
Die Krankheitsbilder sind diffus und
reichen vom plötzlich
auftretenden Tennisarm (das wird nicht viel helfen!) über
spontanen Kippschwindel bis zum
präventiven Spreizfuß. Alle wollen gucken. Wenige
wollen
treten. Dabei geht es geradewegs hinein in die touristische Zukunft. 26
Millionen (potentielle) Kunden in einem Umkreis von 60 Autominuten.
(Wieviel Lichtjahre waren das doch gleich?)
Das Wetter wie aus dem Prospekt: Sonne findet statt. Die Testfahrer sind Televisionäre, Funker, Schreiberlinge, Verfasser von Machbarkeitsstudien, Streckenbetreiber, Bahnentwicklungsgesellschafter, Draisinenbauer, Touri-Spezialisten aus dem Umland, Euregionalisten und Chefsesselbesitzer aus den Rathäusern an der Strecke.
Die Kleidung ist so gemischt wie die
Ämter. Die einen lässig
in Dreiviertel-Jeans, Polo und Sandalen. Andere in Schlips und Kragen.
Die Stimmung: Supergut. So könnte ein Urlaub beginnen.
Die Begrüßung: „Tach zusammen“,
hüscht es vorbei.
Wo waren wir stehen geblieben? Ach
ja: Die Zukunft auf Schienen — die
Draisinstrecke erwartet eine erste Inaugenscheinnahme
(Draisinenstreckenverkostung). Ab jetzt heißt die Devise: Es
gibt
kein Zurück. Das Hin findet jedenfalls im Reisebus statt. Ein
vorfinaler Entspannungsakt. Beim Aussteigen am Ziel, das ja eigentlich
der Start ist („Jedem Anfang wohnt ein Zauber
inne“) hat
sich die Wettersituation nochmals drastisch verbessert. Es geht auf die
20 Grad. Merke: Kontinuierlicher Sonneneinsatz erzeugt
Temperaturanstiege.
„Das wird warm heute“, sagt einer.
Anzugträger werden
zum Hamlet: „Soll ich oder soll ich nicht?“ Sie
sollen!
Jacketts finden zurück in den Bus, während Besitzer
auf der
Strecke bleiben. Verehrtes Testpersonal: Jetzt gilt’s.
Erstes Einschießen bei den
Fotografen. Motive werden gesucht, und
jetzt endlich outen sich erste Mitfahrer, denen ein Wehwehchen das
Treten der Pedale zumindest erschweren würde.
„Tennisarm
gilt nicht — das sind ja keine Kopfstanddraisinen.“
„Fahr
du, ich hab so ein Ziehen im Kreuz.“
„Wenn’s denn
sein soll.“ Die Fahrzeuge nehmen zunächst Testtreter
und gleich
danach Fahrt auf. „Bitte im Konvoi!“ (Nebeneinander
wäre denn auch eher schwierig.)
Schön, die Draisinen. 26 Millionen potentielle Kunden warten
im
Hinterland auf die offizielle Freigabe der Strecke. Zwei Chauffeure auf
Geleesätteln transportieren bei der Kleindraisine zwei
Mitfahrer.
Vier Freunde sollt ihr sein. Die Mitnahme von Trittbrettfahrern ist
möglich.
Natur ist schön: Erst recht
dann, wenn sie dir als Ast durchs
Gesicht streift oder als Brennnessel die halbnackten Waden umspielt.
Natürlich: Später wird das alles nicht mehr sein.
Dann wird
es herrlich, und jeder übt schon mal das touristische Credo.
(„Gibt’s hier eigentlich Zecken?“
„Keine Angst,
die wollen nur spielen!“ „Gut, dass wir nicht in
Bayern
sind.“)
Dann die erste
Straßenquerung. Jetzt heißt es: Umtragen. (Fast wie
beim Paddeln.)
„Bitte absitzen.“ Draisinentragen ist ein gutes
Motiv
für Fotografen. („Bitte langsam tragen!“)
Und erst
recht fürs Fernsehen. Das Fernsehen ist da, weil hier doch
schon
jetzt die Zukunft stattfindet. (Das Morgen im Heute.) Diese Strecke ist
quasi
kartellamtsverdächtig. Keine Konkurrenz weit und breit, hoch
und
tief. 26 Millionen potentielle Kunden in einem Umkreis von 120
Kilometern sind aber so was von einem Argument ...
Natur kann — jetzt wissen wir es — nicht nur erlebt werden: Wir können sie auch erfahren. Quasi beim Entgleisen. „Schön hier.“ „Wie bitte?“ „Schöhön hier!!“ „He????“ (Ein bisschen viel laut ist’s auf der Draisine.) Der Konstrukteur wird befragt. „Das liegt an der Strecke. Die Gleise nicht sauber und überwachsen von Brombeeren.“ (Das ist die Klanghölle. Die macht Krach.)
Neulich ist der Testkollege auf einer Strecke gefahren: Die Gleise glatt wie ein Kinderpopo. Kaum ein Geräusch. Das ging vielleicht ab. Und hier: Viel Geräusch, weil viel Gestrüpp. (Aber: Geräusch braucht’s schon beim „personal Training“. Das ist ja sonst wie ein Motorrad ohne Knattern.) Aber bitte sehr: Das hier ist doch ein Test. Eine Besichtigung der Zukunft vom Geleesattel aus.
Wer die Phantasie dabei
hat weiß: Das wird schön werden. 26 Millionen
potentielle
Kunden auf einer Strecke von 15,7 Kilometern. Gut, dass wir da waren,
bevor es sich anstaut. Später dann wird alles eine Frage der
Organisation: Eine Million im ersten Monat und so weiter.
Richtungsfragen: Da muss noch geklärt werden, wie der Hase,
pardon: die Draisine läuft — ein Gleis und zwei
Möglichkeiten: Hin und zurück. Vielleicht montags von
NL nach
BRD und dienstags umgekehrt. Mal drüber nachdenken ...
„Haltstopp!“ Ein Problem: Pferde auf der Koppel. Der Landwirt bittet um Verständnis. Damit die Tiere nicht traumatisiert werden, braucht er Zeit zum Abtransport. Es sei ihm gewähret die Bitte. Jetzt ist er im Bunde der Dritte: Testfahrerkomitee, 26 Millionen potentielle Kunden und der Pferdezüchter. Komm, o Zukunft!
Die Kühe an der Strecke sehen ihre neuen Nachbarn jenseits des Zaunes mit viehischer Grandezza, und stellen die Ohren auf. Dann ergreifen sie die Flucht. (Morgen mal recherchieren, ob irgendwo die Milch sauer geworden ist.)
Die Pferde sind künftigem Hospitalismus gerade noch mal entkommen und finden ihr Glück auf einer Nachbarweide: Zwischen Löwenzahn und Butterblumen setzen sie das ungezügelte Landleben fort. „Die haben doch noch nie eine Draisine gesehen“, erklärt der Landwirt. Horrido!
„Jetzt aber weiter.“ Gelobt seien Europa und der kleine Grenzverkehr auf der Draisine. Kein Schlagbaum weit und breit: Nur Brombeerranken auf den Gleisen und der eine oder andere Ast im Gesicht. Dennoch: Der Blick wird frei für Naturerfahrungen. Es ist ja wirklich grenzenlos schön hier.
Und wenn erst die Zukunft eintrifft:
26 Millionen potentielle
Draisinenjunkies in 60 Autominuten. Autominuten? Vielleicht werden sie
uns ja eine Trasse legen und das Dorf niederwalzen: Irgendwo
müssen die Limousinen, Sportwagen, Reisebusse, Cabrios und
Utility
Vans ja festen Boden unter die Räder bekommen. Die Zukunft:
„In Richtung Kleve stauen sich die Autos auf einer
Länge von
70 Kilometern. Karten fürs Draisin(n)ieren sind in zwo Jahren
wieder zu haben.“ (WM-Final-Tickets waren doch eine German
Kleinigkeit!)
Jetzt läuft der Konvoi in den Bahnhafen ein. „Haltstopp!“ Die Weichen sind falsch gestellt? Umtragen. (Das kennen wir ja schon.) Wir arbeiten an der niederrheinischen Zukunft. Macht mal tüchtig Stimmung!
Jetzt und hier werden endlich Dimensionen sichtbar. Jetzt werden Anträge gestellt und Bescheide abgewartet. Jetzt braucht Zukunft Zeit. Jetzt malt ein Bahnbetreiber das Draisinen-Happy-End in Euro an den Pfannkuchenhimmel. „Es sind ja nicht nur die Draisinen. Es ist ja auch das Drum und Dran.“ (Stimmt: Wir hatten doch mal die Römer hier. Umsteigen also in den Streitwagen. Oder aufs Rad. Oder den Dampfer. Hier fließt doch auch irgendwo der Rhein.) Der Unternehmer bietet daheim ‘Draisine-Plus’. Da können die Kunden auch das Essen bestellen. Einem Party-Service-Betreiber hat er im letzten Jahr 25.000 Euro überwiesen. (Was, wenn der Mann Familie hat?) Aber die Fünfundzwanzigtausend sind ja quasi nur das „Grundgehalt“. So einfach geht das Glück. Ajo!
Und jetzt: Anträge werden gestellt, und dann kommt die Wartezeit, und dann kommen die Kunden. 26 Millionen. (An welchem Tag eigentlich?)
Die Anzugträger finden zurück in ihre Jacken. Kurzes Power-Pointing. Bisschen Reden. „Ich will mich kurz fassen.“ (Das klingt, als könnte es länger dauern.) Es wird eine blühende Zukunft mit ganz vielen Kunden. Wie viele waren das noch? Richtig: 26 Millionen. Potentiell. Jeder Tagestourist lässt 28 Euro in der Region. Potentiell. (Ja hat denn niemand einen Taschenrechner dabei?) Das Beste: Wir sind ohne Konkurrenz. Und die Studie sagt: Wenn es uns nicht gäbe, müssten wir erfunden werden. Horrido!!
