
Der Song darf programmatisch genannt
werden. „Ein kleines bisschen Sicherheit“. Das hilft beim Singen.
Angetreten sind:Das Calmus Ensemble aus Leipzig und ein Projektchor des
Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. Auf dem Programm: Ein Wörkschopp. Die
städtischen Konzerte machen es möglich: Arbeiten mit den Großen.Die
Großen heißen „Calmus“, bestehen seit elf Jahren und sind längst
Weltreisende in Sachen Musik. Einen Echo-Klassik haben sie auch schon
bekommen: Für eine CD mit Volksliedern. („So sehen die gar nicht aus.“)
Das Quintett ist in „Zivil“ erschienen. Jeans, Turnschuhe – was man so trägt im Global Village. Kurze Vorstellungsrunde. Sebastian singt Counter („Das ist der Alt“) und ist von Anfang an dabei. Gründungsmitglied. Ludwig auch. Ludwig und Sebastian kennen sich schon zwei Drittel ihres Lebens. Angefangen haben sie bei den Thomanern. Vielleicht mal kurz erklären. Thomaner: Knabenchor, Sitz in Leipzig („Laiptsch“), gegründet 1212 und bekannt geworden durch: JSB. Das steht für Johann Sebastian Bach. Okay, der Mann ist bekannt.
Zurück zu Ludwig. Er ist Bariton. Böse Zungen behaupten: Bariton ist das Bindeglied zwischen Tenor und Mensch. Ludwig erklärt es anders: „Bariton kann hoch und tief.“ So sieht es der Betroffene. Andere sagen: „Bariton kann weder hoch noch tief.“
Joe ist der Bass der Truppe. Man hört’s schon beim Sprechen. Wenn’s mit dem Singen nichts mehr ist, könnte er im Radio moderieren und käme auch groß raus.
Außerdem dabei: Tobias. Er ist der Tenor. Er gehört seit vier Jahren zum Ensemble. Auch er mit einer vorgeschalteten Knabenchorkarriere – bei der Konkurrenz in Dresden: Kreuzchor. Mit ihm wär’s also jetzt eine Art Männergesangsverein. Aber die Herren wollen „Erweiterung nach oben“. Plus Sopran also. Dorothea. Vorher war’s Anja. Anja ist in Elternzeit. Tobias ist der Vater. Es klappt also auch menschlich. Kurze Wiederholung. Drei der Herren: Ex-Thomaner. Schon zu Chorknabenzeiten trat man als Ensemble auf und wurde vom Thomaskantor auf den Namen „Beamtenquartett“ getauft. Das taugt nicht für eine Klassikkarriere – eher schon für die Comedy. Woher kommt dann „Calmus“? Schnell erklärt: Anfangs warfen die Gründungsmitglieder ihre Initialen in den Pott und mischten gut durch, bis „Almus“ dabei rauskam. „Nennt euch Kalmus“, sprach ein Sängervater. „Dass klingt besser. Und schreibt’s mit ‘C’ – das sieht besser aus.“ So kann’s gehen. Jetzt weiß der Schulchor – ein reines Damenensemble übrigens – wer hinter Calmus steckt.
Die Fünf singen Bach und Queen, rocken den Musiksaal und geben einen ersten Einblick in die Bandbreite ihres Repertoires. Der Übergang zum zweiten Teil der Veranstaltung findet in drei Worten statt: „Und jetzt ihr!“ Der Chor tritt an. Die Devise: Lernen von den Großen. Das erste Stück: Französisch. Zweistimmig. Ein bisschen verloren stehen die Mädels beim Singen da – graben sich in die Noten, wirken nicht wirklich überzeugt vom eigenen Tun. Dabei klingt, was sie vortragen, nicht mal schlecht. Aber Singen – das ist halt mehr als nur Töne. Das finden auch die Profis. Erste Tips wechseln die Besitzer. Tobias meint zweierlei: „Töne müssen wir nicht proben.“ Stimmt. Dann der Satz fürs Album: „Vortrag ist nie privat.“ Stimmt auch. Bühne ist nach vorne offen, und alle wollen nur Gutes. „Das Publikum kommt, um euch zu hören. Besser kann’s nicht sein.“
Noch eine Kleinigkeit: Noten sich nicht zum Dranfesthalten da. Kopf hoch. Augen geradeaus. Nein – wir sind nicht auf dem Exerzierplatz. Aber: Haltung kann man hören.
Der Chor singt das Stück nochmal. Sicherer. Überzeugter. Aber die Konzentration und das Selbstvertrauen reichen noch nicht bis zum Doppelstrich. Das klappt beim dritten Durchgang und einem Lob von den Profis. Jetzt sind die jungen Damen ein Chor auf dem Kreuzweg ins Zentrum der Musik.
„Die Stimme ist kein Instrument wie alle anderen“, sagt Joe. „Da kannst du nicht irgendwann was Neues kaufen.“ Also: Pfleglicher Umgang. Angemessen. Der Musiksaal hier ist nicht das Gewandhaus. Ludwig sagt: „Das Gewandhaus ist ein ziemlich großes Zimmmer. 1.900 Plätze. Und die Leute wollen dich bis in die letzte Reihe hören.“ Da wird Technik gebraucht. Aber es ist nicht von Mikros und Verstärkern die Rede. Gemeint ist Gesangstechnik. Das ist harte Arbeit.
Und noch was: Lauter gute Sänger machen nicht gleich ein gutes Ensemble. Ensemblesingen ist Teamsport. Das fängt beim Atmen an. Die Devise: Ge-mein-sam!
Auf zum nächsten Stück. Jetzt gilt’s: Silbermond. „Wer singt oben?“, fragt Joe und löst Veriwrrung aus. Der Satz zum Stück sieht „männlichen Unterbau“ vor. Den gibt’s nicht. Also wird die Unterstimme hochgehievt und ist plötzlich Oberstimme. Also: Unten ist oben. Auf geht’s: Ein bisschen Sicherheit. Die braucht es auch beim Chor. Die Rhythmen sind jetzt einen Tick gemeiner als beim ersten Stück. Synkopen. Vierteltriolen – halt alles, was Zusammmenspiel erfordert. Und manchmal beginnt das Singen mit dem Sprechen: Ludwig lässt erst mal rhyhmisch deklamieren. Hört, hört: Jetzt finden sie zusammen. Das Wort „Crescendo“ fällt. Mit anderen Worten: Dynamik ist auch keine Schande.
Zwischendurch Arbeit an der Hauptstimme. „ ... eene rischtsche Melödi“. Ludwigs Heimathafen in Klang gesächselt.
Nach 60 Minuten ist mit Händen zu greifen, was hier vor sich geht. Der Chor wächst ins Stück, und das Stück wächst in den Chor. Es klingt. Die Profis stehen zwischen den Chorleuten und helfen aus. So viel ist sicher: Wer jetzt nachHause geht und nichts dazu gelernt hat, muss in einem anderen Raum gewesen sein.
Die Einschätzung der Trainer am Ende des Workshops: „Es geht schon besser.“ Das kann man sagen, denn man kann es hören.