
Fotos: Rüdiger Dehnen
In einem guten Museum findet Leben statt. Wer auf
der Suche nach den
Toten ist, biegt an der Friedhofsmauer ab. Kunst ist eine Form
des kreativen Widerstandes gegen das Vergessen. Gegen die
Gedankenlosigkeit. Das Museum ist keine Entbindungsstation für künftige
Säulenheilige - es ist ein Ort der kommunizierenden Röhren. Botox fürs
Hirn. Wer all das möchte, sollte derzeit das Museum Kurhaus Kleve auf
dem Plan haben. Da gibt es die Kunst zu sehen, die ohne
Frischhaltefolie auskommt, weil sie lebt.
Kaum zu glauben: Was im Kurhaus Wände und Böden
„bevölkert“, war bisher
nirgends am Stück zu sehen. Wer Aufschluss darüber möchte, was es
bedeutet, wenn ein Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile, hat drei
Etagen Zeit dazu. Wer die Schau nicht lebendig verlässt, kann - so ist
zu befürchten - auch sonst nirgends Reanimation erlangen.
Während von jetzt bis zum 20. März Bilder und Publikum das System der
kommunizierenden Röhren ausmachen, stand am Anfang das System: Galerist
- Künstler. Der sich als Galerist Konrad Fischer nannte und zusammen
mit seiner Frau ein Imperium des Überzeugenden schuf, startete als
verdeckter Ermittler. Wenn du Kunst vermittelt möchtest, solltest du
wissen, was es ist, das in den Künstlern tickt. Konrad Lueg
startete als Produzent. Auch das zeigt die Ausstellung. Nach der
„Inschlaflegung“ des aktiv Schaffenden stellte sich unter anderem Namen
einer ein, der kuratierte und vermittelte und dabei immer eines blieb:
Künstler. „Archiv einer Haltung“ - so der Untertitel der Ausstellung.
Menschen wie Konrad Fischer repräsentieren - so scheint es - weniger
eine Haltung als einen Zustand. Sie sind gelebte Kunst und zeigen auf
erfrischende Weise den Zustand des Unheiligen, der am Beginn jeder
Schöpfung liegt, steht oder sitzt. Fischer und „seine“ Künstler sind
von Kreativität Überwältigte - einem Trieb ausgeliefert, der sie zur
Kunst führt wie andere Gärtner werden. Das Motto: Keine Wahl haben. Was
dran ist, ist dran. Was kann ein Vogel dafür, dass er fliegen kann?
Einer wie Fischer war zeitlebens ein verdeckter Ermittler - auf beiden
Seiten des Elfenbeinturms zuhause, aber niemals darin gefangen. Im Turm
wartet der Tod. Im Kurhaus wartet das Leben. Es wartet eine Gilde von
„unüblichen Verdächtigen“, die ein Teil dessen sind, was Sterilisatoren
„Kanon“ nennen. Man „muss“ all das nicht gesehen haben. Eine
Ausstellung wie „Dorothee und Konrad Fischer - Archiv einer Haltung“
erweckt Begierlichkeiten: Man will es gesehen haben - liebt das eine,
hasst das andere, aber fest steht: „Archiv einer Haltung“ lässt kein
hirnloses Staunen zu. Wer staunt, der steht. „Archiv einer Haltung“ ist
- manchmal schadet Wiederholung nicht - Botox für Hirn. Allerdings muss
jeder die Spritze selbst im Gepäck führen. Eintrittsgelder allein
garantieren keine Erleuchtung. Bei „Archiv einer Haltung“ stellt der
Kauf der „Eintrittsaktie“ reichlich Renditen im Denkzentrum in
Aussicht.
Am Ende raubt einem das Ensemble aus Baumgarten, Beuys, Judd, Kawara,
Long, Nauman, Penone und Co den Atem. Was im Kurhaus zu sehen ist, hat
trotzdem nichts mit großen Namen zu tun. (Den Bildern ist egal, wer sie
gemalt hat). Die Ausstellung handelt von der Energie der
Schöpfung und von der Atemlosigkeit des Sammelns. Das allerdings wird
nur erfahrbar für Besucher, die sich selbst dabei haben und bereit
sind, die eigene Energie gegen das Gesehene zu zu setzen. Wer
das umsetzt, erlebt ein Beben über der Erde. Alle andere begegnen
voll Staunen großen Namen und gehen so leer wie sie gekommen sind.
Als Zugabe gibt es jede Menge Informatives - Schriftwechsel,
Einsichten, Bildmaterial aus der Hexenküche des „Hintergrundes“. Das
Epizentrum allerdings sind die Kunstwerke. Man möchte schwören, dass
sie alle noch immer Puls und Blutdruck haben - niemals tot sind. Was da
atmet, ist der Zauber des Unheiligen. Also: Red nicht, schau
hin! Das Leben hängt an der Wand. Bevor das Internet abgeschaltet wird,
noch schnell eine Rundmail an alle, die guten Willens sind: „Leute,
geht ins Kurhaus. Es lohnt sich.“
