Die
Krippe ist rustikal. Aufgebaut hat sie ein Mohammedaner. Das Personal
arbeitet
in kleiner Besetzung. Josef, Maria, das Baby, zwei Schafe.
Der Tannenbaum ist groß gewachsen und reicht mit seinen wohl vier Metern bis unter die Decke. An der Stirnwand das Kreuz mit dem Plus und dem Minus. Der Altartisch ist vom Podium auf Höhe der ersten Stuhlreihe umgezogen. Auf der Empore haben sie das Schlagzeug aufgebaut. Und die Verstärker. Die Band probt. Es ist 8.50 Uhr. Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen. Noch. Um 8.58 haucht der Tannenbaum seine Seele aus. Eine der Kerzen explodiert. Ersatz ist nicht da. Der Fluch der Reihenschaltung: Fehlt eine, fehlen alle. Die Erleuchtung muss von innen kommen.
Um
neun soll der Gottesdienst beginnen. Heilig Abend findet im Klever
Knast
morgens statt. Das Christuskind — ein Frühchen. Der Pastor
kommt einen Tick zu
spät. Wenn er da ist, geht das Signal an die Stationsbeamten.
Jetzt werden die
Häftlinge aus den Zellen geholt, die sich zum Gottesdienst
angemeldet
haben. Der Pastor
begrüßt jeden am
Eingang zur Kapelle mit Handschlag.
Der
Aufmarsch der Kirchgänger. Manche klatschen sich ab. Im Knast
sieht man sich
selten. In der Anstaltskirche ist es wie im wirklichen Leben: Die
letzten
Reihen sind zuerst gefüllt. Die Parallele zur Wirklichkeit: Am
heiligen Abend
wird es auch hier voll.
Da
sitzen sie. Knapp fünfzig Kirchgänger. Die Zahl ist
Programm. Rund Fünfzig
Nationen sind im Klever Knast vertreten. Einige werden den Pastor nicht
verstehen. Egal. Die Band serviert das erste Stück: Knocking on
heavens door.
Lautstärke im unteren Bereich. Nichts fetzt — alles fließt. Der Sänger wianert
und
ist Atheist aus
Überzeugung. Österreich meets Rock ‘n Roll. Ob
die Stimmung besonders ist, lässt sich nicht ausmachen. Man
muss es ahnen.
„Hier wird sich keiner was anmerken lassen“, sagt
Jens. Er kennt sich aus. Für
ihn ist es der dritte heilige Abend hinter Gittern.
„Für mich hatte das auch
draußen nie eine Bedeutung“, sagt er.
Heilig
Abend im Knast — das ist so etwas wie das
höchstmögliche Konzentrat an
Einsamkeit. Einige haben übers Fest
„Urlaub“. Sie stehen am Eingang und warten
auf Verwandte, die sie abholen. Für
alle anderen heißt es: Bloß nicht weich werden.
Der
Pastor vermeidet Sentimentalitäten. Und trotzdem: Es liegt was
in der Luft, als
der Gottesdienst beginnt. Wenn
Heilig Abend von Lukas die Rede ist, meint niemand den
Lokomotivführer. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein
Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt werde ...
Die
Weihnachtsbotschaft ist eine andere hier. Nach der Kirche geht keiner
zum
Festschmaus. Es wird keine Geschenke geben. Kein Telefonat mit den
Lieben
daheim. Kein Küsschen von Frau, Freundin, Mutter. Keine
leuchtenden
Kinderaugen. Stattdessen: Fernsehen in der Einzelzelle. Zeit
totschlagen
oder
früh ins Bett.
Natürlich:
Sie sind alle nicht grundlos hier. Den Kurzen haben sie mit sechs Kilo
Gras
erwischt. Gerade eben war der Prozess. Neun Jahre. Das ist ein kleiner
Tod.
Auch Josef zog von Galiläa aus der Stadt Nazareth ...
Der
Wiener: Er wollte nur
mal eben Hasch holen. Wien Holland einfach. An der Grenze haben sie ihn
erwischt. Rückreiseverzögerung. Fünf Jahre,
acht Monate. Im Mai
werden sie ihn abschieben. Mit der
Religion hat er keinen Vertrag. Aber wenn die Band spielt, macht er
mit: Gesang
und Bass. Später,
als sie "Little Wing" spielen, wird klar: Hendrix woa a
Wianer. Der Kurze an der Gitarre. Er
hat den Blues, und er spielt ihn auch.
In
derselben Gegend waren Hirten auf freiem Felde und hielten Nachtwache
bei ihrer
Herde ... Das freie Feld — hier und heute jedenfalls ist es
nicht. Die
Weihnachtsgeschichte trifft auf
eine
Stille der besonderen Art. Oder möchte man sich das nur
einbilden?
Die
Weihnachtspredigt: Der Pastor spricht von einer Karikatur des Festes.
Er hat
in der Zeitung gelesen, dass in den nächsten Jahren Milliarden
Dollar aufgewendet
werden sollen, um die Menschheit biometrisch zu vermessen. Alle
gingen
hin,
sich eintragen zu lassen. Ein jeglicher in seine Stadt ...
„Sie wollen uns die Einzigartigkeit
nehmen“,
sagt der Pastor. Vielen hier ist sie längst genommen. Ihre
Fingerabdrücke sind
erfasst. Als sie „einfuhren“ hat man sie
fotografiert.
Ralf, der sich von einer Freundin verraten fühlte, sie abends abholte, mit ihr in den Puff fuhr, um ihr mal zu zeigen, wie scheiße ein Leben laufen kann. Dann zurück nach Hause. Er trägt sie auf den Balkon und hält sie über die Brüstung. „So ist das, wenn dich jemand fallen lässt“, sagt er und graviert den Schrecken in ihre Seele.
Manni: Mit Koks gedealt, weil die
Freundin Krebs hat und die
Medikamente teuer
sind. Sechs
Jahre, acht
Monate. Draußen hat Carola ihr Sterben begonnen. Nur ein Versprechen
hält sie noch am Leben. "Sobald ich hier raus bin", hat Manni ihr
versprochen, "sobald ich hier raus bin, werde ich dich heiraten." Jetzt
schiebt er die Regler am Mischpult. Nachmittags wird es
Kino
geben. Manni gehört auch zur Kinogruppe. Er wird den ganzen Tag
über zu tun
haben. Einsamkeit ist für die anderen. Der Engel aber sprach
zu ihnen: Fürchtet
euch nicht, denn ich verkündige euch eine große
Freude.
Der
Pastor hat die Predigt beendet. Zu den Fürbitten sollen alle
aufstehen. Sie tun
es. Dann, am Ende, das Gebet, „das der Herr uns zu beten
gelehrt hat“. Der Chor
der Gefangenen ist spärlich. Von den Fünfzig, die
hier sind sprechen vielleicht
vier oder fünf mit. Die Band holt ein letztes Mal zur Musik aus:
Wonderwall. Irgendwo jenseits der Mauern gibt es für fast jeden von
ihnen eine
Heimat.
Weihnachten
ist der GaU. Ein größter anzunehmender Unfall auf
der seelischen Ebene.
Anmerken lässt sich hier keiner was.
„Du darfst nicht als Weichei
rüberkommen“, sagt Konni.
Der
Pastor verabschiedet die meisten mit Handschlag. Ein paar haben sich
stumm
verdrückt. „Nimm das Elend mit auf die Zelle. Geh
nicht anderen damit auf den
Senkel“, sagt einer.
Die Band trinkt nach dem Gottesdienst noch einen Kaffee in der Bücherei. Zusammen mit dem Pastor. Weihnachten — das ist im Kopf. Besser, du denkst nicht dran.
