Efteling

Die Efteling DNA

Verderbliche Ware

Henk ist ein glücklicher Manager. Henk Groenen, steht auf seiner Visitenkarte. Und dann steht da noch: Hoofd Marketing, Communicatie & Sales. Also: Chef der Abteilung Kommunikation und Marketing. Henks Firma sitzt in Brabant. Je nach Rechenmethode hat Henk entweder zweitausend oder neunhundert Kollegen. Neunhundert sind es, wenn man nach den 'Full-time-equivalents' rechnet — also nach vollen Stellen insgesamt.

Henks Firma, besser: Die Firma, für die Henk arbeitet, vertreibt eine leicht verderbliche Ware: Träume. Um die Ware muss Henk sich keine Sorgen machen, denn: Seine Firma ist die bekannteste Marke in NL. "Frag jemanden nach irgendeiner Marke, und was du am häufigsten hören wirst, ist: Efteling." Efteling vor Coca-Cola. Efteling vor Microsoft. Efteling vor dem Rest der Welt.

Efteling: Über 90 Prozent von Henks Landsleuten sind schon da gewesen. Und sie sind Wiederholungstäter. Sie kommen 5,2 Mal im Leben. Bei den belgischen Nachbarn lautet die Zahl der Besuche pro Leben: Dreikommafünf. Auch nicht schlecht.

Kein MacGrimm. Kein Märchen-Drive-Thru.

Obwohl das alles Fakten sind, ist der wichtigste Efteling-Satz: Es war einmal. Als 1951 alles anfing, ging es um die Welt der Märchen. Auf sieben Hektar Land entstand nach den Entwürfen des Efteling-Vaters Anton Pieck ein Märchenpark. Pieck war kein Freund von halben Sachen. Seine äußerst phantasievollen und somit phantastischen Entwürfe wurden eins zu eins umgesetzt. Pieck wollte 'Nachhaltiges' — kein Naschwerk für eine sensationsversessene Eventgesellschaft. Und: Pieck bekam, was er wollte. Keine Wellblecharchitektur — kein Märchen-Fast-Food, kein Mac Grimm oder Mac Anderson. Kein Märchen-Drive-Thru. Pieck bekam die Realisation eines Traumes. Träume sind das eigentliche Zentrum. So war das damals. So ist es heute.

Trotzdem hat die Zeit auch Efteling verändert. Als hier 1981 die erste Achterbahn auf dem europäischen Festland eröffnet wurde, war das ein Zugeständnis an das Publikum. Eines, von dem Pieck anfangs alles andere als begeistert war. "Nur über meine Leiche", soll er mit Blick auf die Achterbahn gesagt haben. Er überlebte glücklich, denn schon im ersten Achterbahnjahr kamen zweihunderttausend Besucher zusätzlich in den Park, der noch immer ein Märchenpark war.

Mit den Jahren kamen andere Attraktionen. Henk legt  trotzdem gesteigerten Wert auf die Tatsache, dass in Efteling das Größer-Höher-Weiter-Schneller-Prinzip erst hinter den Träumen rangiert. "Es kommen  Leute zu uns, die waren schon als Kinder hier. Für sie ist das, was sie hier gesehen und erlebt haben, ein Stück ihrer Erinnerungen. Ein Stück ihrer Vergangenheit. Ein Stück ihres Lebens. Später kommen sie als Erwachsene wieder. Sie besuchen ihre Erinnerungen, aber sie möchten auch etwas davon weitergeben. An ihre Kinder oder Enkel. Diese Menschen würden nichts davon halten, wenn wir plötzlich alles umwerfen und mit moderner Technik vollstopfen würden. Wir verkaufen hier Träume. Und wenn die Träume gut sind, sollen wir sie nicht ändern, oder?" Stimmt, Henk.

Die Brabanter Nostalgie

Das gilt — wohl gemerkt — für all das, was auch 'früher' schon da war. Bei neuen Attraktionen wird genau darauf geachtet, dass sie zum Themenkonzept passen. Das Efteling-Konzept lässt sich bis auf die Kleinigkeiten herunterbrechen. Jedes Areal des Parks, der seinen Namen zu Recht trägt, hat eine eigene 'Farbe'. Dazu gehört alles bis hin zur Musik.

Efteling verkauft den Urlaub vom Alltag. Da muss alles stimmen. Vor allem auch die 'Bedienung'. Längst sind aus den sieben Hektar des Anfangs zweiundsiebzig geworden. Zweiundsiebzig Hektar unter der Überschrift: "Herzlich Willkommen. Wir möchten, dass Ihr Euren Spaß habt."

Wenn heute neue Attraktionen angedacht, geplant und schließlich gebaut werden, dann sollen sie den Efteling-Touch haben. Fahrgeschäfte nach Schablone sind nicht die Sache der Brabanter. Woran sie hier arbeiten, ist die Brabanter Nostalgie. Träume im Eigenbau. Von der Stange — das ist woanders.

Henks ganzer Stolz: Ein neues Märchenhaus. Hightech vom Feinsten. Aber: "Du merkst es nicht." Wenn das Märchen von dem Mädchen mit den drei Zündhölzern abläuft, zeigt sich das Publikum gerührt und Henk ist dem Berichterstatter beim Verlassen des Märchenhauses um genau die drei Schritte voraus, die einer braucht, um mit der eigenen Sentimentalität allein zu sein, bevor er wieder zur Tagesordnung übergeht.

Efteling ist ein Stück DNA für die Mitarbeiter. Du hast das Gen, oder du hast es nicht. Falsch. Du hast das Gen. Wenn du es nicht hast, arbeitest du woanders. Und so wie Henk sind sie alle besessen. Efteling mag die bekannteste Marke in NL sein — für die, die hier arbeiten, ist es ein Stück Leben. Und ein Stück Familie. Das scheint sich zu übertragen. Über 90 Prozent der Niederländer kommen fünfkommazweimal im Leben. Efteling-DNA. Aber das hatten wir ja schon.




Heiner Frost
Erstellt: 18.03.2007, letzte Änderung: 18.03.2007