Friedhof

Wenn die Zukunft stirbt

Was niemand denken will

Der Tod ist das Undenkbare, und der Schmerz für die Zurückbleibenden kennt keine Skala. Jeder Abschied ist ein anderer. Die Vorstellung, das eigene Kind zu Grabe zu tragen, gehört zu den Gedanken, die kein Vater, keine Mutter zu Ende denken möchten. Aber das Schicksal stellt keine Fragen und nimmt keine Rücksicht. Es teilt nur aus. „Wenn deine Eltern sterben, stirbt die Vergangenheit“, heißt es. „Wenn deine Kinder sterben, nehmen sie die Zukunft mit.“  Was Eltern dann durchmachen, ist kaum nachzuvollziehen — nicht zu verstehen: Sprengt jede Vorstellung: Der Tod ist das Undenkbare.

Der schwarze Schmerz

Mareike war 19 Jahre alt, als sie an Leukämie starb. 14 Monate ist das her. Sarah starb an einer Lungenentzündung. Es war im April 2003. Elisabeth starb mit 13 an einer Gehirnblutung. Vor fünf Jahren. Maike saß als Beifahrerin im Auto. Sie war 19, als sie starb. Florian erhängte sich. Namen ... Daten ... Nicht für die Eltern. „Den Tod des eigenen Kindes begreift man erst viel später“, erklärt Angelika Jacobs, Mareikes Mutter.

Überlebenshilfe

"Als der Grabstein aufgestellt wurde und der Name meiner Tochter eingemeißelt war, habe ich verstanden, was los war", sagt einer der Mütter.  Erst da hat sich die Erkenntnis vom Tod durchgesetzt, ausgebreitet, alles andere weg gelöscht und in einen schwarzen Schmerz gehüllt. 

Schmerz und Trost: Vieles erklärt sich über die Kleinigkeiten. Es kommen all die ersten Male mit ihrer Schrecklichkeit: Das erste Weihnachtsfest ohne das Kind. Der erste Geburtstag. Ferienanfang. Überall lauert der Schmerz, mit dem umzugehen man nirgends gelernt hat. Der Schmerz macht einsam.

Beate Schraven, Elisabeths Mutter: „Plötzlich bricht der Sinn des Lebens einfach weg.“ Alle Mütter, die heute Abend hier sitzen, sind sich sicher: Gut, dass es noch Geschwister gibt. Gut, dass da kein Einzelkind gestorben ist, denn die Sorge um die Geschwister ist eine Verpflichtung für das eigene Weiterleben. Marita Haßelkamp, Meikes Mutter, und Evelyn Galler, Florians Mutter, sehen es genau so.

Alle fünf gehören sie zum Gesprächskreis „Trauernde Eltern“, der von Elisabeth van Gemmeren geleitet wird. Seit einem Jahr trifft sich das Quintett, und die Fünf sind sich sicher: Die Treffen — anfangs alle zwei Wochen, jetzt im Monatsrhythmus — sind längst Lebenshilfe geworden: Überlebenshilfe. Ganz ohne Pathos sehen sie das — und doch mit viel Gefühl.

„Trauernde Eltern“, lese ich. Trauernde Mütter sehe ich. Wo sind die Väter? „Männer trauern anders“, erklären die  Frauen. Der Tod eines Kindes wird häufig zur Zerreißprobe für Ehe oder Beziehung. Die einen wachsen zusammen, andere leben sich auseinander. Die Erfahrungen sind höchst unterschiedlich. „Jeder Trauernde muss seinen eigenen Weg finden“, erklärt Elisabeth van Gemmeren. „Unser Gesprächskreis ist nur das Geländer, das zwischenzeitlich Halt bieten kann.“

Auf der Grenzlinie

Die fünf Frauen erfahren hier, dass es einen Platz gibt — für gestern und heute. Sie können über ihre Kinder sprechen. Über ihre Erfahrungen. Auf der Grenzlinie  von Vergangenheit und Gegenwart ensteht hier wieder ein kleines Stück Zukunft.

Der größte Schmerz nach dem Tod des Kindes: Die sich ausbreitende Einsamkeit. Beste Freunde machen plötzlich einen Bogen. „Da wirst du behandelt wie eine Aussätzige“, stimmen alle fünf überein. Für die Trauernden ist es egal, ob die Einsamkeit durch die Unsicherheit der anderen entsteht oder sonst wie.

Der Schmerz kennt keine Skala

Was zählt und hilft sind die kleinen Gesten. Und gerade die kommen mitunter von Menschen, mit denen man sonst nicht so viel zu tun hatte. Natürlich: Jede dieser Frauen hat eine andere Geschichte erlebt. Der Schmerz kennt keine Skala. Und der Tod verändert die Wahrnehmung für das eigene Leben und alles, von dem es umgeben wird.

Die Männer, lerne ich, sind schneller wieder in ihrer Rolle. Ein Handlungsmuster: Das Leben geht weiter. Ein Handlungsgitter. Der Schmerz wird zur Geheimsache. Ein Seelenkerker.

Lass gut sein!

Und die Frauen? „Ein Kind ist nicht einfach verschwunden, nur, weil es tot und begraben ist“, erklärt Ulla Schwarz. Die Jahre, die man zusammen gelebt hat, werden durch den Tod nicht ausgelöscht. Und doch erwarten viele Außenstehende eben das. Motto: Irgendwann muss es doch mal gut sein.

Und wenn es 'nicht gut' ist, kommt häufig der Rat: „Lass dir helfen.“ Ein netter Hinweis auf den Gang zum nächsten Therapeuten. Dabei wird meist nicht verstanden, dass die Trauernden einen Platz brauchen: Für die Trauer zum einen und die Erinnerung zum anderen, denn: Die Kinder sind nicht einfach verschwunden. Sie leben weiter — in der Erinnerung. Sie sind eben nicht einfach per Erdbestattung entsorgt worden.

Was wünschen sich die Trauernden: Es sind nicht die großen Dinge. Vielleicht eine aufmunternde Umarmung hier und da. Vielleicht ein „Wie geht’s?“, das auch eine Antwort zulässt und mehr ist als eine hohle Floskel.


Enttäuschung per Zusatzzahl

Die Unsicherheit der anderen ist eine Sache, die man ertragen kann, wenn sie formuliert wird. Jemand, der plötzlich abtaucht und Monate später wortreich um Entschuldigung bittet, wie es einer der Mütter passiert ist, stößt damit nicht auf Gegenliebe. Wer glaubt, die Trauernden am besten allein zu lassen und nicht zu stören, sollte besser nachfragen, denn: Die fünf Frauen haben zum Teil „beste Freunde“ verloren. Nicht nur das Leben der Kinder ist ihnen abhanden gekommen. Enttäuschung per Zusatzzahl.

Umso wichtiger ist ihnen der Gesprächskreis, von dem sie zum Teil nur durch Zufall erfahren haben. Sie sind sicher, dass für viele trauernde Eltern hier eine Riesenchance liegt. Nur: Erfahren sollen es die Menschen. Deshalb, so erklären sie mir, deshalb führen sie dieses Gespräch. Deshalb reden sie über das Schicksal, öffnen die Schleusen der Erinnerung. „Wenn nur einer oder eine anruft, ist schon etwas gewonnen“, sagen sie. „Das kriegen wir hin“, sage ich und hoffe, dass es klappt.



Heiner Frost
Erstellt: 18.03.2007, letzte Änderung: 18.03.2007