Das Blatt ist welk geworden mit den Jahren. Es wirkt zerbrochen. Wie aus Glas. Feuchtigkeit hat Flecken ins Weiß gefressen. Was die Zeit noch an Schrift gelassen hat, erzählt den Ausschnitt aus einer Geschichte, deren Anfang und Ende unbelichtet bleiben. „Lieber Gott, ich habe zwar selten an dich geglaubt, aber in den nächsten 24 Stunden brauche ich dich wirklich.“
Die Wirklichkeit - oft genug sind das genau die Geschichten, von denen man glaubt, sie kämen aus der Feder eines Drehbuchschreibers.
Es war einmal ein in die Jahre gekommenes Schild. Auf dem Schild ein rotes F in einem roten Kreis. Das Schild hing im Innenhof der Klever JVA und sollte einen neuen Anstrich bekommen. Norbert Böhmer rückte aus. Böhmer ist nicht etwa Anstreicher. Er ist Maschinenbaumeister und Werkstattleiter im Klever Knast. Mit dem nötigen Werkzeug versehen, rückte er aus, das rostige Schild von der Außenwand des Haftgebäudes zu schrauben. Schnell stellte sich heraus: Nicht nur das Schild hatte Rost angesetzt. Die Schrauben auch.
Schließlich funktionierte es dann doch: Die Schrauben gaben nach und Böhmer nahm das Schild von der Wand. Dass beim Abnehmen ein Stück Papier auf den Boden gefallen war, bemerkte er zuerst einmal gar nicht.
Dann - im Weggehen - der Blick auf den Zettel. Eigentlich war das, was da auf dem Boden lag, nicht einmal als Zettel zu erkennen. Trotzdem: Böhmer hob das Papier auf. Und wenn etwas schon zusammengefaltet ist, dann gebietet die Neugier am Ende doch den Blick auf das Innenleben.
Was da - wahrscheinlich jahrzehntelang - zwischen Schild und Wand geklemmt hatte, Sturm und Regen ausgesetzt, war ein Kassiber der besonderen Art: Post für Gott eben, denn an keinen geringeren war der „Brief“ adressiert.
Pastöre würden sich auf der Suche nach einem Predigtstoff die Finger lecken nach einem solchen Schriftstück. „Du musst mir in jeder Situation beistehen, egal, was mit mir passiert. Denn ich brauche dich. So dringend, wie ich Dich jetzt brauche, habe ich noch nie einen gebraucht.“ Norbert Böhmer staunte nicht schlecht über diesen Fund der ganz besonderen Art und fing an, zu entziffern, was noch lesbar war.
Die Geschichte des Briefes - so brüchig wie das Papier, auf dem sie geschrieben wurde. Es gibt keinen lesbaren Absender. Irgendwo ist von einem Boris die Rede. Ob aber Boris der Schreiber des Briefes gewesen ist - niemand kann das sagen.
Das Schild wurde, schätzt Böhmer, in den 70-er Jahren angebracht. Hätte man jetzt einen Namen - vielleicht könnte man in den Akten stöbern und etwas finden. „So aber ist die Sache aussichtslos“, ist auch Anstaltsleiter Karl Schwers sicher.
Was bleibt, ist eine Geschichte ohne Anfang und Ende. Was bleibt, ist ein Stück Papier, das die Phantasie anregt. Jetzt soll der Brief zum Papierrestaurator und später in einen Rahmen.
Oben in der Anstaltskapelle haben sie übrigens nach der Renovierung einen Altartisch aufgestellt. Früher war das ein Überseekoffer. Seitlich im Koffer: ein Schlitz. Ein Briefkasten. Was hier eingeworfen wird, ist Post für Gott. Aber lesen wird die Briefe niemand. Der Koffer ist fest verschlossen, und er wird es bleiben.
Mit dem Fundstück von Norbert Böhmer wird vorstellbar, worum es gehen könnte bei der Post an Gott. Und noch eins wird klar: Wo ein Adressat ist, da findet sich wohl immer auch ein Briefkasten.