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Heiner Frost

Dialog der Monologe oder: Freund und Kupferstecher

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Papier ist flüchtig. Es muss geschützt werden vor Zeit und Zersetzung. Das machen Teile der neuen Ausstellung im Museum Kurhaus Kleve (mkk) deutlich. Zeichnungen und Kupferstiche von Hendrick Goltzius (1558 – 1617) werden im „Dämmerlicht“ präsentiert. Luxe lauern – Lichtkatzen auf dem Sprung.

Sehen und Wissen

Was da zu sehen ist, macht unterschiedlichste Annäherungen möglich. Man kann sich den Werken ergeben; in Details schwelgen – einem Künstler, der vor 500 Jahren starb, beim Wachsen ins eigene Werk über die Schulter sehen. Goltzius war Zeichner, Maler (seine Malerei ist allerdings nicht zu sehen) und Kupferstecher. Man kann aber auch tiefer gehen – kann Goltzius hinterhersteigen in eine Welt aus Mythen und Sagen; eine Welt der Götter, der Tugenden, der Musen, Metamorphosen und des Aufgeladenen. Man kann – manche sagen das – ans Heute erinnert werden. Game of Thrones: Goltzius hat das Laufen gelernt.
Allein die Erklärung zu den Abbildungen der Werke könnte Bände füllen, und vielleicht wächst das Vergnügen am Betrachten von Goltzius Welten mit dem Wissen, das einer mitbringt. Das wird jeder anders sehen. Sehen heißt erleben.

Geht man mit Kuratorin Valentina Vlasic durch die Ausstellung, wird schnell etwas von der Besessenheit spürbar, die Kunst beim Betrachter entfesseln kann. Man habe Wert darauf gelegt, komplette Serien zu zeigen, sagt sie. „Wir könnten das nicht zeigen“, sagt sie, „wenn die Serien nicht vollständig wären“ und weist darauf hin, dass bei den sieben Todsünden eine fehlt.

Harald Kunde, Chef des mkk: „Den Grundstock der Präsentation des Werks von Hendrick Goltzius bildet der Bestand von circa 200 Kupferstichen, der ehemals zur Grafiksammlung des Rheinberger Notars Robert Angerhausen gehörte und der sich bereits seit 1982 im städtischen Besitz Kleves befindet. Hinzu kamen hochrangige Leihgaben.“

Dialog der Monologe

„Proteus & Polymorphia“ (so der Titel der Ausstellung) beschränkt sich allerdings nicht auf die Werke Goltzius‘, dessen Todestag sich 2017 zum 400. Mal jährt, sondern zeigt mit den Arbeiten der Schweizerin Pia Fries eine zeitgenössische Reaktion – eine Transformation ins Jetzt, einen weiter gedachten Goltzius. „Die international renommierte Malerin Pia Fries war 1997 die erste Künstlerin, die eine Einzelausstellung im Museum Kurhaus Kleve erhielt. Bereits damals zeichneten ihr Œuvre dezidierte Bezüge zur Malereigeschichte aus. Punktgenau zum zwanzigjährigen Jubiläum des Museums kehrt sie zurück, um ihr neuestes malerisches Werk, das sich seit 2010 intensiv mit Hendrick Goltzius beschäftigt, in eine sinnfällige Synthese mit seinen hochkomplexen Bildschöpfungen zu setzen“, heißt es im Begleittext. Was ohne Fries‘ Werke eine (zugegeben imposante) Spurensuche im Leben eines bedeutendsten Kupferstechers, Zeichners und Malers seiner Zeit geblieben wäre, wird durch den Kontrapunkt des Modernen zu einem Austausch ohne Worte. Das sagt auch Fries. Es gehe, sagt sie, nicht um Handlungen, nicht um die Erzählung. Es gehe, sagt sie, um die Stofflichkeit der Farben und deren Gewicht. Es gehe um das Körperliche. Aus Goltzius‘ Stichen und Zeichungen reist Fries in Malerische. Es gibt ein Aber: Sie will, scheint es, die Grenzen zwischen Zeichnung und Malerei überwinden – nicht im Alleinigen verhaftet bleiben. In der Art, wie Fries Goltzius spiegelt, lässt sich denken, wie Goltzius seinerseits Bezüge herstellte und Ideen Bild werden ließ. Auch er: Einer, der zitiert, aber es nicht beim Zitat belässt. Es geht um das Additive. Die Ergänzung durch das eigene Denken, das zur gezeichneten Erzählung wird. Am Ende begegnen sich zwei Monolithen zu einem Dialog, der sich aus zwei Monologen zusammensetzt.
Gern würde man erleben, wie wohl Goltzius auf Fries reagiert hätte. Andererseits erscheint die Frage ebenso müßig wie die, was Mozart wohl mit einem Synthesizer angefangen hätte. Wer sich die Ausstellung im Kurhaus ansieht, sollte – schon ob der Fülle der Exponate – Zeit mitbringen und sich überlegen, ob die Zeitreise informationsgestützt (Audioguide, Katalog) oder zunächst einmal zum puren Hinsehen angetreten werden soll. In allem, was es abseits der Bilder zu erfahren gibt, steckt ein erheblicher Mehrwert, der für die einen Lust- und für andere Lastgewinn bedeuten kann. Wenn es stimmt, dass man nur sieht, was man weiß, dann zeigt die Ausstellung, dass es auch ohne Vorwissen jede Menge zu sehen gibt. Der Besuch lohnt sich also in jedem Fall.

Die Ausstellung ist bis zum 11. Februar 2018 zu sehen.

 

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