Schreibkraft
Heiner Frost

Das Nächste bitte.

| Keine Kommentare

Foto: Rüdiger Dehnen

Hand aufs Herz: Im Nachhinein haben es doch alle vorher schon gewusst. Das Wort des anbrechenden Abends: Erdbeben. Dabei hat doch nichts gebebt. Abgewählt die einen – durchgekommen die anderen. Wäre es umgekehrt gewesen, wäre es umgekehrt gelaufen. Es musste doch so kommen.


Ein mittelalter Herr, der sich auf Plakaten als Retter inszeniert und den Zweieinhalbtagebart endgültig zum politischen Requisit veredelt hat, ist – sagen sie im Fernsehen – der beliebteste Politiker im Land. Kann die Mehrheit irren?
Am Vorabend haben sie in Kiew um die Wette gesungen. Portugal hat gewonnen. Ja! Deutschland: Last but one. „Wie konnte das sein?“, fragt ein konsternierter Moderator. Über 60 Prozent der Deutschen hatten sich doch für „ein perfektes Leben“ entschieden – weichgespülte Meterware von der Popkomponistenstange. Und dann gewinnt Portugal … Ach ja: Der Herr mit Zweieinhalbtagebart ist – siehe oben – beliebtester Politiker im Land. Längst feiert er sich und das Leben. Politik kann so schön sein. Auf den Wahlplakaten hat er sich schwarzweiß inszenieren lassen. Am Wahlabend ist der Macher in den Anzug geschlüpft. Turnschuhe? Fehlanzeige.

Ach ja – ein neuer Versprecher macht am Wahlabend die Runde. Auf allen Kanälen kommt er vor: Alle machen sie aus einer Zitterpartie der Linken eine Zitterpartei. Ein Irrtum pflanzt sich fort.
Bei der Wahlparty in der Kreisverwaltung: Bockwurst, Brötchen, Bier und andere Dinge, die leider nicht mit B beginnen. Also: Stabreim ade. Das Haus: Gut gefüllt. Auf drei Leinwänden findet das wirkliche Leben statt. ARD, ZDF, WDR. Dort erblickt um 18 Uhr die Wahlwirklichkeit das Licht der Medienwelt. Jetzt also das Erdbeben. Jetzt also all die, die es doch längst wussten und sich vor vier Minuten nicht festlegen wollten. Jetzt also „NRWeh“! (Die MontagsTAZ zeigt den roten Kanzlerkandidaten mit dem NRWeh auf der Stirn.) Wieder einmal muss er eine krachende Niederlage erklären. Fast kann er einem leid tun. Wieder zollen Vierlierer den Gewinnern Respekt. (Es gehört sich so.) Bei der Berliner Runde ist von Respekt nicht viel zu spüren. Man quatscht sich gegenseitig ins Essen. Mehr schlechtes Benehmen ist kaum möglich als dieses Simultangequatsche im Kampf um die morgen anbrechende Deutungshoheit.

Muss man das verstehen? Nach dem Land kommt der Bund. Die Verlierer sagen, das eine hätte nichts mit dem anderen zu tun. Die Gewinner sagen das nicht. Das Stereotyp des heilsamen Irrtums. Der Landrat findet schon Minuten nach der 18-Uhr-Prognose federnd in den Saal. Sowas geht doch runter wie Öl. Wie gern grüßt man die Gäste und nimmt Gratulationen entgegen. Es ist wie beim Fußball, wo sie vor dem Spiel gegen einen Zwerg immer ins Trudeln geraten bei der Erklärung eines wichtigen Spiels und im Kopf den Gedanken spazierenführen, dass sie den Verlierer nicht unterschätzen werden.

Foto: Rüdiger Dehnen

Den Abgewählten und den Gewählten werden halbwegs seriöse Fragen gestellt. Bei den Blauen sieht die Sache anders aus. „Was wollen Sie künftig im Landtag machen? Bringt das was?“ Niemand hätte dem Mann mit dem Zweieinhalbtagebart diese Frage gestellt. Er gehört ins Spektrum. Die anderen werden ausgegrenzt. So gehört es sich in einer Demokratie. Niemand kann ihnen das Mitspielen verbieten, aber man muss sie ja nicht ernst nehmen. So geht seriöser Journalismus. Da zittern sie nur vor den Gewaltigen und spielen die Mutigen. („Das war aber nicht meine Frage.“ Das zeugt von Heldenmut. Man hakt nach. Das wird gern gesehen.)

Am Tag nach dem Erdbeben muss alles analysiert werden. Nur Verlierer fragen nach den Gründen. Die anderen haben sich dem Sieg ergeben. Die einen, sagen die anderen, hätten nicht klar genug ihre Ziele beschrieben. Ein Totalrücktritt der fast schon  Ex-Landesmutter nötigt allen Respekt ab. (Ich bin abgewählt, trotzdem gehe ich. Das hat sie nicht gesagt. Aber so fühlt es sich an.) Die Gründe: Kölner Silvester, Berliner Amok-Fahrt. Richtig: Fast hätte man’s vergessen. Hätten die anderen regiert, wäre es so weit natürlich nie gekommen.

Die Sieger lassen durchblicken, dass die Unterlegenen irgendwie ohne Botschaft ins Rennen gegangen seien. Der Zweieinhalbtagebart ist ganz anders vorgegangen. „Nichtstun ist Machtmissbrauch!“, sagt er auf einem Plakat, und alles an ihm und um ihn sieht nach Arbeit aus. Nichts Gespieltes. Alles echt. NRWir Verlierer. „Ohne Kraft fehlt dir was.“ Was zu beweisen ist. (Was, wenn wir herausfinden, dass nichts fehlt?) Wie wär’s mit „Wozu noch Frühstück? Ich beiß bei jedem Stau ins Lenkrad?“ Na, das ist doch mal eine klare Kante. Wir dürfen einiges erwarten: NRW demnächstens ohne Stau. Und: „Politik aus den Augen unserer Kinder“. Hat man da was falsch verstanden? Aus den Augen? Und noch was: Auch mit dem Unterrichtsausfall ist es jetzt vorbei. Hurra. Da war doch dieses herzerweichende Schreiben eines Sechsjährigen. Eine tolle Geschichte war das. Alle sind darauf geflogen. Hat eigentlich mal jemand die Hintergründe recherchiert? Wie wär’s mit „Für Jung und Alt Zusammenhalt“. Wow. Witzig geht natürlich auch: „Schön, wenn Frauen wieder den Haushalt machen“. Hanni und Sylvi lassen grüßen.

Das Schlimme: Kaum sind die aktuellen Plakate verschwunden, werden sie uns wieder die Sicht verschmieren mit neuen Parolen von der Gerechtigkeit, von Teilhabe und Nachhaltigkeit Sicherheit und Bildung und nach der nächsten Wahl werden wieder alle alles schon vorher gewusst haben.

Foto: Rüdiger Dehnen

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.