
13 Schüler aus einer Rechtskundegruppe des Konrad Adenauer Gymnasiums und ein Oberstaatsanwalt rücken ein und erfahren, wie es ist, wenn sich Türen schließen und andere den Schlüssel haben; wenn Türen klinkenlos bleiben. Der Rundgang durch die Hypothese. Nicht für die Schule - für das Leben lernen wir.
Die Inaugenscheinnahme der vergitterten Welt ist für die „Handlungsreisenden“ eine Reise in die Utopie. Keiner von den Schülern glaubt, dass er einmal hier landen könnte und alle, die hier einsitzen, haben irgendwann wohl dasselbe gedacht. Knast ist für die anderen. Immer.
Karl Schwers ist Knastchef in Kleve. Ihm schicken sie die, die nicht davongekommen sind - verurteilt im Namen des Volkes, das jetzt die Anstalt besichtigt. Hier sitzen auch die, die auf ihr Urteil noch warten. Untersuchungshäftlinge werden Letztere genannt, Strafgefangene die anderen. Insgesamt ist Kleve für 243 „Gäste“ ausgelegt. Es sind meist mehr. „Heute morgen waren es 252“, erklärt Schwers. Was ist das schon - neun zuviel? Noch haben die Jugendlichen keine Zelle gesehen. Noch kann niemand ermessen, was es bedeutet, zu zweit eine Einzelzelle teilen zu müssen. Das ist der Verlust alles Privaten. Als Einzelwesen gibt es dich dann nicht mehr.
Karl Schwers beginnt seine Führung in der Personalkantine. Das macht er immer so, und Führungen gibt es reichlich. Meist sind es Schulklassen. Der Knast als Abschreckungsmaschine. Der warnende Zeigefinger. Von wegen Hotel ...
Jetzt sitzt die Gruppe in der Personalkantine: 13 Schüler, ein Oberstaatsanwalt, ein Knastchef. In der Luft hängt noch das Sauerkrautaroma vom Mittagessen. An einer der Wände zeugen zwei Glasvitrinen voller Trophäen von Erfolgen beim Beamtensport. Draußen über dem Eingang zur Kantine ein Schild: Gerüchteküche.
Der Reiseführer bemüht sich um Information. Gerüchte sind für andere. Es geht los mit der Geschichte der Anstalt. Königlich preußisch. Das Vorbild: Saarbrücken. Da hatte man schon einen Plan. Warum also einen Neuen zeichnen. Kleve - immer wieder gern erzählt - bekam die eigene Anstalt, weil der Kaiser nicht wollte, dass die Kriminellen im Keller der Burg seiner Ahnen saßen. Auch ein Motiv. 1915 Einzug in die Anstalt. Die Belegung damals: Gemischt geschlechtlich. Heute undenkbar. Schwers lässt auch die braune Zeit nicht aus. Eine Zeit des Unrechts hinter Gittern. Eine Zeit, in der Gefangene starben. Nein, sie starben keines natürlichen Todes. Schwers spricht von Mord und er tut gut daran, nichts auszulassen.
Heute ist Kleve ausgelegt für 243 Gefangene. Im Idealfall. Aber der hat Seltenheitswert. Zudem muss immer irgendwo im Haus renoviert werden. Da heißt es dann: Zusammenrücken.
Rund 18.000 Strafgefangene hat das Land. Strafvollzug, lernen die Schüler, ist Ländersache. Von den 18.000 Strafgefangenen in Nordrhein-Westfalen sind 17.000! Männer. Kommentar überflüssig.
In Kleve sitzen Untersuchungshäftlinge und Strafgefangene mit maximal vier Jahren Haftzeit.Kleve ist ein Sonderfall. In den Knästen von NRW sitzen rund 30 Prozent ausländische Häftlinge. Hier sind es 60 Prozent. Die Grenze ist nah und das Rauschgift lässt grüßen. Rund 40 Nationen haben sie hier. Ein Babel des Strafvollzugs.
141 Mitarbeiter hat der Klever Knast. Die meisten arbeiten im Vollzug. Und dann sind da noch die besonderen Fachdienste, Sozialarbeiter, Lehrer, Verwaltung und Werkdienste. Schwers klärt die Jugendlichen über die Einstellungsvoraussetzungen für den Vollzugsdienst auf. Entweder ein Hauptschulabschluss plus Berufsausbildung oder aber mindestens ein Realschulabschluss. Ende des theoretischen Teils.
Es folgt der Blick in die Besuchsabteilung. 90 Minuten beträgt die Besuchszeit für einen erwachsenen Häftling. Pro Monat. Erste Ahnungen von Einsamkeit mögen jetzt in den Köpfen spuken. 90 Minuten im Monat sind schnell abgefrühstückt. „Das hier ist eine eigene Welt“, wird später einer der Gefangenen erzählen, mit dem sich die Gruppe unterhält.
Es geht über den Hof Richtung Hafthaus. Zwischendurch ein Blick in den „Reisebus“ der Anstalt. Gemütlichkeit geht anders. Auf dem Hof: Die Stahlgitter. Ironie des Schicksals: In der Klever Schlosserei werden Gitter produziert. Karl Schwers erzählt die Raab-Anekdote. „Mit unseren Gittern waren wir mal im Fernsehen. Bei Raab. Da wurde dann gesagt: Die dümmsten Gefangenen der Republik sitzen in Kleve, denn die machen ihre Gitter selbst.“
Im Hafthaus inspizieren die Jugendlichen eine Einzelzelle. Jetzt werden Dimensionen sichtbar, fühlbar: begreifbar. Gefangene sind nicht zu sehen. „Wir wollen informieren, aber wir wollen hier niemanden zur Schau stellen“, sagt der Chef.
Ohnehin ist Enge leichter zu begreifen, wenn man selbst in der Zelle steht. „Und jetzt stellt euch vor, ihr seid zu zweit da drin“, regt Schwers die Fantasie der Besucher an. „Da wird dann ein Doppelstockbett reingeschoben, ein zweiter Stuhl, ein zweiter Schrank.“ Es wird still und man ahnt Betroffenheit. Die löst sich in einen Scherz auf. Die Vorstellung, diesen Raum mit jemandem zu teilen, den man vorher nie gesehen hat ... Die Toilette ist nur durch einen Vorhang abgetrennt. Das war’s. Mehr Irritation geht nicht. „Ich bin froh, dass ich allein auf Zelle bin“, wird Heinz später sagen. „Das musst du dir nicht geben: Du frühstückst, und der andere legt gerade ein Ei.“ Nichts für Individualisten.
Dann die B-Zelle. B steht für Beobachtung. Wenn einer hier landet, ist die ultima Ratio angesagt. Hier bist du im Schlafanzug. Es gibt keine Möbel. Am Boden eine Matratze. Im Boden können sie kleine Platten hochklappen. Darunter: Ösen. Wenn es gar nicht anders geht, wird der Gefangene hier fixiert. Dann ist ein Beamter in der Zelle: Sitzwache. An der Decke: Eine Kamera. Die Toilette: Eine Mulde im Boden. Keine Chance, sich zu verletzen.
In der Anstaltskapelle dann der Stuhlkreis. Sie treffen Heinz. Heinz ist Mitte dreißig. Er sitzt wegen Drogen. „Nein, ich hab’ selber nix genommen“, sagt er. Er hat gedealt. „Ich hab' mein Geld mit Koks verdient.“ (Klingt wie der Refrain aus einem Song.) Heinz auf der Straße - ein Mensch wie alle anderen. Crime doesn’t show. Den Verbrecher siehst du keinem an. Sie fragen ihn nach einem normalen Knasttag. Der geht so: Durchsage um 5.45 Uhr. Aufstehen. Frühstück um sechs. Auf der Zelle. Dann zur Arbeit. Heinz macht die Knastbücherei. Zwischendurch Mittagspause. Gegessen wird "auf Zelle". Dann: Arbeit bis um drei. Zurück in die Zelle. Natürlich gibt es auch Freizeitgruppen. Malkurs, Gitarrengruppe, die Knastzeitung. Der Kraftsportraum: Immer ausgebucht. Hier schwitzen sie für einen schönen Körper. Man hat ja nichts sonst.
"Die Bücherei", sagt Heinz, "ist ein guter Job. Du kommst rum. Hängst nicht den ganzen Tag auf Zelle.“ Manchmal schlimm: Die Wochenenden. „Du hast nix zum arbeiten.“ Wie ist es mit dem Geld im Knast? Heinz verdient im Monat so zwischen 310 und 330 Euro. Vier Siebtel davon sind für das Ü-Geld. „Wenn du raus kommst, sollst du was in der Tasche haben. Für den Übergang. Den Rest der Kohle kannst du für den Einkauf gebrauchen. Wenn du nicht rauchst, reicht das allemal.“
Knast ohne Arbeit? "Scheiße. Dann hast du nur die Freizeitgruppen, den Hofgang - die Zelle. Da verblödest du vor dem Fernseher. Wenn du einen hast." Ein Radio kann jeder auf die Zelle bekommen. Die meisten haben die Glotze. Die läuft 20 Stunden am Tag. So zerbröseln sie die eine Eintönigkeit mit einer anderen.
„Was sagen Ihre Eltern?“, möchte eine wissen. Heinz ist Pastorenkind. Die Mutter hält zu ihm. Als Heinz einfuhr, hat er erst mal auf Sendepause gestellt. Wollte niemanden mehr sehen aus seinem anderen Leben. Mittlerweile darf er sogar auf Urlaub. Gerade am Wochenende ist er bei Mama gewesen. Die Familie: Halt und Hoffnung. „Wenn ich rauskomme, habe ich eine Wohnung. Einen Job hab ich dann auch.“ So geht Perspektive.
„Wie verändert einen der Knast?“ „Hier drin wirst du sentimental. Hier drin bist du in einer anderen Welt.“ „Gibt’s Gewalt im Knast?“ „Es ist natürlich alles ein bisschen so wie draußen auch. Da kriegen sich auch Leute an die Köppe.“ Hier allerdings gehen die Emotionen schneller durch. Jenseits der Stäbe heißt auch: Jenseits der Fassade. "Du bist schnell beim Eingemachten. Weglaufen und Schwäche zeigen geht nicht. Lass keinen merken, dass du Angst hast."
Heinz war auch schon in Bayern im Knast. „Und wo ist es besser?“ „Manches ist hier besser - manches dort.“ Im Großen und Ganzen ist Heinz mit Kleve zufrieden. Einmal im Monat gibt es sogar Pommes mit Currywurst. Das Essen: Okay. Heinz hat, seit er hier ist, 12 Kilo zugelegt. „Können Sie hier denn nicht Sport machen?“ „Doch. Aber Sport ist für andere“, sagt er und lächelt.
Wie steht’s mit Klamotten? Für Strafgefangene gilt: Anstaltskleidung. Blaumann. Untersuchungsgefangene dürfen eigene Kleidung tragen. Heinz auch. Neurodermitis. Sondergenehmigung.
„Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie raus kommen?“ „Auf einen Blick ohne Gitter.“ Mit etwas Glück wird Heinz zum Jahresende weg sein. Schlimmstenfalls muss er bis Mai 2009 bleiben. Auch diese Zeit wird vergehen. Ihn jedenfalls werden sie hier nicht wiedersehen. Da gibt es andere Fälle. Heinz hat sie gehen sehen. Zurückkommen? Ihm wird das nicht passieren.
„Wie ist es, wenn man aus dem Urlaub zurück kommt?“ „Das ist total verrückt. Du stehst draußen. Der Puls geht hoch. Dann gehst du rein. Wirst gefilzt. Dann ist da deine Zelle und ob du willst oder nicht: Das ist ein Stück Zuhause. Du gehst rein. Du beruhigst dich. Du bist wieder da.“ Trotzdem: Heinz lässt keinen Zweifel aufkommen: Er will raus. Endgültig. Nie mehr zurück - hierhin oder in einen anderen Knast. „Das Thema ist durch.“
Die Gruppe geht zurück. Sie holen ihre Sachen aus der Kantine. Dann gehen sie zur Tür. Nach Hause. Andere müssen bleiben. Wer draußen ist, verliert schnell das Gefühl dafür, was die Freiheit wert ist. Führung beendet. Fazit: Niemand will hier hin.