„Martin ist tot“. Short Message Service. Jetzt sterben sie übers Handy. Zu Bachs Zeiten geht einer auf Reisen, ist Monate unterwegs, kommt zurück und erfährt, dass die eigene Frau gestorben ist. Vor Wochen schon. Lange beerdigt. Es bleibt nichts als der Gang zu Grab.
Heute haben sie auch dem Tod Beine gemacht.
Martin Noël, Künstler. Geboren in Berlin. 1956. Gelebt und gestorben in
Bonn.
Die SMS von seinem Freund und Galeristen Klaus Ebbers. 18. November,
18.30 Uhr.
Martin ist abgereist in ein Land mit anderen Bildern. Der Kunstmarkt
sieht es
anders: Mit dem Tod wird aus dem Werk eines Künstlers ein
abgeschlossenes
Gebiet. Martin ist tot. Ein Tumor im Kopf hat das Leben verdrängt. Noël
ist Stück für Stück abgereist aus dem eigenen Körper. Zuerst der Verlust
der Beweglichkeit. Für einen, dessen Hände Arbeitsgeräte sind,
dessen
Reich Leinwand und Papier war oder der Umgang mit Druckstöcken ist das,
als
würden sie einem Läufer die Beine amputieren. Zurück bleiben die Sinne.
Aber
das Gesehene und Vorgedachte findet keinen Weg mehr: Nicht auf die
Leinwand –
nicht auf das Papier – nicht ins Holz. Am Ende blieb nichts als die
Fähigkeit
zu denken, abgeschnitten vom Reich des Mitteilbaren.
Noëls Arbeiten waren immer ein Hineinsehen ins Leben. Da war einer am Werk, der die Linien heiligsprechen konnte, indem er sie aus der Knechtschaft des Genialen befreite. Manche seiner Werke: Wie eine Fuge von Bach. Schon beim Zuhören ein Kunstwerk. In der Analyse triffst du auf das Wunderbare. Auf die Geschichte hinter der Geschichte. Die Note hinter der Note. Den Strich hinter dem Strich. Noël zeichnete die Rissfugen vor dem World Trade Center ab. Es war nach dem ersten Anschlag. Geschichten, die Saft aus dem Drama saugen, schaffen es leicht in die Köpfe. Noëls Trade-Center-Fugen brauchen die Geschichte im Hintergrund nicht. Sie funktionieren auch so. Offenbaren das Kunstwerk der Linien. Es ist wie immer im Leben: Einer muss es wahrnehmen. Aufzeichnen. Wörtlicher kann man nichts nehmen. Noëls Werke kommen ohne den Saber des Erklärenden aus. Sie scheren sich nicht um den Träger. Sie funktionieren im Reich des Instinktes. Auf Papier. Auf Leinwand. Als Holzschnitt. Als Linolschnitt. Sie erklären nichts und sind eben deshalb so voller Farbe, Form und Klang. Sie lassen nichts Böses ahnen. Kein Wunder, dass Musiker sich Noël für CD-Cover gesucht haben. Lars Danielsson zum Beispiel. Tarantella. Coverart: Martin Noël. Musik, die einen wie Noël durchinstrumentiert. Die seinem Cover Klänge hinterherschickt. Pegasus heißt das erste Stück, und Martin Eicks Trompete haucht Töne über Noëls Grab, die davon sprechen, dass immer etwas bleibt, obwohl die Musik längst vor Noëls Tod den Weg fand. Aber das tut nichts zur Sache. Kunst hebt Grenzen auf. Setzt sich hinweg über das Hierundjetzt. Das Heutgesternmorgen.
Stirbt
denn die Kunst mit dem Künstler? Noëls Werke geben nur eine Antwort:
Nein. Sein
Werk ignoriert die Sterblichkeit. Setzt sich irgendwie magisch über die
letzten
Grenzen hinweg und zeigt doch mit jedem Strich, jedem Atmen des
Papiers, das da einer am Werk war, dem die
Endlichkeit
vor Augen stand. Aber die Endlichkeit vor Augen. Und dann Abheben.
Davon sprechen seine Arbeiten. Sie erzählen vom Leben. Von der Farbe.
Vom
Raum, den man sich nur durch Unterwerfung erschließen kann. Ein Drachen
hält sich
nur am Himmel, so lange niemand die Leinen kappt. Ein zügelloser
Drachen ist
zum Sturzflug verurteilt. Noëls Kunst schwingt sich auf. Sie schafft
den
Platz im Auge ihres Betrachters. Zieht keinen Vorhang vors Leben.
Täuscht keine
Lösung vor. Noëls Kunst braucht keinen Körper. Sie ist selbst schon der
Gedanke. Von Fesseln befreit. Martin
ist tot. Das stimmt: Aber sie haben nur seinen Leib beerdigt.