Klaus Ebbers

Logik des Herzens

California Dreaming

Klaus Ebbers hat „Verrückt“ gelernt. Aber: Verrückt kannst du nicht lernen. Das musst du sein.  Ausbauen allerdings lässt sich fast alles. Ebbers’  Lehrmeister: Hans van der Grinten. Er vermachte einem jungen Mann die Besessenheit, und die hält bis heute an.

Im Ebbersleben taucht das Wort eigentlich an zentralen Stellen auf.  Beispiel gefällig? Bitte sehr: Eigentlich ist Ebbers Schreiner. Und eigentlich dürfte er gar nicht mehr hier sein, denn schon vor 20 Jahren wollte er auswandern. Nach Amerika. Ziel: Santa Barbara, Californien. Die Papiere hatte er zusammen. Das Geld auch. 15.000 Mark. Eigentlich also war alles klar. Schreinern in Amerika. California Dreaming.

Amerika in Kranenburg

Dann kam die Sache mit dem Haus. Jahrelang war er dran vorbeigefahren. Bei allerlei Gelegenheiten. Wie das Leben so spielt: Tausendmal berührt. Tausendmal ist nix passiert. Dann stand es leer — das Haus. Dazu ein Signal vom Besitzer: „Dir würd’ ich das verkaufen.“ Aus dem potentiellen Auswanderer wurde ein Bleiber.  Kopfweiden in Californien — das geht halt nicht.  Niederrhein ist nicht transplantierbar. Ebbers blieb. Schreiner war er immer noch. Eigentlich. Uneigentlich aber (so es das denn gibt) ist Ebbers einer, der mit Haut und Haaren der Kunst verfallen ist. Er sammelt. Ist Galerist. Und: Er hat den Blick.

Nix verstanden

Ebbers und van der Grinten. „Das muss so um 1984 herum gewesen sein. Da gab es in Kalkar eine Ausstellung mit Multiples von Beuys“, erinnert sich Ebbers. „Da bin ich dann zur Eröffnung hin, habe van der Grintens Rede gehört und nichts verstanden.“

Beim Alten

Tagsdrauf wurde Ebbers beim „Alten“ vorstellig und geständig. Gefallen habe es ihm, aber verstanden hätte er trotzdem nix. Kein Problem. Es wurde erklärt. Aber sowas geht nicht an einem Tag. Ebbers wurde also zum Dauergast beim Alten und in seinem Kopf entsprang die Idee: „Du wirst jetzt Sammler.“ Ebbers hat dieses Stück Niederrhein in der Seele, das du nicht fälschen kannst. Es ist diese Mischung aus Eigenbrötler, Forscher, Entdecker, Bewahrer und autodidaktischem Genius.

Die niederrheinische Form von Kenntnis gleicht einem Prunkzimmer im Dunkeln. Du kommst hinein und weißt nicht, was dich erwartet. Du musst dich durchtasten. Marktschreiertum ist Ebbers’ Sache nicht. Er setzt auf die leisen Töne. Melodien im Nebel. Euphorie im Endstadium äußert er mit zurückgeschraubter Stimme: „Das ‘s prima.“ Einziges Fremdwort im Sammlerwortschatz: Zurück. Es gibt nur eine Richtung: Nach vorne.

Zukunft zeigen

Längst ist das Haus im Siep zum Geheimtipp geworden. Der Galerist Ebbers zeigt Zukunft. Zukunft sichtbar machen heißt, Gegenwart angemessen zu würdigen. Mahler: Tradition ist die  Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.

Der Rest von Ebbers sammelt. Sein Reich: Papier und Leinwand. Wenn andere sonntags ins Kino gehen oder zum Frühschoppen, geht Ebbers an einen seiner Schränke, holt sich eine Mappe mit Zeichnungen, setzt sich unten im Wohnzimmer an den großen Holztisch und genießt die Kunst. Verrückt kannst du nicht lernen.

Aber: Es ist eben nichts Verrücktes an einem, der sich mit Haut und Haaren der Kunst verschrieben hat. Aus der Anfangsintuition ist längst Kenntnis geworden. Wissen. Erfahrung. Studiert hat Ebbers nie. Nicht im üblichen Sinn jedenfalls, aber er hat eben doch studiert: Die Kunst. Die Künstler.

Neubelichtungen

Wenn Ebbers die Grenzen zwischen Malerei und Zeichnen auslotet, glaubt man sich schnell mitten in einer Vorlesung. Da hockt einer auf der Wissensbombe. Ungezündet liegt sie da.

Klaus Ebbers — das ist eine zutiefst niederrheinischdeutsche Geschichte. Es ist die Geschichte von einem, der ganz ungefragt zum Kenner seines Fachs geworden ist (das ist der niederrheinische Teil), der aber (und jetzt kommen wir zum Deutschen) als Kunstkenner nichts gilt. Beruf Schreiner. Da kennt einer sich mit dem Handwerk aus — mit Schraubzwinge und Holzleim, Hammer und Säge, Nägeln und Zapfen. Aber Kunst?  ... Du musst nicht an den Niederrhein fahren, um zu lernen, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Land.

Ebbers hat eine Mischung aus Kenntnis und Intuition erreicht, die vielen Profis abgeht.  Einer wie er muss nicht auf Nummersicher gehen, wenn es ans Ausstellen geht. Er hat nichts zu verlieren.  Ganz im Gegenteil: Ebbers geht es darum, die Künstler zu fördern, indem er sie fordert. Was dabei herauskommen kann: Neubelichtungen. Immer wieder denken alle, dass schon alles gesagt sei. In der Musik ist es nicht anders. Und dann kommt einer und sagt es wieder anders. Kunst ist ein atmender Prozess — niemals am Ende. Kunst ist immer wieder anders, weil die Künstler immer wieder anders sind.  Mein Gott, wie banal, mag man denken. Wenn’s einer vormacht, können sie es nachher alle. Aber du musst halt merken, wenn irgendwo ein neuer Wind weht. Dafür brauchst du den Blick — und: Die Logik des Herzens. Am Ende bleibt ein Rest Geheimnis, den du nicht erklären kannst. Nicht mit allen Worten der Welt. Ebbers glaubt an die Kraft des Originals und lebt von der Sucht.

Picasso zurück

Zu erzählen wäre die Geschichte vom Sammler Ebbers, der einst eine Picasso-Grafik erstand. „Nichts Besonderes“, sagt er. Eines Tages brachte er sie zu einem Kunsthändler. Der sollte das Blatt verkaufen.  Das war abends. Ebbers ging nach Hause und blieb eine Nacht lang schlaflos. Schlaflos in Kranenburg. Um neun am nächsten Tag öffnete der Kunsthändler seinen Laden. Ebbers stand ab acht vor der Tür. Um neun hatte er seinen Picasso zurück. So geht Besessenheit.

Wenn er Kunst sammelt, geht es nicht um äußere Wertsteigerung. Ein echter Sammler freut sich über das Bild, nicht über die Kohle.

... wenn keiner sie sieht

Und was, wenn der Galerist Bilder verkaufen „muss“? „Mittlerweile habe ich meine Freude daran, an einem Haus vorbei zu fahren und zu wissen: Da drin hängt ein gutes Bild. Dann kann ich mir sagen: Ohne dich würde das da nicht hängen.“ Ungesehene Kunst ist wie eine Partitur in der Schublade. Nutzloses Wissen ist, wenn du es niemandem sagen kannst. Nutzlose Kunst ist, wenn keiner sie sieht.

Galerie

 
Heiner Frost
Erstellt: 21.12.2007, letzte Änderung: 21.12.2007