
... das merkt Sonja schnell. Gerade hat ihr Wagen beim Anfahren an der Ampel wieder einen akuten Schwächeanfall erlitten. Da hilft nur: Ruhig Blut, auch wenn's hinten dran ein paar Ungeduldige gibt. "Kupplung treten, Zündschlüssel drehen und ein Häppchen Gas" kommt die Anweisung von Trainer Ralf, und der kann einiges vertragen. Fahrschulalltag für einen, der seit 1997 'beifahrert'. Bei Sonja sieht die Sache anders aus: Erfahrungen der dritten Stunde.
"Ihr lasst euch ja nur den ganzen Tag durch die Gegend fahren", behaupten Spötter. Ralf-Dirk Roggendorf sieht die Sache anders. Wer sich mit ihm auf Tour begibt, merkt schnell, dass Fahrlehreralltag alles andere ist als die ruhige Kugel in der Fahrschulkutsche. Der Job taugt nicht für Ungeduldige oder sprachfaule Kommunikationsverweigerer.
Sonja hat ihre liebe Last mit der Fahrerei. Da kommt für die Novizin einiges zusammen: Zuerst einmal die Beherrschung des Instrumentes. Dazu gilt es, die Übersicht zu behalten, und so ganz nebenbei sollte alles auch nach den allgemein gültigen Verkehrsregeln ablaufen. Schon das Synchronisieren von Kupplung und Gas beim Anfahren ist ja nicht jedermans Sache. "Schleifpunkt suchen", erklärt Ralf-Dirk.
"Und jetzt 'n Happen Gas. Aber zärtlich." Das hilft. Es geht weiter. Zur nächsten Ampel. Zum nächsten Schwächeanfall. Auch jetzt bleibt der Sanitäter auf dem Beifahrersitz die Ruhe in Person. Hektik wäre das falsche Mittel. "Klar, wenn du mit einem Bauernsohn fährst, ist die Sache schon einen Tick gemütlicher. Die haben das Fahren drauf. Da fängst du gleich bei der Kür an", erklärt Ralf-Dirk.
Sonja ist ziemlich definitiv noch mit entscheidenden Teilen der Pflicht beschäftigt. Beim Abbiegen 'misst sie die Straße aus', wie Ralf-Dirk es nennt. Ganz nach dem Motto: Wir wollen doch mal sehen, wie viel Platz wir haben. Die Anfängerin bekommt noch fast jedes Kommando vom Meister, der aber schon jetzt einen Ausblick in die Zukunft wagt: "Je weniger ich sage, desto besser ist das." Wohl wahr! Schließlich heißt der Endzustand: Fahren als Solist.
Sonja ist trotz allem eine gute Schülerin. Gibt es denn Schlechte? Natürlich. Und es gibt Nervensägen. Das sind die 'Aber-warum-Kandidaten'. Die hinterfragen alles und haben ständig Diskussionsbedarf. Ralf-Dirk ist keine Miesmuschel, aber mit Nörglern und ewig Besserwissenden hat er nicht unbedingt einen Rahmenvertrag. Natürlich gibt es immer solche, für die nichts Neues mehr kommen kann. Die glauben, sie haben alles drauf, sind hinter dem Lenkrad geboren und würden am liebsten nach der fünften Stunde schon die Prüfung absolvieren.
"Natürlich kann sich jeder, der es möchte, für 180 Euro eine zweite Meinung einholen", beschreibt es Ralf-Dirk mit einem Augenzwinkern. 180 Euro — das ist die Gebühr für eine Prüfungsfahrt. Wer meint, er wüsste es partout besser, der kann’s probieren und den Begriff 'Lehrgeld zahlen' in die münzklingende oder scheinraschelnde Wirklichkeit übertragen.
Es mag überall schwarze Schafe geben, aber ein guter Fahrlehrer — da ist Ralf-Dirk ganz sicher — hat nur ein Ziel: "Den Schüler wieder loswerden." Und: "Auch die Prüfer kommen in der Regel nicht, um einen Führerschein wieder mitzunehmen." Übersetzung: Prüfer sind mehrheitlich gutwillige Menschen. Ralf-Dirk geht noch einen Schritt weiter: "Wenn Fahrlehrer die Prüfungen abnehmen müssten, würden wahrscheinlich weniger Schüler bestehen."
Klar, dass der Lehrer kritisch ist. Jeder, der 'den Lappen' bekommt, nimmt fortan offiziell am Straßenverkehr teil, "und da sind dann auch unsere Kinder unterwegs".
Sonjas Fortschritte innerhalb ihrer dritten Fahrstunde sind mit Händen zu greifen. Sie gehört nicht zu den Ausnahmekandidaten, die zwei linke Hände haben und an jeder Hand nur Daumen. Sie reagiert auf die Anweisungen und Erklärungen ihres Trainers: Lernen ist Wiederholen. Mit jeder Wiederholung kommt mehr Sicherheit. Und mit einem flotten Spruch, das zeigt die Erfahrung, bleibt vieles schneller hängen. "Fahr rechts, wir sind in Deutschland!"
Zwei Stunden später: Derselbe Fahrlehrer, ein anderer Schüler: Klaus steht einen Tag vor der Prüfung. "Mal sehen, was du drauf hast", begrüßt ihn der Chef. Das Programm: Die speziellen Ecken abfahren — eben die, wo so manche Prüfungsfahrt schlagartig und unrühmlich enden kann, denn: Beachtet einer beispielsweise die Vorfahrt nicht, darf er gleich aussteigen. Bewährung? Fehlanzeige!
Ansonsten dauert die reguläre Prüfungsfahrt 45 Minuten, und je weiter einer kommt, desto besser ist die Sache. "Nächste links", weist Ralf-Dirk seinen Schüler an. Der biegt auch ab, hat aber — so kann's gehen — das kleine Rechts-Vor-Links-Sträßchen übersehen. "Und hier wäre deine Prüfung zu Ende gewesen", überrascht der Lehrer seinen Schüler. Nach dem vorschriftsmäßigen Anhalten: Manöverkritik. "Das Schild da hast du übersehen. Das darf morgen nicht passieren. Hier ist eine Lieblingsstelle vieler Prüfer."
Dann geht es weiter, und jetzt ist Klaus richtig gut. "Die ersten fünf Minuten einer Prüfung sind meist sehr schwierig. Die Kandidaten müssen erst mal locker werden." Klar: Prüfung ist Prüfung. Und der Führerschein ist eine wichtige Sache.
Wie fährt denn der Trainer, wenn er privat unterwegs ist? "Ich versuche eigentlich alles genauso zu machen wie ich es meinen Schülern beibringe, denn die Schüler sind überall. Wenn du plötzlich anders fährst und die das mitbekommen, ist deine Glaubwürdigkeit schnell im Eimer."
Klaus ist beim Rückwärts-Einparken angekommen. "Nach hinten gucken, damit du siehst, wen du umfährst", kommentiert Ralf-Dirk staubtrocken. Verliert einer wie er denn auch mal die Geduld? Nur äußerst selten. ("Und äußerst ungern!") Aber passieren kann das.
Was sagt der Fahrlehrer zum Thema Höchststundenzahl: "Also da hatte ich in Duisburg mal eine, die hat 200 Stunden gebraucht. Die wollte eigentlich gar nicht fahren lernen und hatte auch Angst. Da haben wir allein 30 Stunden gebraucht, um mit der Angst fertig zu werden."
Geschichten? Jede Menge. Ralf-Dirk und der 1.000-Seiten-Wälzer 'Erlebnisse eines Fahrlehrers'? Kein Problem.