. Der Beweis. Wer vor einem Bild steht, will nicht die große Erklärung, ohne die es nicht funktionieren würde.

Lieben und verheizen

Proehl weiß, dass sich das Auge leichter täuschen lässt als das Ohr. „Wenn einer Geige spielt, merkst du schnell, ob er’s drauf hat.“ Stimmt. Trotzdem: Auch der Kunstmarkt ist eine Art Stadl. Nur: Gejodelt wird halt anders. "Sie lieben dich. Sie verheizen dich. Wenn der richtige Sammler deine Bilder kauft, vervielfacht sich dein Marktwert."

Schlussfolgerung: Nicht der Markt sagt dir, dass du gut bist. Du musst es selbst wissen. Ohne innere Stimme keine Außenwirkung. Keine Existenz. Aber: Die innere Stimme ist die Erfahrung. Die Musen sind träge. Wer auf ihre Küsse wartet, altert sich selbst davon. Proehl weiß seinen Wert einzuschätzen. Seine Bilder sind nicht für ein Mettbrötchen zu haben. (Und auch nicht für zwei.)

Andere Erden

Wenn Proehl fotografiert, sucht man Digitales vergeblich. Das Instrument des Fotokomponisten: Die Camera Obscura. Pappschachtel — Loch — Film: Nichts sonst. Das Ganze auf ein Stativ montiert. Wo ‘die Digitale’ mit Vollautomatik glänzt, trägt Proehl einen Zettel mit Belichtungszeiten. Es geht rustikal zu. Die Camera Obscura arbeitet nicht im Zehntel-, Hundertstel- oder Tausendstelbereich. Es geht um (für Fotografen) riesige Zeitfenster: Sekundenpakete werden abgearbeitet. Belichtet werden: Erdausschnitte. Mal ist es sein Sandhügel, mal ein Erdloch auf dem Reitplatz.

Was nach dem Entwickeln des Films entsteht, sind „Erdportraits der besonderen Art“. Was später in Ausstellungen zu sehen ist, erinnert an Planetenoberflächen. Die Camera Obscura lässt Sandkörner zu Hügelketten werden und winzige Spalten zu monumentalen Kratern.

Sandspur


Heiner Frost